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GEHEIMDIENSTE Orden im Müll

Ein einmaliger Coup ist den Verfassungsschützern gelungen. Anfang September holten sie den 1979 in die DDR entwischten Ost-Agenten Fülle zurück - auf dessen Wunsch und trotz Stasi-Überwachung.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Der Häftling im Fond des Polizei-Opels war, entgegen den Vorschriften, nicht gefesselt. Sein Bewacher vom Bundeskriminalamt, der ihn ins Untersuchungsgefängnis in Karlsruhe bringen sollte, trug keine Waffe.

Als der BKA-Mann beim Aussteigen auf Glatteis ins Rutschen kam, nutzte Reiner Paul Fülle seine Chance. Geistesgegenwärtig sprang er aus dem Wagen und rannte dem hilflos am Boden mit den Beinen rudernden Polizisten davon.

Der westdeutschen Justiz entwischte, in jener chaplinesken Szene am winterkalten 20. Januar 1979, ein Mann, der erst tags zuvor als Top-Agent des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) enttarnt worden war: Fülle, 40, Bilanzbuchhalter der »Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen« beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe, gehörte zur Creme von DDR-Spionen in der Bundesrepublik, die MfS-Überläufer Werner Stiller damals gleich im Dutzend auffliegen ließ.

Aus der blamablen Panne wurde für die bundesdeutschen Häscher jetzt ein spektakulärer Erfolg: Seit drei Wochen ist Flüchtling Fülle wieder da -- auf eigenen Wunsch zurückgeholt von Spezialisten des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Die reumütige Rückkehr des verlorenen Spions scheint für das MfS die peinlichste Schlappe seit dem Frontwechsel des Oberleutnants Stiller. Schon von Ost-Berlin aus soll Fülle den Kölner Verfassungsschützern mehr als ein Jahr lang Material über Technik und Training von DDR-Agenten zugespielt haben. Seine Hinweise können womöglich zur Enttarnung weiterer Ost-Kundschafter führen. Und er dürfte dem Staatssicherheitsdienst einigen Ärger mit den Freunden vom Sowjet-Geheimdienst KGB bescheren.

Vor allem aber ist der Fall Fülle ein Dokument für das psychische Elend, in das die meisten westlichen MfS-Mitarbeiter trotz aller Ehrungen und Privilegien geraten, wenn sie sich vor ihren Verfolgern in die Sicherheit des Ostens retten müssen.

Als Fülle am 20. Januar 1979 übers Glatteis auf und davon eilte, flüchtete er zunächst, so seine Aussage vor BKA-Beamten im Bonner Untersuchungsgefängnis, in die Karlsruher Kunsthalle. Auf einem Fenstersims im dritten Stock harrte der sportlich trainierte Buchhalter, der sich gelegentlich rühmte, 20 Liegestütze auf einem Arm absolvieren zu können, drei Stunden lang in der Kälte aus, bis die Polizei ihre Sofort-Fahndung aufgab.

Die Nacht und den nächsten Tag verbrachte er in der Kunsthalle. Das Versteck schien ihm einstweilen sicher; aber Fülle wußte, daß er kaum eine Chance hatte, aus der Bundesrepublik herauszukommen, denn dazu brauchte er Helfer. Doch der Agent, trickreich und dreist dazu, fand einen Weg.

Während das Fernsehen Fahndungsphotos von ihm sendete, machte er sich auf nach Baden-Baden. Vielleicht, so seine vage Hoffnung, könne die Sowjetische Militärmission dort ihm kollegiale Hilfe leisten. Doch als er sich dem diensthabenden Offizier als »DDR-Agent auf der Flucht« vorstellte und um Unterschlupf bat, schickte der ihn konsterniert weg.

Fülle, mit den Umständlichkeiten des Dienstweges östlicher Behörden vertraut, ließ sich nicht entmutigen. Noch am selben Abend kam er wieder und hatte richtig kalkuliert: Die Rotarmisten, inzwischen wohl mit Direktiven von höherer Stelle versehen, ließen den Flüchtling ein. Im Keller der Militärmission, die wie eine diplomatische Vertretung als exterritorial gilt, war Fülle vor dem Zugriff deutscher Polizisten geschützt.

Die Sowjets verwahrten ihren Gast so lange, »bis ihnen die Luft rein schien« (ein westdeutscher Abwehrmann). Am 30. Januar steckten sie Fülle in eine Holzkiste, in die sie einige Luftlöcher gebohrt hatten. Die Fuhre ging -- mit einem Transporter der Militärmission -- über die Grenzübergangsstelle Herleshausen nach Thüringen S.133 in ein sowjetisches Offiziersheim. Die Amtshilfe der Roten Armee für den MfS-Protege halten Kölner Verfassungsschützer für ein Bubenstück »von unglaublicher Dreistigkeit«. Daß die Angehörigen der Militärmission vor allem für den sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU arbeiten, galt schon immer als ausgemacht; daß sie aber das Risiko eingingen, einen enttarnten Spion aus der Bundesrepublik in die DDR zu schleusen, verblüffte die Kölner Spezialisten.

»Das muß«, so ein Spionage-Experte, »auf höchster Ebene entschieden worden sein, zwischen den Zentralen von KGB und MfS« -- ein Beweis dafür, wieviel der Agent seinen Ost-Berliner Auftraggebern wert war.

Als Fülle nach 450 Kilometern seinem unkommoden Versteck entstieg, empfing ihn ein MfS-Mann, der sich als »Horst« vorstellte -- einer von zwei Stasi-Beamten, die, Betreuer und Bewacher in einem, dem Heimkehrer fortan stets zur Seite standen.

Horst brachte Fülle nach Ost-Berlin, wo der Ex-Spion den zweiten Mann kennenlernte: Christian Streubel, Jahrgang 1935, stellvertretender Leiter der Abteilung 13 der »Hauptverwaltung Aufklärung« des MfS. Die Spezialität des Referats 13, in dem auch Stiller als Sachbearbeiter unter Streubel gearbeitet hatte: Technologie-, Wissenschafts- und Industriespionage.

Über mangelnde Herzlichkeit und Gastfreundschaft konnte Fülle, MfS-Mitarbeiter seit 1963, nicht klagen: Die Genossen nahmen ihren Kundschafter auf wie einen Fußballspieler, der für die Lokalmannschaft im Pokal das entscheidende Tor geschossen hat. »Man wollte«, so Fülle, »mir ein Leben voller Zufriedenheit bereiten.«

In Klein-Machnow bei Berlin, am Jägerstieg 41 a, bekam er ein geräumiges Haus zugewiesen, das früher einmal, wie ihm seine Betreuer vergnügt mitteilten, der Familie des CDU-Abgeordneten Olaf von Wrangel gehört habe. Die Miete betrug 100 Mark -- ein Klacks für Fülle, der vom MfS monatlich 1500 Mark bekam. Als Dreingabe erhielt er zwei Autos: einen 1600er Lada und einen in West-Berlin gekauften Fiat »Mirafiori«. So gut war Fülle alsbald bei Kasse, daß er sich für 9500 Mark ein Motorboot kaufte.

Auch an gesellschaftlichen und staatlichen Ehrungen fehlte es nicht. Das MfS arrangierte für alle von Stiller enttarnten Agenten, die sich rechtzeitig in die DDR hatten absetzen können, einen prunkvollen Empfang. Auf der Liste der Redner, die den Heimgekommenen ihren Dank ausdrückten: Stasi-Minister Erich Mielke und der legendäre Spionage-Chef Markus Wolf, Generaloberst, Vizeminister und Chef der Hauptverwaltung Aufklärung.

Fülle bekam den Vaterländischen Verdienstorden in Gold und, als Zeichen besonderer Wertschätzung, einen Ehrenplatz: »Bitte, Herr Fülle«, so der Minister Mielke, »nehmen Sie doch neben mir Platz.«

An der Universität Leipzig begann der Bilanzbuchhalter im Fernstudium Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Es ging flott voran: Schon für diesen Herbst war das Examen geplant, danach sollte er seinen Doktor machen. Um dem Kandidaten mißliche Überraschungen zu ersparen, beschaffte das MfS -- eine kleine Aufmerksamkeit unter Kollegen -- die Fragen für die mündliche Prüfung im voraus.

Als Vortragsreisender und Herzeige-Agent des MfS fuhr Fülle nebenbei kreuz und quer durch die DDR. Mal sprach er vor Studenten »über den Opportunismus der Arbeiterklasse in der BRD«, mal teilte er angehenden Agenten, die für einen Einsatz in der Bundesrepublik vorgesehen waren, praktische Erfahrungen mit.

Vor Botschaftern und Botschaftsräten der DDR im westlichen Ausland referierte er derart packend über das »Leben eines Kundschafters im Operationsgebiet«, daß Ewald Moldt, Chef der Bonner DDR-Vertretung, spontan gratulierte: »Das war ungeheuer interessant, sehr lehrreich.« Aber, so Moldt fachmännisch, in anderen Ländern, etwa in Japan, herrschten ja wohl andere, meist schwierigere Bedingungen.

Mit seinem Aufpasser Streubel kam Fülle, ein kontaktfreudiger Typ und Kneipenmensch, glänzend zurecht. Vertrauensselig berichtete der Offizier über Familiäres und Berufliches -- was ihm jetzt, so Bonner Experten, »vermutlich die Karriere ruinieren wird«.

Denn in Fülle setzte sich schon nach dem ersten DDR-Jahr die Überzeugung fest, daß »seine Probleme durch die Flucht nicht gelöst« seien. Spion aus Abenteuerlust eher denn aus Überzeugung oder Geldgier, fühlte er sich im engen Netz von Regeln, Vorschriften und Konventionen, die ihm das Leben eines pensionierten DDR-Agenten auferlegte, zunehmend unwohl. Hinzu kamen familiäre Probleme: Obwohl das MfS drängte, zeigten Frau und Tochter geringe Neigung, nach Ost-Berlin überzusiedeln.

Bei seinen alten West-Kollegen fand Fülle wenig Trost. Die meisten, so der Agent, lebten in wachsender psychischer Vereinsamung, mit dem nicht mehr zu verdrängenden Gefühl eines verpfuschten Lebens. Fülle: »Denen kommen die Tränen, wenn sie das Westfernsehen einschalten.« Der Physiker Johannes Koppe etwa, bis zu seiner Enttarnung 1979 bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken beschäftigt, halte das DDR-Leben »nur mit täglich einer Flasche Schnaps« aus.

Zu Beginn des Jahres 1980 entschloß Fülle sich, in die Bundesrepublik zurückzukommen. Über Mittelsmänner und nachrichtendienstliche Kanäle nahm der Agent, an seinen genarrten MfS-Aufpassern vorbei, Kontakt zum S.134 Kölner Verfassungsschutz auf. Wenn man ihm helfe, so sein Angebot, sei er bereit, erneut die Seite zu wechseln. Lieber mochte Fülle im Westen einige Jahre ins Gefängnis gehen, als den Rest seines Lebens im Ost-Getto zu verbringen.

Die Kölner hatten es nicht eilig, ihren Mann zurückzuholen. »Wir wollten«, so ein Abwehrmann, »seinen Aufenthalt noch etwas ausnutzen.« Anderthalb Jahre habe Fülle, längst mehr Opfer denn Akteur im Spiel der Geheimdienste, fleißig Material geliefert: Beobachtungen über das Verhalten von MfS-Offizieren, Angaben über Ausbildungszentren, Namen und Adressen.

Jetzt aber konnte Fülle nicht länger auf Posten bleiben. Am Donnerstag dieser Woche, so wollte es der Staatssicherheitsdienst, sollte Fülles Familie in die DDR umziehen. In der Nacht vom 5. auf den 6. September ließ sich der Ost-West-Agent in den Westen schleusen.

Den Vaterländischen Verdienstorden in Gold ließ Fülle zurück -- in der Mülltonne seines Hauses in Klein-Machnow, sagt er.

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