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Briefe

ORDNENDE HAUSPOSTILLE
aus DER SPIEGEL 52/1970

ORDNENDE HAUSPOSTILLE

(Nr. 49/1970, SPIEGEL-Essay von Joachim Fest: Die verneinte Realität)

Joachim Fest hat in seinem Essay über die Neue Linke die fragwürdige Methode angewandt, seine zentrale These, die Protestbewegung sei Im Kern gegenrevolutionäre Romantik, nicht etwa an der Realität zu überprüfen, sondern als Filter zu benutzen, um nur die Phänomene der neuen Opposition in sein Bild von ihr aufzunehmen, die mit seinem Vorurteil vereinbar sind. Diese Methode verführt ihn neben einer Reihe eher kurioser Fehleinschätzungen auch zu der ebenso realitätsblinden wie beleidigenden Unterstellung, die jugendliche Widerstandsbewegung stehe eher in der Tradition der antisemitischen Rassisten Gobineau, Lagarde und Moeller van den Bruck als in der entgegengesetzten Marx« und Lenins.

Frankfurt KLAUS GOLDECK

Wenn das Feuilleton sich au! Phänomene einläßt, die es lieber dem Ressort Politik überlassen sollte, kommt dabei heraus: Feuilleton. Die paar Aphorismen, diese beflissene Nörgelei, die sich aufgeklärt gibt, sind so neu nicht, Herr Fest. Die Gleichsetzung von Rot und Braun, von Neuer Linker und Faschismus gehört zur eisernen Argumentationsration derjenigen, die an der Beibehaltung des augenblicklichen gesellschaftlichen Anstandes mit all seinen Mängeln interessiert sind. Vielleicht wäre es doch ganz nützlich, ein wenig Faschismustheorie (empfehlenswert: Tholheimer, Otto Bauer) und Politökonomie zu büffeln, ehe man die Schreibmaschine in Tätigkeit setzt und Dutschke und Enzensberger in die Nähe von Gregor Strasser rückt. Das Geschäft der Denunziation der Linken -- die Regierung Brandt hier einmal eingeschlossen -- besorgen die Löwenthals, Habes und Springers zur Zeit doch sowieso besser als ausgerechnet der SPIEGEL!

Köln WOLFGANG STENKE

Ziel: Den »weltweiten Protest« wieder einmal auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und als autoritär zu durchschauen.

Ergebnis: Kapitalist Jagger, Soziologe Marcuse, Marxist Cohn-Bendit, Rocker, Provos und Woodstock-Konsumidioten, alle, alle wollen im Grunde doch nur eins: die gute, alte, idyllische Zeit, »das Glück unter der Linde«. Methode: Verquickung verschiedenster Motive, geschickt exzerpierende Zitatensammlung.

Folgerungen: Hinter allem Protest steckt ein romantisch-autoritärer Urgeist.

Kritik: So weit, so schlecht (schlecht gemacht). Aber nachdem das »Schlachtgetümmel« durchschaut und eingeteilt ist, schürt Kriegsberichterstatter Joachim Fest auch noch die Angst: Auch hier steht die Romantik »im Dienste anderer(?), unromantischer Energien. Nun rätsele, o Leser, was das wohl für Energien sind. Der SPIEGEL eine beschaulich ordnende Hauspostille.

Köln ALBERT SCHMIDT

stud. päd.

Die Gleichsetzung von rechtem und linkem Protest macht es deutlich; für die Ideologie der Mitte, für die Apologie des Bestehenden. Das wird Fest ganz gewiß bestreiten, er hat es, mit diesem literarischen Versuch, auch ganz gewiß nicht gewollt. Aber er wird es merken. An dem Beifall »von der falschen Seite": es ist die Seite, die sich durch diesen Essay von Anfang an bestätigt fühlen kann und fühlen wird. Stuttgart PETER MÜLLER

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