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Briefe

Organisation des Mangels
aus DER SPIEGEL 28/1948

Organisation des Mangels

In Ihrer Nummer vom 26. Juni 1948 brachten Sie einen sehr lesenswerten Aufsatz über das Schicksal eines Rußlandheimkehrers, zu dem ich von der Arbeit einer Behörde aus weniger eine Entgegnung als eine Ergänzung geben möchte. Es läßt sich nicht bestreiten, daß es für Menschen, die während der letzten acht Jahre die allmähliche Entwicklung des Apparates zur Organisierung des Mangels nicht mitgemacht haben, sehr bedrückend sein muß, sich nach eben gewonnener Freiheit in neue Beschränkung fügen zu müssen.

Die Frage, ob es sich nicht einrichten ließe, daß die Heimkehrer alle Berechtigungen in einer zentralen Betreuungsstelle erhalten könnten, ist immer wieder erörtert worden. In kleinen und mittleren Städten läßt es sich, wie z. B. die Praxis von Bielefeld zeigt, durchführen. In größeren dagegen ist das bis jetzt nicht gelungen.

Daß alle Heimkehrerstellen in erster Linie unter dem Motto der Hilfsbereitschaft arbeiten, ist selbstverständlich. Aber gerade deshalb sind sie auch ein Anziehungspunkt für solche, die gern ohne Anspruch einen Vorteil erringen wollen. Und manche Mühe muß dem Heimkehrer auferlegt werden, um die Schnorrer fernzuhalten.

Käme Walter Holzhausen heute zurück, so würde er seine Mutter sicher schneller gefunden haben. In vorbildlicher Zusammenarbeit der Suchdienst-Zonenzentralen Hamburg, Berlin und München werden die Suchanträge der heimatlosen Heimkehrer in Tag- und Nachtarbeit unter Zuhilfenahme von Flugzeug, Fernschreiber und Rundfunk in 1 - 3 Tagen beantwortet, 60 - 70 Prozent der Anträge können positiv beantwortet werden. Sie mögen daraus erkennen, daß Hilfen, die im Rahmen des Möglichen liegen, auch wirklich gegeben werden. Daß dieser Rahmen recht eng ist, zeigt die Ausstattung Holzhausens nur mit Turnschuhen. Die Bekleidungsfrage ist eine der schwierigsten. Als es kürzlich gelang, einen kleinen Posten aus US-Beständen für Heimkehrer locker zu machen, haben die Länder bei der Aufteilung, man kann fast sagen, erbitterten Kampf um diese Sachen für ihre Heimkehrer geführt. Eine Wohlfahrtsorganisation hat es mit einer Lumpensammlung im Ausland versucht, um in Deutschland daraus Anzugstoffe wirken zu lassen, die Heimkehrern zugute kommen werden.

Ein weiteres Sorgenkind der Heimkehrerbetreuung ist die wohnungsmäßige Unterbringung und die Arbeitsverwendung. Ganz besonders trifft das für viele heimatlose Heimkehrer zu, die überhaupt keinen Anhang mehr haben oder ihre Angehörigen irgendwo als Flüchtling wiederfinden, wo für ihren Beruf keine Verwendung besteht. Auf diesem Gebiete Ausnahmen von der scharfen Zwangswirtschaft zu erreichen, hält besonders schwer, weil Millionen Flüchtlinge durch den Zufall an irgendeinen Ort gespült wurden ohne Rücksicht auf ihre beruflichen Bedürfnisse und ebenso wie die Heimkehrer berechtigte Wünsche haben.

Die Zahl der heimatlosen Heimkehrer ist leider beträchtlich. Bis sie einen Platz im allgemeinen Leben gefunden haben, ist eine Heimunterbringung oft notwendig. Diese Heime waren aber nicht einfach vorhanden, sondern mußten erst geschaffen werden; da fehlte alles, der Teller sowohl wie der Stuhl, das Bett und auch die Lampe. Wie froh mag der Heimleiter gewesen sein, als er endlich die harten Holzpritschen, von denen Sie etwas absprechend schreiben, beschafft hatte, um seine Gäste zu setzen. Daß unsere Heimkehrer Besseres verdienten, wissen wir alle; doch kann nur gegeben werden, was Not und Armut gestatten. Größere Möglichkeiten, als in der Vervollkommnung einiger behördlicher Maßnahmen würden sich für die Linderung der Heimkehrernot bieten, wenn die Oeffentlichkeit sie stärker als eine allgemeine Sache empfände und für sie Herz und mehr noch die Hand zu ihrer Linderung öffnete.

Hamburg

DR. PFEFFERKORN

Referent f. d. Ausschuß f. Kriegsgefangenen - Angelegenheiten im Sekretariat des Zonenbeirats.

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