Zur Ausgabe
Artikel 26 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VEREINE Orientalische Verhältnisse

Die Deutsch-Arabische Gesellschaft, einst ein angesehener Diplomatenzirkel, steht wegen interner Querelen vor dem politischen Aus.
Von Daniel Rettig
aus DER SPIEGEL 16/2007

Es sollte eine Nacht im Zeichen der Freundschaft zwischen Orient und Okzident werden. Bereits am Eingang des Berliner Hotels Adlon schallte den Besuchern von Vertretern der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) ein herzliches »Ahlan wa-sahlan« entgegen, Arabisch für »Herzlich willkommen«.

Fast 200 Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur freuten sich auf geistreiche Gespräche. Die Botschafter aus Nah- und Mittelost verliehen der Gesellschaft einen Hauch von Exotik. Es galt, der zuletzt etwas ins Gerede gekommenen Deutsch-Arabischen Gesellschaft zu neuem Glanz zu verhelfen.

Doch, ach: Kaum hatten sich bei der jüngsten Zusammenkunft Ende März die Türen des Adlon geschlossen, nahm das Treffen eine jähe Wendung. Was den Streit auslöste, lässt sich für Außenstehende kaum nachvollziehen. Sicher ist, dass der Botschafter eines arabischen Landes den Eindruck gewann, auf unziemliche Weise »angeschrien und beschimpft« zu werden. Viele Diplomaten fühlten sich betrogen. Man hatte ihnen Vorstandsposten versprochen, eine Zusage, die plötzlich nicht mehr gelten sollte.

Dann gab offenbar ein Wort das andere. Von »Gebrüll und Geschimpfe« berichtet ein Teilnehmer. Ein anderer fühlte sich an raufende »Schulkinder« erinnert. »Wir sind hier nicht in Ihrem Königreich«, sei noch eine der freundlicheren Bemerkungen gewesen, die sich der Vertreter eines stolzen arabischen Staates von einem der deutschen Vertreter habe anhören müssen.

Völlig aus dem Ruder lief die Veranstaltung, als der Deutsche-Bahn-Vorstand Otto Wiesheu, einst bayerischer Wirtschaftsminister und seit drei Jahren mit dem Vorsitz der Deutsch-Arabischen Gesellschaft betraut, plötzlich seine Sachen packte. Seit Monaten bereits hatte er sich hinter den Kulissen mit seinem Generalsekretär Harald Bock gezofft. Es ging um verletzte Eitelkeiten und darum, wer im Verein eigentlich das Sagen hat.

Als Wiesheu eine Abstimmung um eine Satzungsänderung verlor, mit der er die Befugnisse seines Kontrahenten begrenzen wollte, platzte ihm der Kragen. Bündig erklärte er seinen Rücktritt und rauschte davon.

Der Eklat markierte den vorläufigen Tiefpunkt einer Organisation, die jahrelang zu den wichtigsten halboffiziellen Kontakthöfen in den arabischen Wirtschaftsraum gehörte. Man rühmte sich, bei Wasserpfeife und Bauchtanz allerlei Interessen zu befördern. Den Vertretern der Industrie ging es vor allem darum, in diskreter Runde über Geschäftliches zu reden.

Doch seit einiger Zeit scheint die illustre Gesellschaft wie von allen guten Geistern verlassen. Es begann damit, dass sie sich in Treue fest auf die Seite ihres damaligen Vorsitzenden Jürgen W. Möllemann stellte, als der wegen seiner israelfeindlichen Attacken im Jahr 2002 von seinen politischen Ämtern in der FDP zurücktreten musste. SPD-Politiker wie Christoph Moos-

bauer verließen den Vorstand des Vereins aus Protest gegen die antijüdischen Tendenzen.

Als im Mai vergangenen Jahres schließlich ein radikalislamischer Minister der palästinensischen Hamas-Regierung zu Besuch kam, sorgte das für diplomatische Verwicklungen auf höchster Ebene. Bundeskanzlerin Angela Merkel musste sich öffentlich distanzieren - der Hamas-Minister steht auf der Terrorliste der Europäischen Union und gilt als Persona non grata.

Auch die jüngsten Ereignisse bei der DAG lassen Schlimmes befürchten. Aus dem Chaos bei der Berliner Veranstaltung ragte am Ende ein Sieger hervor, mit dem - im Sinne eines Neuaufbruchs - niemand hatte rechnen können: der Publizist Peter Scholl-Latour.

Dass ausgerechnet der 83jährige Welterklärer den ramponierten Verein in die Zukunft führen könnte, fällt selbst den Beteiligten schwer zu glauben. Nach Wiesheus Rücktritt habe man schnell Ersatz gebraucht, erinnert sich ein Teilnehmer. Und Scholl-Latour, den Anwesenden bekannt durch israelkritische Berichterstattung ("Lügen im Heiligen Land") sowie die bizarre Forderung nach einer atomaren Bewaffnung Deutschlands, habe sich nicht heftig genug gegen eine Nominierung gewehrt. Dafür kommen auf ihn nun schwierige Aufgaben zu. Zunächst einmal müsste Scholl-Latour versuchen, die Botschafter der Arabischen Liga zu besänftigen. Wegen der »Spaltung und Orientierungslosigkeit« des Vereins haben sie erklärt, »zunächst nicht mehr zu den Treffen zu gehen«.

Auch das Verhältnis zu den Berliner Politikern bedarf der Reparatur. Nach der SPD haben auch Vertreter der Union erklärt, mit dem Laden nicht mehr in Verbindung gebracht werden zu wollen. Das Außenamt legt Wert auf die Feststellung, dass keines seiner Referate auch nur im Geringsten an den Vorkommnissen Anteil nehme.

Der Elan des neuen Vorsitzenden scheint gebremst. Seine Erinnerung an die Sitzung selbst ist getrübt. »Mir ist heute immer noch nicht ganz klar, worum der Streit ging«, bekennt der Senior.

Ihm fehle leider die Zeit, sich in die Details einzuarbeiten. Und so sei es doch auch bei seiner Amtsübernahme abgesprochen gewesen: »Die Voraussetzung war«, so Scholl-Latour, »dass ich nichts zu arbeiten habe.« DANIEL RETTIG

* Mit dem Botschafter Marokkos in Deutschland, Mohammed RachadBouhlal, im Februar in Berlin.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.