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Selbstmörder Ort fürs Lebensende

Seit mehr als einem Jahrhundert zieht die Großhesseloher Isar-Brücke in München Selbstmörder zum Sprung in den Tod an.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Der sportliche Herr auf dem Rennrad fährt zögernd den Trampelpfad entlang. In respektvoller Entfernung zu dem mächtigen grauen Brückenpfeiler macht er halt. Lange steht er einfach nur da.

Vier Grablichter liegen dort im nassen Gras, verloschen, kleine Regenpfützen in der Kuhle zwischen Wachs und rotem Plastik. Daneben ein Stückchen aufgeweichtes Kinder-Briefpapier, die blaue Tinte fast völlig verlaufen. »Liebe Aussichtslose!« steht darauf, datiert vom 10. Mai, »War Eure einzigste Lösung . . .«, der Rest ist vom Frühlingsregen verwaschen.

Keine hundert Meter weiter wieder ein Grablicht, Blumen, in wasserdichte Folie eingeschlagene Brieflein: »Lieber Momi, Du wirst immer in unseren Herzen bleiben.« In der zweiten Klarsichthülle fragen Karo, Sonja und Karin: »WAR-UM?«

Nur wenige Tage zuvor haben sich hier, an der 35 Meter hohen Großhesseloher Brücke in München, zwei junge Menschen in die Tiefe gestürzt. Am 30. April sprang der erst 12jährige Jan, »Momi« genannt, sechs Tage später folgte ihm ein 15jähriges Mädchen. Eine Radfahrerin fand den zerschmetterten Körper.

Den Mann, der still vor den kleinen Altären steht, hat es an diesem grauen Sonntag aus Betroffenheit hergetrieben: »Heute«, sagt er, »sind es diese Kinder. Morgen kann unsere Familie dran sein.«

Herbert Mayer** lebt seit rund 28 Jahren in München. Als er 1992 seinen Job verliert, zieht er weg, die Familie kommt mit. Seit zwei Jahren sind sie nunmehr wieder da. In neuer Umgebung, neuer Wohnung, der Sohn geht in eine neue Schule.

Für den 16jährigen ein paar Brüche zuviel. Als er in der Klasse unter Druck gerät, spricht er immer öfter von Selbstmord. Wochenlang wird der Junge in der Münchner Heckscher Klinik für Kinderpsychiatrie behandelt. Angeblich, so sagen die Ärzte, ist er über dem Berg.

Doch der Vater ist sich seines Sohnes nicht mehr sicher. »Wenn so etwas drinsteht wie die Selbstmorde der beiden Kinder«, sagt er, »verstecken wir alle Zeitungen.«

Als der Junge an diesem Morgen sein Fahrrad nahm, ist ihm der Vater heimlich hinterhergefahren. »Ich mußte einfach sichergehen, daß er nicht zu dieser Brücke fährt«, bekennt Mayer verlegen.

Die Eisenbahnbrücke über die Isar im Süden von München gilt seit mehr als einem Jahrhundert als geradezu magischer Anziehungspunkt für Lebensmüde. Hoch über dem grün dahinrauschenden Fluß ist am Horizont die Silhouette von München zu sehen, unten am Wasser laufen Jogger entlang. Auf dem Kiesbett sind überall kreisrunde Spuren von Grillfeuern zu sehen, am Ufer schnattern ein paar Enten.

An schönen Tagen weht der Wind die Jazzklänge aus der nahen Waldwirtschaft Großhesselohe herüber, Mountain-Biker radeln über die Holzplanken des Fußgängerstegs direkt unter den Gleisen.

1877 sprang der erste, seitdem reißt die Serie nicht mehr ab. 1978 schrieb der Münchner Merkur von über 300 Toten, andere Blätter zählen 286 Tote, offizielle Angaben gibt es nicht. Doch die Zahl steigt stetig.

In den zwanziger Jahren galt die Überführung unter Londoner Dandys als besonders »fashionabler Ort fürs Lebensende«. 1926 berichtete die Frankfurter Zeitung von dem der Brücke »anhaftenden Odium und ihrer Suggestionskraft für Verzweifelte«. Mittlerweile wird das Großhesseloher Viadukt in einer Reihe genannt mit der Golden Gate Bridge von San Francisco und der Clifton Suspension Bridge nahe dem englischen Bristol.

Allein in den Jahren 1955 bis 1959 versuchten 64 Menschen, sich von der Brücke zu stürzen. 37 konnten im letzten Augenblick gerettet werden. Ein 19jähriger Mechaniker blieb 1964 - schon im Fallen - mit dem Mantel am Schutzgitter hängen. Eine Viertelstunde schwebte er zwischen Leben und Tod. Dann hievte ihn ein Polizist wieder auf die Brücke zurück.

Vielen ist der Sprung allein noch nicht todsicher genug: Ein Mann schoß sich zuerst mit einem Kleinkalibergewehr eine Kugel in den Kopf und ließ sich dann fallen. Ein anderer schnitt sich die Halsschlagader auf, bevor er sich hinabstürzte.

Der 12jährige Jan, der sich jetzt das Leben nahm, wußte nichts von der Geschichte ** Name von der Redaktion geändert. _(* Im August 1990 an der ) _(Großhesseloher Brücke; ein Psychologe ) _(konnte den jungen Bergsteiger vom Sprung ) _(abhalten. )

der Brücke. Als er an jenem Dienstag nach der Schule in den Bus stieg und sagte: »Ich fahr'' jetzt zur Brücke und springe«, da glaubte ihm keiner.

Der Junge war erst seit kurzem an seiner neuen Schule, dem Pater-Rupert-Mayer-Gymnasium im Münchner Vorort Pullach. Jan fand nur schwer neue Freunde. Zu Hause hatte er keinen zum Reden. »Ich bring'' mich um«, sagte er ein paar Tage vor seinem Tod - und lachte dabei.

In seinem Religionsheft hatte er das eigene Ende längst vorweggenommen: Unter einer angedeuteten Brücke malte er einen toten Körper, der heftig blutet.

»Etwas Spektakuläres an den Schluß setzen«, das könnte, sagt Andreas Müller-Cyran, der Grund für den Sprung von der Brücke sein. Müller-Cyran, 33, leitet das Münchner »Kriseninterventionsteam«, das sich um die seelischen Nöte der Angehörigen kümmert. Das Team betreut die Kinder und Eltern aus Jans Klasse, die sich mit Schuldgefühlen quälen.

Auch der Münchner Polizeipsychologe Manfred Langer, 47, interpretiert den Sturz von der Brücke als letzte Demonstration: »Es ist doch ein Unterschied, ob ich mich irgendwo still im Forstenrieder Park an einen Baum knüpfe oder über die Brücke springe. Die setzen an der Brücke ein Zeichen, nach dem Motto: Wenn schon tot, dann g''scheit.«

In Deutschland versuchen täglich 60 Jugendliche, sich das Leben zu nehmen, rund 12 000 Menschen sterben jedes Jahr durch Freitod. Durchaus unterschiedlich: Küstenbewohner gehen statistisch häufiger ins Wasser, Soldaten und Polizisten greifen eher zur eigenen Waffe. Die am meisten verbreitete Art der Selbsttötung ist das Erhängen, berichtet Thomas Bronisch, Leiter der Psychiatrischen Ambulanz an der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie.

Doch in München ist der »Sturz aus der Höhe« _(* Auf dem Fußgängerüberweg der ) _(Großhesseloher Brücke. )

(so die amtliche Statistik) noch häufiger - meist von der Großhesseloher Brücke. Allein im letzten Jahr kamen acht Fälle hinzu.

»Offensichtlich gilt der Sprung von der Brücke in München als vertraute Methode«, sagt Psychiater Bronisch, einer der führenden Selbstmordforscher in Deutschland. Stürze sich dort einer hinab, wirke das geradezu ansteckend auf andere Lebensmüde, sobald sie davon erfahren.

In großen weißen Graffiti-Lettern prangt an einem Brückenpfeiler der Satz: »Only the good die young«. Daneben, knapp über dem schlichten Kreuz aus angeschwemmten Ästen für das tote 15jährige Mädchen ein weiterer Spruch: »Das Leben ist der Schlaf, der Tod ist das Erwachen«.

Besser kann man Selbstmord nicht verharmlosen. Doch der Sturz in den Tod ist kein letztes Bungee-Jumping mit ultimativem Thrill, kein Schwung in die ewige Freiheit. Polizeipsychologe Langer hat selbst zwei Lebensmüde von der Brücke geholt: »Die erleben keinen Kitzel, keine Spannung. Die sind fertig.«

Seinen letzten Brücken-Einsatz hatte Familienvater Langer im Oktober. Ein 35jähriger Mann hatte sich auf die Eisenbahntrasse geschwungen. Erst nach langem Zureden kam er herunter. »Die Schönheit der Lage, die Vollmondnacht, der Blick ins Isartal, das wird so jemandem doch gar nicht bewußt«, sagt Langer.

1990 wurde er zu einem jungen Bergsteiger gerufen, der sich auf einem gerade mal 15 Zentimeter breiten Sims von außen an die Brücke klammerte. Der Mann hatte Streit mit seiner Freundin, dazu Streß im Studium - und war eigentlich nur noch auf eines stolz: sein Können als Kletterer. Als der leicht an Höhenangst leidende Psychologe den Todeskandidaten ehrlich erstaunt fragte: »Ja, Wahnsinn, wie sind Sie denn da hingekommen?«, begann der Weg zurück ins Leben.

Hundert Meter von der Brücke entfernt betreibt ein Kioskbesitzer seinen Imbiß. Der Mann kriegt regelmäßig mit, wenn wieder einer springt: »Das hört sich an, als wenn man eine große Melone aus dem vierten, fünften Stock wirft. Das patscht richtig.« Einer seiner Stammgäste, der Münchner Stephan Leindecker, kippt schnell einen Apfelkorn runter, bevor er sich wieder der Brücke zuwendet. »Das dauert doch ein paar Sekunden, bis du unten bist. Vielleicht bereust du''s in der Mitte.«

Schon 1955 schrieb der Münchner Fabrikant Heinz Kilfitt, der nahe der Brücke ein 100-Mann-Unternehmen betrieb, einen offenen Brief an die Bundesbahn, der die Brücke gehört: »Wiederholt ist es vorgekommen, daß Selbstmörder in die badende Menge hineingesprungen sind. In einem Falle wurden Schädelteile unter neugieriger Anteilnahme vieler Zuschauer, darunter Kinder verschiedenen Alters, mit Schaufel und Besen zusammengefegt.«

Immer wieder haben betroffene Eltern eine Patrouille an der Brücke gefordert, Netze unter dem Gleis, höhere Gitter. 1954 stellten Privatleute eine Madonna und ein Kruzifix an der Brücke auf, um Selbstmörder abzuschrecken.

1957 zeigte Unternehmer Kilfitt sogar den bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner »wegen fahrlässiger Tötung und Mitschuld am Tod von wenigstens zehn Menschen« an. Der Mann wollte mit aller Macht erzwingen, daß die Landesregierung endlich ein Gitter anbringen ließ.

Die Anzeige wurde zwar niedergeschlagen, doch kurz darauf gab es die erste feste Sicherung. 1985 schließlich wurde der Fußgängerüberweg beim Neubau der Brücke für 1,7 Millionen Mark wie ein Raubtierkäfig rundherum solide vergittert. Nur ein schmaler Betriebsweg direkt neben den Gleisen ist noch offen.

Jetzt soll - so zumindest der Wunsch vieler Eltern - auch dieser Pfad unzugänglich werden. Doch die Bahn winkt ab. »Es gibt dazu keine Überlegungen«, sagt Bahnsprecher Franz Lindemair. »Wenn wir diesen Abschnitt dichtmachen, werfen sich die Lebensmüden woanders vor den Zug. Wir haben ohnehin mehr Tote an der Strecke als an Brücken.«

In San Francisco hat man sich vor drei Monaten entschlossen, eine Dauerpatrouille einzurichten, die Verzweifelte von der Brücke holen soll. 124 000 Dollar soll die »Anti-Selbstmord-Mission« im Jahr kosten. Doch davon hält Andreas Müller-Cyran nichts: »Wir können die Gesellschaft nicht wasserdicht machen. Wenn die Brücke unzugänglich gewesen wäre, hätten sich die jungen Leute eben vor die U-Bahn geworfen. Man kann doch nicht alle Krawatten verbieten, nur damit niemand mehr einen Strick findet.«

Vielen ist der Sprung in die Tiefe nicht todsicher genug

»Das hört sich an, als wenn man eine Melone wirft«

** Name von der Redaktion geändert.* Im August 1990 an der Großhesseloher Brücke; ein Psychologe konnteden jungen Bergsteiger vom Sprung abhalten.* Auf dem Fußgängerüberweg der Großhesseloher Brücke.

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