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WELTFINANZEN Oskar auf Werbetour

Mit einem Besuchsmarathon will Finanzminister Lafontaine weltweit stabile Wechselkurse propagieren. Seine Kollegen sind reserviert - und die Bundesbank ist strikt dagegen. Der Regierung droht ein neuer Konflikt mit den Währungshütern.
aus DER SPIEGEL 47/1998

In Zimmer 245 von Haus IV des Finanzministeriums sprach ein alter Bekannter der Beamten, doch die Stimmung war frostig. Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark, bis vor kurzem selbst Staatssekretär im Finanzministerium, erteilte den neuen Herren des Hauses eine klare Absage.

Die Währungshüter würden keinen gemeinsamen deutsch-französischen Vorstoß für stabile Wechselkurse mittragen, sagte Stark am vorigen Dienstag, »auf keinen Fall«.

Ein neuer schwerer Konflikt zwischen der Bundesregierung und der Bundesbank bahnt sich an, wieder wehren sich die Währungshüter gegen die ökonomischen Lehren von Oskar Lafontaine.

Eine regelrechte Aktionswoche für stabile Wechselkurse wollte der Finanzminister veranstalten, und die gemeinsame Erklärung sollte den würdigen Auftakt bilden.

Jetzt wird Lafontaine am Montag beim deutsch-französischen Finanz- und Wirtschaftsrat zusammen mit seinem Amtskollegen Dominique Strauss-Kahn - ohne den Segen der Währungshüter - eine Erklärung abgeben, wie sich die beiden die Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte vorstellen.

Nach dem Wirtschaftsrat mit Strauss-Kahn geht es am Dienstag nach Brüssel zum Währungsausschuß der Europäischen Union. Dort trifft der Neue aus Deutschland zum erstenmal seit der Amtsübernahme auf seine EU-Kollegen. Für den Donnerstag plant Lafontaine einen Doppelschlag: morgens Rom, nachmittags London. So schnell wie möglich soll dann auch noch Washington folgen.

Drei Wochen nach seiner Vereidigung, nach harscher Kritik an seiner Steuerreform und einer umstrittenen Attacke auf die Bundesbank, kann sich Lafontaine endlich seinem Lieblingsthema zuwenden: der Weltwirtschaft im allgemeinen, den bedrohlichen Wechselkursschwankungen im besonderen.

In den Gesprächen will Lafontaine seine Kollegen von den Vorzügen einer neuen, weltweiten Finanzarchitektur überzeugen. Die großen Währungen, also Dollar, Yen und Euro, sollen aneinandergekoppelt werden. Nur noch in vorgegebenen Bandbreiten, nicht mehr wie bisher völlig frei, sollen die Devisenkurse hin und her schwanken dürfen. Auf diese Weise ließen sich, das jedenfalls glaubt Lafontaine, Störungen auf den Güter-, vor allem aber auf den Arbeitsmärkten vermeiden.

Das theoretische Rüstzeug für seinen Plan stellt Lafontaines neuer Staatssekretär, der Wissenschaftler Heiner Flassbeck. Der sieht in spekulativen Schwankungen der Wechselkurse die größte Gefahr für die Weltwirtschaft. Seine Lösung: ein System stabiler Wechselkurse, das sich in bestimmten Zielzonen bewegt (siehe Grafik).

Drei große Blocks sollten künftig die weltweite Währungsszene beherrschen: Euro, Dollar und Yen. Näherten sich die Inflationsraten der Währungen an, würden auch die Wechselkurse nicht mehr so schwanken wie bisher, hofft Flassbeck. Kleine Länder könnten ihr Geld dann mit stabilen Wechselkursen an eine dieser Leitwährungen koppeln, empfiehlt er. Innerhalb dieser Blocks müsse dann »geordnet« auf- und abgewertet werden.

Die Zeit für die neue Finanzarchitektur hält Flassbeck jedenfalls für gekommen. »So offen wie jetzt war die Weltwirtschaft noch nie für diese Fragen«, macht er sich und seinem Dienstherrn Mut.

Die Weltwirtschaft vielleicht, nicht jedoch die Bundesbank. Am Dienstag vergangener Woche machten die Währungshüter Lafontaines Leuten deutlich, was sie von dessen Vorstellungen zur Wechselkursstabilisierung halten: bestenfalls überhaupt nichts.

Nur fünf Tage, nachdem Lafontaine bei seinem Antrittsbesuch in Frankfurt mit seiner Forderung nach niedrigeren Zinsen klein beigeben mußte ("Niemand plant, die Unabhängigkeit der Bundesbank anzutasten"), kam in Bonn neuer Streit auf - noch dazu vor den Augen einer französischen Delegation. Beamte des deutschen und des französischen Finanzministeriums sowie Vertreter der Notenbanken beider Länder hatten sich versammelt, um den gemeinsamen Finanzrat vorzubereiten.

Stark und seine Kollegen fürchten, Bundesbank und Europäische Zentralbank könnten die Kontrolle über die Entwicklung der Geldmenge verlieren. Das würde zwangsläufig passieren, wenn sie gezwungen sind, schwächelnde japanische Yen oder amerikanische Dollar aufzukaufen, um deren Kurs zu stützen.

Einmal in Fahrt, verwarf Stark gleich auch eine weitere Idee seines Nachfolgers. Flassbeck plant, wiederum im engen Schulterschluß mit den Franzosen, für den Fall einer sich weltweit verschärfenden Wirtschaftskrise Gegenmaßnahmen.

Wortreich theoretisierte der frühere Konjunkturforscher über die nachlassende Kaufkraft im Gefolge schwächeren Wachstums. Schon habe die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 1999 auf nur noch zwei Prozent senken müssen. Sollte sich dieser Trend verschärfen, müsse die »Finanzpolitik dagegenhalten, um Akzente zu setzen«, und zwar in beiden Ländern. Teilnehmer werteten diese Aussage als ein Plädoyer für mehr Schulden, mit denen staatliche Ausgabenprogramme finanziert werden sollen.

Stark widersprach. In den vergangenen Wochen habe sich die weltwirtschaftliche Lage stabilisiert. In den Ländern Südostasiens zeigten sich Signale der Erholung, und auch in den USA mehrten sich die Anzeichen für eine weiche Landung. »Die Aussichten sind nicht so gloomy«, sagte Stark, womit er »düster« meinte.

Den Finanzministerialen wurde bald klar, daß die Bundesbank eine gemeinsame Erklärung nicht unterschreiben wird. Starks französischer Kollege schloß sich an. »Die wollen uns noch einmal richtig demonstrieren, wie unabhängig sie sind«, grantelte ein Flassbeck-Mitarbeiter.

Über die Ursache für die Renitenz der Notenbanker machen sich die Beamten keine Illusionen. Das öffentliche Drängen ihres Chefs auf niedrigere Zinsen habe die Frankfurter nachhaltig verstimmt.

Dabei werden Lafontaine und Strauss-Kahn den Weltmärkten eine weitgehend entschärfte Erklärung vorlegen. In seiner endgültigen Fassung enthält das Papier nicht einmal mehr das Wort Zielzone. Ganz generell wird empfohlen, die Wechselkurse zu stabilisieren. »Das ist so allgemein gehalten, das könnten sogar die Notenbanken unterschreiben«, spottet ein Beamter.

Lafontaines Unternehmen hatte vor gut drei Wochen viel ambitionierter begonnen. Die vage Variante, die am Montag vorgelegt werden soll, ist nicht zuletzt auf die Vorbehalte des Wirtschaftswissenschaftlers Strauss-Kahn zurückzuführen. Bei einer ersten Begegnung mit dem Franzosen im heimischen Saarbrücken vor drei Wochen hatte Lafontaine noch ein richtig forscher Vorstoß vorgeschwebt. Doch der Professor aus Paris bremste den ungestümen Neuling. Mehr Kooperation auf internationaler Ebene sei eine gute Sache, aber ein neues Wechselkurssystem mit Amerikanern und Japanern? Das wäre wohl doch nicht machbar, gab Strauss-Kahn zu bedenken.

Zustimmung erfährt das neue Gespann im Bundesfinanzministerium für seine Vorstellungen bislang nur bei den Japanern. Kein Wunder: Die angeschlagenen Asiaten mit ihrer schwachen Währung profitieren am meisten, wenn europäische und amerikanische Notenbanken Yen aufkaufen. Am vorvergangenen Freitag traf sich Flassbeck heimlich mit dem japanischen Vize-Finanzminister Eisuke Sakakibara. Den in der Finanzwelt als »Mister Yen« bekannten Fachmann habe er schon für seine Idee stabiler Wechselkurse gewonnen, meldete Flassbeck nicht ohne Stolz an seinen Minister.

Der wird bei seiner Werbetour mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen. Ausgerechnet der amerikanische Finanzminister Robert Rubin, der sich bislang Lafontaines Hochachtung sicher sein konnte, erteilte dessen Vorhaben vergangene Woche eine klare Absage. Sicher, heftig schwankende Wechselkurse bereiteten den Unternehmen Schwierigkeiten. »Aber viele der Vorschläge, die Leute dagegen vorbringen, schaffen noch viel größere Probleme«, warnte er - ungefragt - bei einer Anhörung in Washington.

Würden die USA eine Zielzone akzeptieren, könnten sie in eine gefährliche Situation geraten, sagte Rubin voraus. Gerate der Dollar bei schlechter Konjunktur unter Druck, »dann müßten wir die Zinsen anheben zu einer Zeit, wenn unsere Wirtschaft schwach ist - nicht gerade eine erstrebenswerte Position«.

Offenbar steht auch Bundeskanzler Gerhard Schröder den Plänen des Duos Lafontaine/Flassbeck eher distanziert gegenüber: Er widerstand dem Drängen des Finanzministers, dessen Berater zum sogenannten Sherpa zu machen - jenem Mann, der für den Kanzler die internationalen Gipfeltreffen vorbereitet. Der Sherpa war in den vergangenen 20 Jahren stets ein Staatssekretär aus dem Finanzministerium.

Schriftlich teilte Schröder Lafontaine jetzt mit, daß er sich für einen anderen Kandidaten entschieden habe: Der Kanzler läßt sich von dem Aachener Hochschullehrer Klaus Gretschmann zuarbeiten, dem neuen Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bundeskanzleramt. CHRISTIAN REIERMANN

[Grafiktext]

Lafontaines Welt Mit einem einfachen Modell erklärt Lafontaines Chefberater Heiner Flassbeck, warum die Devisenmärkte - egal ob mit flexiblen oder mit festen Wechselkursen - ständig aus den Fugen geraten und nur verbindlich vereinbarte Wechselkurs-Zielzonen dieses Problem beseitigen können. In Flassbecks Modell gibt es zwei Länder mit unterschiedlicher Wirtschaftsentwicklung: Inflationsrate LAND A 10% LAND B 2% nominaler Zinssatz LAND A 12% LAND B 4% realer Zinssatz LAND A 2% LAND B 2% Die internationalen Anleger wollen hohe Gewinne, also schaffen sie immer mehr Kapital in Land A, wo der nominale Zins (12 % gegenüber 4%) deutlich höher ist. Daß dort auch die Inflationsrate höher ist, stört die Spekulanten nicht: Sie wollen schließlich in dem Land keine Waren kaufen. Laut Flassbeck sind dann drei Szenarien möglich: flexible Wechselkurse LAND A Solange die Zinsen höher sind, strömt kurzfristig Geld nach Land A. Der Kurs der Landeswährung wird immer höher getrieben (nominale und reale Auf- wertung). LAND B Es fließt kurzfristig Kapital ins Aus- land, die Währung verliert an den Devisenbörsen an Wert (nominale und reale Abwertung). FOLGE Die Wechselkurse schießen nach oben (A) bzw. nach unten (B). Sie haben nichts mehr mit den wirklichen Kräfte- verhältnissen der Volkswirtschaften zu tun. Es kommt zum außenwirtschaftli- chen Ungleichgewicht. feste Wechselkurse LAND A Die Notenbanken legen auf Dauer einen festen nominalen Wechselkurs fest. Doch weil die Preise in Land A (10 % gegenüber 2%) stärker steigen, werden Produkte auch auf dem Weltmarkt teu- rer (reale Aufwertung). LAND B Durch die geringere Inflationsrate haben die Waren aus Land B auf dem Weltmarkt immer größere Vorteile (reale Abwertung). Der Handelsbilanz- überschuß wächst. FOLGE Die Warenströme auf den Weltmärkten verschieben sich immer mehr, die Län- der geraten in ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht, falls sie am festen Kurs festhalten. Zielzonen für Wechselkurse Die Notenbanken beschließen ein bestimmtes Niveau für die Kurse, das aber jährlich überprüft wird. Entscheidendes Kriterium ist die Differenz der Inflationsraten. LAND A Bei einer Inflationsdifferenz von 8 % wie in diesem Fall (Land A: 10%, Land B: 2 % Preissteigerung) muß die Wäh- rung von A jährlich um 8% abgewertet werden (kontrollierte Abwertung). LAND B Die B-Währung wird durch diese Maß- nahme gleichzeitig um jährlich 8 % aufgewertet, entsprechend der ge- ringeren Inflationsrate des Landes (kontrollierte Aufwertung). FOLGE Der reale Wechselkurs bleibt konstant. Die Handelsbilanzen der Länder bleiben im Gleichgewicht. Spekulanten haben gegen die Notenbanken, die dieses Wechselkurs-System garantieren, keine Chance.

[GrafiktextEnde]

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Wechselkurse - Flassbeck-Modell

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Lafontaines Welt Mit einem einfachen Modell erklärt Lafontaines Chefberater Heiner Flassbeck, warum die Devisenmärkte - egal ob mit flexiblen oder mit festen Wechselkursen - ständig aus den Fugen geraten und nur verbindlich vereinbarte Wechselkurs-Zielzonen dieses Problem beseitigen können. In Flassbecks Modell gibt es zwei Länder mit unterschiedlicher Wirtschaftsentwicklung: Inflationsrate LAND A 10% LAND B 2% nominaler Zinssatz LAND A 12% LAND B 4% realer Zinssatz LAND A 2% LAND B 2% Die internationalen Anleger wollen hohe Gewinne, also schaffen sie immer mehr Kapital in Land A, wo der nominale Zins (12 % gegenüber 4%) deutlich höher ist. Daß dort auch die Inflationsrate höher ist, stört die Spekulanten nicht: Sie wollen schließlich in dem Land keine Waren kaufen. Laut Flassbeck sind dann drei Szenarien möglich: flexible Wechselkurse LAND A Solange die Zinsen höher sind, strömt kurzfristig Geld nach Land A. Der Kurs der Landeswährung wird immer höher getrieben (nominale und reale Auf- wertung). LAND B Es fließt kurzfristig Kapital ins Aus- land, die Währung verliert an den Devisenbörsen an Wert (nominale und reale Abwertung). FOLGE Die Wechselkurse schießen nach oben (A) bzw. nach unten (B). Sie haben nichts mehr mit den wirklichen Kräfte- verhältnissen der Volkswirtschaften zu tun. Es kommt zum außenwirtschaftli- chen Ungleichgewicht. feste Wechselkurse LAND A Die Notenbanken legen auf Dauer einen festen nominalen Wechselkurs fest. Doch weil die Preise in Land A (10 % gegenüber 2%) stärker steigen, werden Produkte auch auf dem Weltmarkt teu- rer (reale Aufwertung). LAND B Durch die geringere Inflationsrate haben die Waren aus Land B auf dem Weltmarkt immer größere Vorteile (reale Abwertung). Der Handelsbilanz- überschuß wächst. FOLGE Die Warenströme auf den Weltmärkten verschieben sich immer mehr, die Län- der geraten in ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht, falls sie am festen Kurs festhalten. Zielzonen für Wechselkurse Die Notenbanken beschließen ein bestimmtes Niveau für die Kurse, das aber jährlich überprüft wird. Entscheidendes Kriterium ist die Differenz der Inflationsraten. LAND A Bei einer Inflationsdifferenz von 8 % wie in diesem Fall (Land A: 10%, Land B: 2 % Preissteigerung) muß die Wäh- rung von A jährlich um 8% abgewertet werden (kontrollierte Abwertung). LAND B Die B-Währung wird durch diese Maß- nahme gleichzeitig um jährlich 8 % aufgewertet, entsprechend der ge- ringeren Inflationsrate des Landes (kontrollierte Aufwertung). FOLGE Der reale Wechselkurs bleibt konstant. Die Handelsbilanzen der Länder bleiben im Gleichgewicht. Spekulanten haben gegen die Notenbanken, die dieses Wechselkurs-System garantieren, keine Chance.

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Wechselkurse - Flassbeck-Modell

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