Auftritt mit Sarrazin Linkenpolitiker fordern Lafontaine zum Rücktritt auf

"Schäbig", "ekelhaft", "parteischädigend": Nach einem Auftritt mit Thilo Sarrazin gibt es in der Linken massive Kritik an Oskar Lafontaine. Einige Genossen fordern Konsequenzen für den Ex-Parteichef.
Ehemaliger Parteichef Lafontaine: Scharfe Kritik von Genossen

Ehemaliger Parteichef Lafontaine: Scharfe Kritik von Genossen

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Oskar Lafontaine sieht sich mit Rücktrittsforderungen aus seiner eigenen Partei konfrontiert. Grund ist ein gemeinsamer Auftritt mit Thilo Sarrazin. Mitglieder der Linken fordern, der frühere Parteichef solle seinen Posten als Fraktionsvorsitzender im saarländischen Landtag abgeben. In einer Mitteilung  schreibt der Zusammenschluss "Antikapitalistische Linke" (AKL): "Die AKL fordert, dass Oskar Lafontaine unverzüglich alle politischen Ämter niederlegt, in denen er die Politik der Linken vertreten müsste."

Zur Begründung heißt es, Sarrazin sei "ein landesweit bekannter Rassist, der gerade und nach langem quälenden Verfahren aus der SPD ausgeschlossen wurde" und eine "rechtsradikale Ikone", die von einem Mitglied der Linken nicht öffentlich aufgewertet werden dürfe. Dieser gemeinsame Auftritt sei parteischädigend.

Lafontaine war am Montagabend in München gemeinsam mit dem CSU-Politiker Peter Gauweiler und dem früheren Berliner Finanzsenator und Buchautor Thilo Sarrazin aufgetreten, um über Sarrazins neues Buch zu sprechen. Sarrazin wurde im Juli wegen rassistischer und islamfeindlicher Aussagen aus der SPD ausgeschlossen. Sein Bestseller "Deutschland schafft sich ab" gilt als eine der wichtigsten Wegmarken der Etablierung der neuen Rechten in Deutschland.

"Jemand, der sich mit Rassisten wie Sarrazin ein Podium teilt und die Interessen Geflüchteter gegen deutsche Rentner ausspielt, darf kein öffentliches Amt für Die Linke bekleiden."

Lucy Redler, Mitglied des Linken-Parteivorstandes

Lafontaine sagte bei der Veranstaltung laut einem Bericht des "BR" , ein unbegleitetes Flüchtlingskind koste rund 5000 Euro im Monat und das könne er einer Sozialrentnerin nicht erklären. Es werde zu viel Geld für zu wenige Notleidende ausgegeben.

Lucy Redler, Mitglied des Linken-Parteivorstandes, sagte dem SPIEGEL: "Jemand, der sich mit Rassisten wie Sarrazin ein Podium teilt und die Interessen Geflüchteter gegen deutsche Rentner ausspielt, darf kein öffentliches Amt für Die Linke bekleiden." Redler gehört mit Thies Gleiss, der ebenfalls im Parteivorstand ist, zu den wichtigsten Personen der AKL.

Lafontaine stand einst an der Spitze der Partei und der Fraktion im Bundestag - aktuell ist er für die Linke im saarländischen Landtag Funktionsträger. Als Reaktion auf die Rücktrittsforderung der AKL sagte er dem SPIEGEL: "Es ist bedauerlich, dass man Leuten, die sich auch noch als links verstehen, nicht vermitteln kann, dass es besser ist, zehn Millionen Menschen zu helfen als zwei Millionen. Die Politik der 'Antikapitalistischen Linken' ist für Bernie Sanders kapitalfreundlich: 'Was die Rechte in diesem Land liebt, ist doch eine Politik der offenen Grenzen. Bring jede Menge Leute, die für zwei oder drei Dollar die Stunde arbeiten.'"

"Das ist nicht links, sondern Wasser auf die Mühlen der AfD"

Auch andere Mitglieder der Linken reagierten entsetzt auf den gemeinsamen Auftritt und übten heftige Kritik, ohne aber einen Rücktritt oder andere Konsequenzen zu fordern.

"Ich halte es für indiskutabel, sich mit Thilo Sarrazin auf ein Podium zu setzen. Die Zuspitzung bezüglich der Kosten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist schäbig. Das ist nicht links, sondern Wasser auf die Mühlen der AfD", sagte Christine Buchholz dem SPIEGEL. Lafontaine sei mit solchen Positionen in der Partei isoliert. Buchholz ist Mitglied des geschäftsführenden Parteivorstands und Bundestagsabgeordnete.

"Gemeinsame Auftritte mit einem ausgewiesenen Rassisten wie Sarrazin verbieten sich für Funktionsträger der Linken - das ist doch selbstverständlich", sagte Vorstandsmitglied Raul Zelik dem SPIEGEL. Und die stellvertretende Parteivorsitzende Martina Renner twitterte: "Der Rassist Thilo Sarrazin geht auf Promotiontour für sein neues Machwerk, und ein linker Fraktionsvorsitzender macht das Maskottchen und sekundiert mit flüchtlingsfeindlichen Aussagen. So etwas macht man, wenn man die Partei Die Linke zerstören möchte."

Der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat schrieb ebenfalls auf Twitter: "Ekelhafter geht es wirklich nicht mehr. Da tritt Oskar Lafontaine zusammen mit dem Rassisten Sarrazin auf und erzählt, dass geflüchtete Kinder zu viel kosten. Ein solches drauftreten auf die Ärmsten und ausspielen gegen andere Arme ist inakzeptabel." Und Wulff Gallert, Vize-Präsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, kommentierte auf Twitter: "Ich hatte bei Lafontaine spätestens ab 2007 immer ein sehr ungutes Gefühl. Sein Auftritt zusammen mit Sarrazin bestätigt mich im Nachhinein auf eine Art, die ich mir nicht gewünscht habe."

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