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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 2. Auflösung der Kolonialreiche »Ost ist Ost und West ist West«

aus DER SPIEGEL 47/1998

Friedrich Naumann:

Der Sozialreformer

Er gilt als Ahnherr der bundesdeutschen Linksliberalen. Seine Vision eines sozialen Liberalismus schwingt in den »Freiburger Thesen« von 1971 mit, dem Fundament für die Öffnung der FDP nach links und die sozial-liberale Koalition. Naumanns Hauptwerk »Mitteleuropa« (1915) - nach Bismarcks »Gedanken und Erinnerungen« das meistgelesene Buch der Kaiserzeit - ist für manche die frühe Vision eines vereinten Europa.

Dabei hatte der Pastor, Politiker, rastlose Publizist und Propagandist (über 2100 Veröffentlichungen) seine politische Karriere ganz rechtsaußen begonnen - als Anhänger des reaktionären, antisemitischen Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker. 1896 gründete Naumann den »Nationalsozialen Verein«, der einerseits für die Entmachtung der ostelbischen Junker und einen Ausgleich mit der Arbeiterschaft eintrat, andererseits aber auch für einen aggressiven deutschen Expansionismus einschließlich Flottenhochrüstung. Auf welche Weise in einer bereits weitgehend aufgeteilten Welt Kolonien zu erwerben seien, beantwortete Naumann ohne Umschweife: »Bei Friedensschlüssen nach glücklichen Seekriegen.«

Dem Sozialdarwinisten Naumann war der »Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluß auf die Erdkugel auszudehnen«, ein »Auftrag der Geschichte«, dessen Grundlage »nicht irgendein Recht, sondern die Macht« sei. Angesichts öffentlicher Kritik an der »Hunnenrede« Wilhelms II. bramarbasierte Naumann gegen »diese ganze Zimperlichkeit«, was ihm den Beinamen »Hunnenpastor« eintrug.

Für den Liberalen Naumann war es kein Widerspruch, aus den deutschen »Industrieuntertanen Industriebürger« machen zu wollen, aber die Unterdrückung anderer Völker gutzuheißen. Wie sein Zeitgenosse Max Weber sah er in der »Weltpolitik« eine Voraussetzung für innenpolitische Reformen, im Expansionismus den Motor sozialen Fortschritts. Naumanns Credo: »Was nützt uns die beste Sozialpolitik, wenn die Kosaken kommen?«

Rudyard Kipling:

Poet der Pax Britannica

Als »lesser breed« - aus keinem guten Stall stammend - bedauerte der Dichter alle nicht in England Geborenen. Den Menschen aus »gutem Stall« aber fiel ihm zufolge die »Bürde des weißen Mannes« zu, dem großen Rest der Welt Ordnung und Zivilisation beizubringen, kurz: den British Way of Life.

Rudyard Kipling, selbst nicht in England geboren, sondern 1865 im indischen Bombay, wuchs als Kind erzbritischer Oberklasse-Eltern in die Herrenschicht des Empire hinein und wurde deren glühendster Barde. Englands Mission feierte er in Hunderten Geschichten, Artikeln, Gedichten, Romanen und Kinderbüchern ("Das Dschungelbuch") so leidenschaftlich wie packend, daß er 1907 dafür den Literatur-Nobelpreis erhielt.

Von Kritikern auch im eigenen Land als Propagandist imperialen Wahns und kolonialistischen Dünkels gescholten, wurde er von durchaus liebevoll geschilderten Exoten dafür gelobt, »daß er die vielen Gesichter unseres Landes in all ihrer Schönheit, Kraft und Wahrheit gezeigt hat« (so der bengalische Autor Nirad Tschaudhuri). In »Kim« fand Kollege Mark Twain jenen »faszinierenden Zauber Indiens« wieder, der bis heute Kinder in aller Welt dank der Verfilmung von Kiplings »Dschungelbuch« durch die Zeichentrick-Zauberer Walt Disneys in seinen Bann schlägt.

Ein Denkmal setzte der Herold britischer Sendung auch den einfachen Soldaten, die für die angeblich so segensreiche »Pax Britannica« einstanden, in seinen »Barrack-Room Ballads«. »Komm zurück, du Britenkrieger, komm zurück nach Mandalay«, läßt er ein »Burma-Mädchen« in seinem berühmten Poem »Mandalay« schmachten - eine Art Lili Marleen der Empire-Ära.

Das Ende des Empire erlebte er nicht mehr. Bei aller Euphorie muß er es aber erahnt haben, hatte er doch schon vor hundert Jahren gereimt: »Ah, Ost ist Ost und West ist West, und niemals kommen sie zusammen.«

Kemal Atatürk:

Der Revolutionär

Der Schöpfer der modernen Türkei war einer der radikalsten und erfolgreichsten Revolutionäre des Jahrhunderts. Atatürks Werk, die laizistische Republik, hielt - bislang - dem Ansturm einer der aggressivsten Strömungen des ausgehenden Jahrhunderts stand, dem islamischen Fundamentalismus. Seine Denkmäler wurden nicht gestürzt. Es kommen vielmehr ständig neue dazu.

Dabei war dieser Revolutionär alles andere als ein fleckenloser Held. Er ließ Griechen, Armenier und Kurden abschlachten, von denen er die Existenz seines Staates bedroht sah. Nicht weniger grausam verfuhr er mit eigenen Landsleuten, die sich ihm in den Weg stellten.

Dabei hatte Atatürk keine neue Heilslehre oder Ideologie zu verkünden, sein »Kemalismus« war ein Crash-Programm zur Reformierung der islamischen Türkei, ihre Ausrichtung auf die laut Atatürk »einzige Zivilisation«, die des Westens. Er allein unter allen Diktatoren des Jahrhunderts stellte seine Herrschaft in den Dienst der Aufklärung. Die zwang er seinem rückständigen, analphabetischen Volk, das seiner Meinung nach einer verfaulten Religion unterworfen war, rücksichtslos auf.

Als das im Ersten Weltkrieg geschlagene Osmanenreich hilflos zusehen mußte, wie die Sieger es zerstückelten, mobilisierte der Berufsoffizier Mustafa Kemal die letzten Kräfte des Imperiums und sicherte den Türken wenigstens ihr anatolisches Kernland mitsamt einem Stück Balkan.

Dann krempelte er das morsche Restgebilde des Reiches in einer Folge pausenloser Gewaltakte zu einem modernen Nationalstaat um:

Er schaffte das Kalifat ab, strich den Islam als Staatsreligion aus der Verfassung, verstaatlichte den religiösen Besitz, schloß alle Koranschulen. Er zwang allen Bürgern westliche Kleidung auf, verbot den Fes, der Zuwiderhandelnden schon mal samt dem Kopf heruntergeschlagen wurde. Er schaffte den Schleierzwang ab, dekretierte geschockten Muselmanen die Gleichberechtigung der Frau samt aktivem und passivem Wahlrecht, führte das staatliche Ehe- und Scheidungsrecht mit dem Gebot der Einehe ein.

Zivil-, Straf- und Handelsrecht wurden nach westeuropäischen Vorbildern gestaltet. Binnen weniger Jahre mußten sich die Türken an die christliche Zeitrechnung samt freiem Sonntag, an das Dezimalsystem und die lateinische Schrift - statt der des Propheten - gewöhnen.

Nie hat ein Reformer in kürzerer Zeit jahrhundertealte Traditionen radikaler verändert als der »Vater der Türken«, wie sein Ehrentitel von 1934 an lautete. Der Übervater ruht in einem Mausoleum hoch über Ankara. Die Armee wacht über die Grabstätte und sein Erbe. Sie hat stets eingegriffen, wenn sie seine Republik bedroht sah.

Ho Tschi-minh:

Vom Gärtner zum Heros

Seinen Namen skandierten in den sechziger Jahren rebellische Jugendliche zwischen Berkeley und Berlin. Mancher linke Visionär nannte seinen Sohn nach »Onkel Ho«, dessen Bauernpartisanen eine halbe Million französische Kolonialsoldaten in die Flucht schlugen und der Weltmacht USA eine Niederlage bescherten, welche die Nation nachhaltig traumatisierte.

Die historische Rolle schien dem 1890 als Sohn eines national gesinnten vietnamesischen Mandarins geborenen Ho kaum vorherbestimmt. Mit 22 Jahren kam er als Schiffsjunge nach Europa, war Gärtner, Fotograf und Journalist in Frankreich, wo er die Kommunistische Partei mitbegründete, sogar ins ZK aufstieg. Anfang der zwanziger Jahre fand er seine Berufung als Revolutionär und vietnamesischer Patriot. In Moskau erhielt er letzten agitatorischen Schliff, wurde nach China, Burma und Siam geschickt, wo er, als Bettelmönch verkleidet, Lenins Lehren unter die Leute brachte. 1927 entsandte ihn die Komintern für ein Jahr nach Berlin. In diesen Wanderjahren lernte er acht Sprachen, auch ein holpriges Deutsch.

1930 gründete er in Hongkong die Kommunistische Partei Indochinas, wurde von den Franzosen zum Tod verurteilt, auch tatsächlich totgesagt. Die Praxis der Guerrilla lernte er in Maos Armee. 1941, nach dem Einmarsch der Japaner, kehrte er nach Vietnam zurück und gründete die Befreiungsbewegung Vietminh. Der Krieg gegen die Franzosen dauerte acht Jahre, bevor Frankreich im Mai 1954 in Dien Bien Phu das »Stalingrad des Weißen Mannes« erlebte.

Ho bekam aber nur das halbe Vietnam. Den abgetrennten Süden nahmen die USA unter Kontrolle. Als die kommunistischen Vietcong mit Hilfe des Nordens den Staat unterwanderten, schickte Amerika Soldaten - auf dem Höhepunkt über eine halbe Million - und versuchte, Nordvietnam »in die Steinzeit« zurückzubomben. Ho starb 1969, sechs Jahre vor der schmählichen Flucht der letzten Amerikaner aus Saigon, heute Ho-Tschi-minh-Stadt. Die Genossen stellen den im privaten Leben äußerst genügsamen Führer wider seinen letzten Willen in einem pompösen Mausoleum zur Schau.

Das in seinen Kriegen so siegreiche Vietnam wurde mit dem Frieden nicht fertig. Es zählt heute dank sozialistischer Mißwirtschaft zu den ärmsten Ländern der Welt, das sich durch eine Wende zum Kapitalismus und selbst durch Annäherung an die USA zu sanieren versucht - ein Hohn auf Hos lebenslangen Kampf.

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