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Otto auf dem Kreuzzug

aus DER SPIEGEL 9/1947

Bei der Prinzessin Chivekiar in Kairo traf ein neuer königlicher Gast ein. Erzherzog Otto von Habsburg. Der Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl und der Kaiserin Zita wird dort standesgemäße Gesellschaft vorfinden.

Mehrere aus ihren Ländern vertriebene gekrönte Häupter genießen die Gastfreundschaft der Prinzessin: Viktor Emanuel von Italien, Simeon von Bulgarien, seine Mutter, die Königin Joanna, und König Zogu von Albanien mit Gattin weilen bereits seit längerer Zeit im Schatten der Pyramiden.

In Kairo wird erzählt, daß Otto von Habsburg politische Zwecke verfolge. Er wolle sich verheiraten, heißt es. Prinzessin Feiza, eine Schwester des Königs Faruk, sei die Auserwählte.

Das Heiratsprojekt hat in der Oeffentlichkeit Widerhall gefunden. Es wird mit phantastischen Erwartungen verknüpft. Der Kaiser von Oesterreich hatte seit 1526 das Recht, sich König von Jerusalem zu nennen. Otto von Habsburg hätte Aussicht, es tatsächlich zu werden. Vielleicht würde die Palästinafrage damit eine Lösung erfahren. Die Araber würden eine muselmanische Prinzessin auf dem Thron begrüßen. Auch die Juden brauchten nicht unzufrieden zu sein. Viele jüdische Bewohner Palästinas stammen aus dem einstigen Oesterreich-Ungarn. Manche behielten die Herrschaft der Habsburger in guter Erinnerung.

Vorläufig klingt das Gerücht noch sehr unwahrscheinlich. Es ist schwer glaubhaft, daß Otto von Habsburg imstande wäre, die tiefe Gegnerschaft zwischen Arabern und Juden auszugleichen. Wahrscheinlich würde er dann auch seine Mutter aufnehmen, die zur Zeit in den Vereinigten Staaten weilt. Und die ehrgeizige Zita würde die wahre Herrscherin von Jerusalem werden. Das würde die Begeisterung der Araber und Juden, wenn eine solche bestände, bald abkühlen.

Es sieht so aus, als habe Otto jede Hoffnung aufgegeben, den Thron seiner Väter je wieder zu besteigen. Bis unmittelbar vor dem gewaltsamen Anschluß Oesterreichs durch Hitler hatte er diese Hoffnung niemals fallen lassen.

In Wien hatte der Erzherzog manche Anhänger, allerdings auch heftige Gegner. Diese wiesen insbesondere darauf hin, daß eine Wiederkehr Ottos von Habsburg eine für Oesterreich unerträgliche finanzielle Last darstellen würde. Etwa 99 Erzherzöge und Erzherzoginnen würden gleichzeitig mit ihm ihren Einzug in Wien halten, die der verarmte österreichische Staat nicht erhalten könne.

Nach dem jetzt in London fertiggestellten Staatsvertrag für Oesterreich wird das Haus Habsburg kaum jemals wieder eine Chance in Europa haben.

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