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Artikel 46 / 51

Briefe

OVERKILL
aus DER SPIEGEL 26/1967

OVERKILL

(Nr. 24/1967, Studenten-Titel, Schah-Besuch)

Einer der 15 000 FU-Studenten, für die Ihrer Meinung nach »das Recht auf Radau unverzichtbar ist«, wurde von einer Polizeikugel getötet (Einschuß in den Hinterkopf). Damit hat der administrative overkill in Berlin seinen Höhepunkt erreicht. Was sich am Freitagabend vor der Oper abspielte und von der politischen Führung in leichtsinniger Weise pauschal gedeckt wurde, war der praktizierte Notstand. Für Berlin wurde ein allgemeines Demonstrationsverbot erlassen. Meinen Sie nicht, daß es uns um mehr geht als ein »Recht auf Radau«?

Berlin JOCHEN SCHULZ ZUR WIESCH

Was ist der Unterschied zwischen einem Ost-Berliner Polizisten, der auf Befehl Flüchtende erschießt, und einem West-Berliner Polizisten, der ohne Befehl Flüchtende erschießt? Antwort: Kein Unterschied, beide werden von ihrem Bürgermeister und einer gleichgeschalteten Presse gedeckt.

Utersum (Schl.-Holst.) DR. MED. KLAUS-WERNER WENZEL

Der Senat probte den Notstand. Zum Ableben des Rechtsstaats mein herzliches Beileid an den Polizeipräsidenten und den Innensenator von Berlin (West).

Hamburg HERBERT BACH

Soll der Mord an Benno Ohnesorg ein kollegiales Geschenk an Ulbricht sein -- so von Polizeistaat zu Polizeistaat? Hier baute man ein sogenanntes »abschreckendes« Peter-Fechter-Kreuz auf, drüben wird man wohl jetzt zu einem Benno-Ohnesorg-Kreuz »wallfahrten« können.

Gerlingen (Bad.-Württ.) GÖTZ JOACHIM RAABE

Der Gewaltexzeß der Berliner Polizei führt uns drastisch vor Augen, daß schon wieder, wie in faschistischen Zeiten, dem Fetisch »Öffentliche Sicherheit und Ordnung« ohne Ansehen der Umstände und vor allem der Verhältnismäßigkeit der Mittel Leben und Gesundheit von Menschen geopfert werden. Angesichts dieser Ereignisse muß man fordern: Nehmt der Polizei gesetzlich die Schußwaffen ab! Schränkt gesetzlich die sonstigen Möglichkeiten polizeilicher Gewaltanwendung ein! Verstärkt die öffentliche und parlamentarische Kontrolle über die Polizei! Wer hat in Berlin die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet? Doch wohl die Polizei, deren Obere ihre Einsatztruppen mit der dauernd wiederholten, falschen Lautsprechermeldung aufbrachten und In Erregung versetzten, ein Polizist sei getötet worden!

Köln FRANK MEYER

stud. jur.

Es lebe die West-Berliner Obrigkeit und Polizei, es leben West-Berlins »Bild«-Bürger -- sie haben der Welt gezeigt, daß deutsche Tapferkeit und Brutalität, deutscher Zynismus und Ordnungssinn ungebrochen und ungeläutert -- in Solidarität mit den ostdeutschen Brüdern -- den zwanzigjährigen Versuch demokratischer Verweichlichung überstanden haben! Es lebe unsere Heimatstadt, der im Geist wiedervereinigte Polizeistaat Berlin.

Bad Krotzingen (Bad.-Württ.) ROY UND MARGIT SCHÄDLER

Das brutale Vorgehen der West-Berliner Polizei, das den erschütternden Tod des Studenten Benno Ohnesorg zur Folge hatte, verbunden mit der Reaktion des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz, der kein Wort des Mitgefühls für den jungen getöteten Menschen über seine Lippen brachte, veranlaßt mich, auch an dieser Stelle mein tiefes Beschämen über den Politiker und Menschen Albertz auszudrücken.

Wiesbaden DR. JUR. HANS-PETER VOGT

Was soll man davon halten, wenn Herr Albertz nach Bekanntwerden des Todes von Ohnesorg das Verhalten der Polizei ausdrücklich billigt und ankündigt, die Polizei werde in Zukunft noch härter gegen Störenfriede vorgehen? Noch härter als mit Wasserwerfern, Gummiknüppeln und Pistole? Will er vielleicht das nächste Mal Granatwerfer gegen Demonstranten einsetzen?

Berlin ACHIM GÜNTHER

Die Sozialdemokraten Albertz und Büsch sind Meinungsäußerungen und Demonstrationen mit Polizeiterror und Notstandsmaßnahmen begegnet. Als Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei müssen wir empört zur Kenntnis nehmen, daß die Parteigenossen Albertz und Büsch gegen elementare Grundsätze der Demokratie und damit der Partei verstoßen haben. Bei solchem Verhalten wird ein einfaches Mitglied üblicherweise wegen parteischädigendem Verhalten ausgeschlossen oder gerügt. Wir appellieren an alle Gliederungen der Partei, Anträge zu unterstützen, die ein Parteiordnungsverfahren gegen Albertz und Büsch fordern. Der Unterzeichnete hat einen diesbezüglichen Antrag gestellt.

Arolsen (Hessen) KONRAD SCHACHT Vorsitzender der Jungsozialisten Arolsen

»Zeigen Sie schon Ihrem zweijährigen Kind den Polizisten an der nächsten Straßenecke. Sagen Sie, daß er ein hilfsbereiter Mensch ist, und woran man ihn erkennt: an seiner Uniform ...« Aus »Eltern«, Nr. 6 -- Juni 1967. Und was soll Frau Ohnesorg ihrem Kind sagen?

Enkenbach (Rheinl.-Pfalz) KLAUS-DIETER HÄRTEL

Warum -- so frage ich -- bleibt Diktator Pahlewi nicht im eigenen Land, wenn er sich in einem Polizeistaat wohler fühlt? Zwölf Jahre davon reichen uns fürs ganze Leben, nicht einen Tag mehr wollen wir unter der Polizeiknute stöhnen -- schon gar nicht unter einem Knüppel, der eigens für einen fremden Gewaltherrscher geschwungen wird. Muß die Bundesrepublik es unbedingt aller Welt zeigen, daß überall noch die Kenner und Beherrscher alter und neuer (Notstands-) Methoden sitzen, die nur darauf warten, sich gegen Andersdenkende auszutoben.

Letter (Nieders.) WOLFGANG SCHNIEBER

Der Besuch des Weisen und der Schönen aus dem Morgenland gibt uns Deutschen Rätsel auf. Die Schau wurde zur »Schahrade«. Wer soll das bezahlen? -- So rätselten deutsche Studenten rhetorisch im Chor. Nach dem Spektakel »Ganz in Weiß« zog schwarze Trauer ein. Der Tod eines Studenten mit Namen Benno Ohnesorg gab das größere Rätsel auf. Er hinterläßt Witwe und Halbwaise. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Wuppertal KLAUS-UWE FISCHER

stud. paed.

Ihr Photo von den drei Polizisten, die einen Demonstranten »zur Ordnung rufen«, wird von Berlins Polizeipräsidenten sicher als Dokument für eine typische Notwehrsituation ausgewertet werden.

Frankfurt HORST FRANKE

Dieser ganze Aufwand und der arme Kerl, der Student Ohnesorg, der dafür sein Leben lassen mußte, war das vielleicht der Schah wert? Nein, nein und nochmals nein! Man soll uns bloß mit derartigen Besuchen verschonen!

Berlin ELSBETH WOCHE

In Ihrem Artikel über den Staatsbesuch von unserem Kaiserpaar schreiben Sie, daß 10 000 iranische Studenten, die in Deutschland studieren, Schah-Gegner sind. Es ist glücklicherweise nicht so, wie es In der deutschen Presse dargestellt wird. Unser Schah ist sehr beliebt im Iran, denn er ist der Befreier der 17 Millionen Bauern von Großlandbesitzern. Er ist der Reformator für die Modernisierung des Landes in jeder Hinsicht.

In Deutschland leben zirka 5000 iranische Studenten, Ärzte und Ingenieure. Es sind vielleicht 500 Leute Mitglied der Conföderation der Iranischen Studenten. Die sind Kinder der Großgrundbesitzer, Kinder von Mullas, Kinder von korrupten Beamten, die aus ihren Ämtern entlassen wurden, und die Kommunisten.

Heidelberg MANUCHEHR MOSHTAGHI

Der deutsche Student als präsumtiver Repräsentant deutscher Kultur, Humanität und Ritterlichkeit demonstriert mit faulen Eiern und Tomaten gegenüber einem wehrlosen Ehepaar, das unter deutschem Gastrecht steht. Dem primitivsten Volk ist das Gastrecht heilig!

Kempten (Bayern) R. VOGL

Angesichts des Krieges im Nahen Osten fällt es schwer, dem Verhalten akademischer Polit-Aktivisten beim Schah-Besuch in Berlin noch Beachtung zu schenken. Studenten genießen in einem demokratischen Staat bekanntlich sehr viel politische Narrenfreiheit. Wenn allerdings dieses Privileg in regelrechten Terror ausartet, haben die Beteiligten keinen Grund, sich über die Folgen zu beklagen.

Böblingen (Bad.-Württ.) ADOLF FRANK

Die nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Universitäts-Großstädten der Bundesrepublik ständig stattfindenden Demonstrationen und Krawalle der linksstehenden Studentenschaft zeigen immer wieder dasselbe: Man nimmt für sich selbst alle demokratischen Freiheiten und Rechte in Anspruch, um seine politische Meinung zu äußern und durchzusetzen, zeigt sich andererseits aber von einer erschreckenden Intoleranz Andersdenkenden gegenüber.

München MARTIN SCHÜTTE

stud. Jur.

Ein Vorschlag, dem Notprogramm der West-Berliner Regierung eine fünfte Stufe hinzuzufügen: Entfernung dieser Wehrdienstdrückeberger von der Flegel-Universität. Streichung sämtlicher finanzieller Hilfen und gegebenenfalls Studienverbot in Berlin. Erst dann werden diese Cliquen von politischen und sexuellen Neurotikern, die Radau um jeden Preis für ein Argument halten und sich als kommunistische Wirrköpfe gebärden, wieder das tun, was sie sollen, nämlich studieren. Dieser immatrikulierte Mob soll unsere Elite von morgen sein?

Unterwössen (Bayern) HERMANN ZELLER

Ich kenne ein neues Rezept für studentische Happenings an heißen Sommertagen: Man nehme einen Propagandisten (links), tausend Personen Mob (stud.) und adäquat eine Anzahl Gesetzeshüter. Dann knüppele man sich, natürlich unter Wahrung der akademischen Würde, so lange um studentische Rechte, bis einer, möglichst Student, auf der Strecke bleibt. Sodann organisiere man einen Schweigemarsch oder ein teach-in und übe Selbstzerknirschung, die freundlicherweise von der Bildungsobrigkeit mit einem vorlesungsfreien Nachmittag bezahlt wird.

Gießen HANS-HG. SEGLER

Studenten sollen studieren.

Bayreuth KARL HOFFMANN

Mir scheint, Sie übersehen bei Ihrer, gegenüber den studentischen Terroristen in Berlin deutlich positiv gehaltenen Berichterstattung, daß, wenn diese Art von Akademikern dereinst als Richter und Staatsbeamte auf alle deutschen Bürger und als Studienräte speziell auf deren Kinder losgelassen werden, auch Ihre Stunde geschlagen haben wird.

Essen WOLFGANG BROCKE

Der SPIEGEL scheint relativ fassungslos dem Phänomen gegenüberzustehen, daß in der Bundesrepublik jemand, in der Regel außerhalb der Parteiungen nach Bonner Vorbild stehend, politisch, weltanschaulich etc. rege ist: Studenten. Eigentlich sollten sowohl Sie als auch in seltener Einigkeit mit Ihnen die Politiker darob froh sein, wenn bedacht wird, daß bei weitem zu viele Bewohner dieses Landes politisch völlig desinteressiert sind.

Düsseldorf H. ARNO DEMANT

Demonstrierende Studenten sind doch keine Verbrecher, die der Willkür bewaffneter »Ordnungshüter« ausgesetzt sind. Berlin ist mehr denn je eine Reise wert -- schon allein der Studenten wegen.

Sindelfingen (Bad.-Württ.) LUTZ EITELJÖRGE

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