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Oyoon itjon s dondron s

Zum ersten Mal reden auf der Kinoleinwand Steinzeitmenschen. In dem Film »La guerre du feu« hat der Romancier Anthony Burgess ("Uhrwerk Orange") ihnen eine Sprache nacherfunden.
aus DER SPIEGEL 3/1982

Eng aneinandergeschmiegt haben sich die Mitglieder der Ulam-Sippe ins Morgengrauen geröchelt und geblinzelt. Die Ulam sind primitive Vertreter der Spezies Homo sapiens; Naoh, hinter dessen Stirnwülsten sich schon ein menschliches Antlitz erahnen läßt, ist ihr Anführer. Seine Instinkte werden erst wach, als sich drei dralle Ulam-Damen zur Morgentoilette ins Flußbett beugen.

A tergo und noch vor dem Frühstück will er sich fix einer von ihnen nähern. Doch seine Liebesmüh ist vergeblich, sein Grunzen geht im Kriegsgeschrei verloren.

Vom Schein des Feuers bereits nachts angelockt, stürzt sich jetzt eine stark behaarte Rotte Männer vom Stamm der Wagabou auf die Ulam; im Fight ums Feuer wird manchem prähistorischen Kämpfer das Lebenslicht ausgeblasen.

So bildet es der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud in seinem Spielfilm »La guerre du feu« ab: Im Krieg ums Feuer entzündeten sich damals, vor 80 000 Jahren, die Leidenschaften, »denn die das Feuer besaßen, besaßen das Leben«.

In drei Wochen hat diese Vorspann-Zeile über eine halbe Million Zuschauer in 15 verschiedenen Pariser Kinos gelesen. Ein Satz, der einem Werk vorangestellt wurde, das ansonsten fast 100 Minuten lang ohne Sprache auskommt.

Bei seiner weltweiten Verbreitung - im Februar wird er in den USA anlaufen, Anfang März in Deutschland, England und Italien, im April in Japan - kann der Film deshalb ohne Synchronisation oder Untertitelung auskommen - und doch verstanden werden.

Ein ungewöhnlicher Fast-Stummfilm mit frappierenden Geräuschen in Dolby-Stereo, der anrührend und spannend beschreibt, wie das Leben in der Steinzeit gewesen sein mag: »häßlich, brutal und kurz« (US-Magazin »Newsweek").

Nach dem rüden Raub ihres Feuers, das bei den Ulam in einem Schrein aus Knochen und Leder glomm, machen sich drei der ihren auf, das ewige Lämpchen wieder herbeizuschaffen.

Führer Naoh wird auf dieser Abenteuer-Reise - vor Löwen müssen sie sich auf einen Baum flüchten, einer Herde Mammuts mit Heu Halt gebieten - zwar aus dem Moor von Menschen eines dritten Stamms befreit; sie nehmen ihn dafür aber gleich wieder gefangen.

Nachdem Ika, die Dorfschönheit dieses fast zivilisiert anmutenden Ivaka-Stamms, sich von Naohs Manneskraft überzeugen konnte, befreit sie ihn aus der Haft und begleitet ihn samt seinen beiden Kumpanen zurück zu den Ulam.

Das gerettete Feuer, das sie mit sich führen, geht im Freudentaumel übers Wiedersehen gleich wieder zischend baden - Ironie im Steinzeitschicksal.

So kann Ika, die gehobene Lebensart mit gefärbter Haut zu Markte trägt, den hinterwäldlerischen Ulam zeigen, wie man Feuer schlägt - einfach aus zwei Hölzchen. In Naoh entfacht sie eine besondere Glut: Sie zeigt ihm die Liebe von Angesicht zu Angesicht.

Mit seinem Film »Am Anfang war das Feuer« - so der deutsche Verleihtitel - soll das Publikum mittels Blick in die Steinzeit sich selbst entdecken: so will es jedenfalls der Regisseur Jean-Jacques Annaud, Jahrgang 1943, Absolvent des »Institut des Hautes Etudes Cinematografiques«.

Als Vorlage diente ihm das erfolgreiche Jugendbuch des Belgiers J. H. Rosny, dessen wissenschaftliche Hypothesen aus dem Jahre 1911 zeitgemäßen angepaßt wurden, dessen europäische Szenerie Annaud und Drehbuchautor Gerard Brach in menschenleeren Gegenden von Schottland, Kanada und Kenia fanden.

Annaud, der ursprünglich mit australischen Ureinwohnern drehen wollte, wählte für seinen Film lauter unbekannte Schauspieler aus. Sie bekamen eigens von dem Zoologen Desmond Morris ("Der nackte Affe") Gesten und archaische S.150 Bewegungen vorgezeigt, die sie monatelang einüben mußten.

Den Darstellern wurden Zähne, Masken und Mähnen aus Latex, Kautschuk, Fell und Kitt angeklebt, sie durften bei der Arbeit weder Schuhe noch Unterwäsche tragen, sie mußten unter extremsten Bedingungen arbeiten: »Das Leben vor 80 000 Jahren kann nicht leicht gewesen sein«, erklärte der Regisseur, »so daß der Film da am realistischsten ist, wo sich die Härte des Daseins am eindrucksvollsten auf den Gesichtern der Akteure widerspiegelt.«

In »La Guerre du feu« haben 20 Zirkuselefanten, als Mammuts maskiert, einen kurzen Auftritt, zwei Löwen jagen, urzeitliche Eckzähne fletschend, die »drei Musketiere der Frühzeit« ("L'Express"). Zur übrigen Menagerie gehören Bisons, Wölfe und Hyänen.

Von Anfang an war der Filmkrieg ums Feuer nicht nur ein Kunststück der Verwandlungen, sondern auch ein Kampf ums Geld.

Zwar operierte Produzent Michael Gruskoff (Herzogs »Nosferatu") anfangs mit dem Segen des US-Filmriesens Columbia Pictures. Als bei der Columbia ein paar Manager gefeuert wurden, stieg die Firma aus dem Werk aus.

Die Fox übernahm in dem Augenblick, als in Hollywood die Schauspielergewerkschaft ihren Streik ausrief: 1980, nach vier Jahren Vorarbeiten, ging bei Annaud/Gruskoff das Feuer aus.

Als unabhängigem Produzenten gelang es Gruskoff schließlich, die 12 Millionen US-Dollar zu sammeln, die einen authentischen Blick in die Steinzeit ermöglichen sollten.

Am sparsamsten wurde in dem kostspieligen Feuer-Werk mit der Sprache umgegangen. Die Laute der frühen Einwohner Europas hat der englische Romancier Anthony Burgess ("Uhrwerk Orange") erfunden: Oyoon itjon s dondron s tsed tirdon - dron s dondrijikstsedon (Wir gehen in den Wald und töten mit unseren Pfeilen Tiere.)

Der Autor läßt die Steinzeitler in einer Sprache reden, die am ehesten etwas mit Latein und Sanskrit zu tun haben soll.

Bei seinem Versuch, sprachliche Kommunikationsreformen der Steinzeitmenschen zu erfinden, stützte er sich auf die Theorie des deutschen Philologen Max Müller.

Die besagt, daß alle Wörter die Dinge, die sie beschreiben, phonetisch zu umschreiben suchen - etwa wie ein Kind einen Hund »Wauwau« nennt.

Seine Arbeit wurde allerdings dadurch erleichtert, daß den seltsamen Wörtern immer Gesten zur Bedeutung verhelfen. Im Film »La guerre du feu« grimassieren, gestikulieren und reden die Ur-Einwohner Europas auf eine Weise, wie es - bis auf die ersten zehn Minuten in Kubricks »2001« - ein Kinopublikum noch nie gesehen und gehört hat.

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