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»Pace, pace, mio Dio«

Durch den Washingtoner Friedensschluß erreichte Israel nach 30 Jahren Krieg den Ausgleich mit Ägypten -- aber Euphorie wollte sich dennoch nicht einstellen: Zu viele Streitfragen, Jerusalem zumal, blieben ausgeklammert, zu viele Widersprüche konnten nur durch US-Garantien zugedeckt werden.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Die Boeing 707 der israelischen Luftwaffe mit der Kennummer 4 X JYK machte zweimal Geschichte. 1976 diente sie als fliegendes Hospital beim israelischen Kommando-Unternehmen gegen Entebbe. Vorige Woche flog die Maschine mit rund hundert Mann Gefolgschaft des Israel-Premiers Menachem Begin, darunter fast sein halbes Kabinett, zur Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Ägypten nach Washington und anschließend wieder zurück.

Nach Liber 30 Jahren Krieg Frieden zwischen Israel und dem wichtigsten Araber-Staat -- im Verhältnis zu diesem bewegenden Ereignis herrschte unter dem Begin-Gefolge an Bord der Friedens-Maschine erstaunliche Apathie, sogar noch auf dem Rückflug.

An langfristige Verläßlichkeit des frisch unterzeichneten Vertrages wollte so recht niemand glauben. Denn einmal stirbt Skepsis bei den Israelis nur schwer und wohl nie gänzlich. Und zum anderen war die ursprünglich großzügige Geste Sadats trotz des schließlichen Erfolges zu lange in legalistischer Kleinkrämerei versandet, der Euphorie die Luft ausgegangen.

Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages am vorigen Montag.

Auf Glückwünsche des SPIEGEL nach der Unterzeichnungs-Zeremonie flehte Begins Innenminister Josef Burg, gebürtiger Dresdner: »Gott gebe, daß sich dieses Vertragswerk als beständig erweist.« Und auch Verteidigungsminister Weizman, der in 16 Verhandlungsmonaten zum Sadat-Freund gewordene Ex-Falke, bangte: »Wenn ich Lloyd's wäre, würde ich wohl zögern, Präsident Sadat eine Lebensversicherung anzubieten.«

Nur Begin selbst gab sich nach der Zeremonie und den anschließenden Feierlichkeiten unter dem orangegelb-gestreiften Zirkuszelt auf dem Rasen des Weißen Hauses fast überschwenglich. Denn: »Schließlich habe ich in meinem Leben noch nie bei einer Friedensunterzeichnung mitgemacht.«

Der Friedensapostel gewordene ehemalige Terrorist sprudelte Selbstsicherheit, der einstige polnische Advokat gab sich mehr denn je als messianischer Visionär, der frühere Talmudist schien sich wohl dabei zu fühlen, der Pate des »Zeitalters der Erneuerung« (so Jimmy Carter) im Nahen Osten zu sein.

Dennoch wirkte dieser Mann, auf Schritt und Tritt von seinem persönlichen Arzt, Dr. Basil Lewis, begleitet. müde. Sein Gesicht war beinahe grau in grau. Bei den Reden anderer schien er abwesend, die wenigen freien Stunden entspannte er sich in seiner Suite im neunten Stockwerk des Washingtoner Hilton Hotels. Seine Frau Alisa erwarb dann unten in der Halle »billige Schmöker": »Der Arme muß ja was zu lesen haben, wenn er im Zimmer ist.«

Auch Sadat wirkte müde, erschöpft, aber er ließ sich seine Zuversicht nicht trüben: »Neue Ideen brauchen eben viel Zeit.« In seinem ersten Informationsgespräch mit israelischen Journalisten allerdings klagte er: »Warum mußten wir 16 Monate vergeuden, bis wir den Vertrag bestätigten?«

In Washington wäre das zweifelhafte Friedenswerk beinahe im letzten Moment noch gescheitert. Denn am Vorabend der Unterzeichnung war noch offengeblieben, wann Israel die Alma-Erdölfelder im Golf von Suez räumen würde und wie die amerikanischen Hilfs- und Garantiezusagen an Israel formuliert sein sollten.

US-Außenminister Vance unternahm es, den bockigen Begin umzustimmen. »Er redete ihm zu wie einem kranken Kind«, sagte ein amerikanischer Beamter. Doch Begin wollte Flexibilität wenn schon, dann gegenüber Sadat persönlich zeigen, ein Verlangen, das Vance, ohne viel Hoffnung, telephonisch an den ägyptischen Botschafter Ghorbal weitergab.

Fünf Minuten später kam Ghorbals Rückruf: Begin solle um sechs Uhr abends in seine Residenz kommen, wo Sadat ihn erwarte. Vance war verblüfft, Begin strahlte. Knapp zwei Stunden verhandelten dann die beiden semitischen Feindesbrüder noch einmal, doppelt so lange wie vorgesehen. Schließlich erklärte sich Israel bereit, die Erdölfelder, die zur Zeit fast 25 Prozent des israelischen Energiebedarfs decken, nach sieben und nicht erst nach neun Monaten freizugeben. Ägypten versprach dagegen, das Alma-OI werde anschließend sofort -- »am nächsten Tag, ohne jede Unterbrechung« -- zu Weltmarktpreisen an Israel geliefert. In Jerusalem wurden schon geschriebene Entlassungsbriefe für 150 Erdöl-Arbeiter nicht abgeschickt.

In der plötzlich entspannten Stimmung versprach Begin, er wolle die Sinai-Hauptstadt El-Arisch schon nach zwei Monaten freigeben und als Beweis guten Willens »großzügige Gesten« machen, etwa 23 politische Häftlinge freilassen und politische Tätigkeit in den besetzten Gebieten erlauben, »aber keine Freiheit für Bombenwerfer«.

Als großzügige Gegengeste verlegte Sadat die Öffnung der Grenzen vor, so daß schon nach der Räumung El-Arischs, also nach zwei und nicht wie zuvor geplant erst nach neun Monaten, Besucher aus Israel nach Ägypten fahren können und umgekehrt. Schon sah ein israelisches Delegations-Mitglied »eine Lawine des Levantinismus auf uns zurollen«.

Unterdessen feilschten die Israelis bis zum letzten Moment mit den Amerikanern, um schließlich ein »Memorandum of Understanding« zu paraphieren, das Begin im kleinen Kreis als »wundervolles Dokument« bezeichnete.

Ursprünglich hatten die Amerikaner den Israelis Garantien bieten wollen, die lediglich die Verpflichtungen der USA nach dem zweiten Sinai-Entflechtungsabkommen bestätigten. Doch das lehnten Begin und Dajan ab. Sie wollten mehr und bekamen es auch, wenn auch nicht so sehr, was die Einhaltung des Friedens durch Ägypten betrifft.

Der Beschluß, ob ein Vertragsbruch von seiten Ägyptens vorliegt, muß nämlich von den Amerikanern gefaßt werden, darauf sollen Gespräche der drei Vertragspartner stattfinden, eine etwaige amerikanische Intervention würde die Zustimmung des Kongresses erfordern. Doch im Verhältnis zu Ägypten fürchtet Israel in absehbarer Zeit ohnehin kaum neue Konflikte.

»Verbindlicher, solider und präziser« (so Begin) sind die amerikanischen Hilfszusagen im Fall eines Konflikts mit einem anderen arabischen Staat. Auf dringende Forderung Jerusalems versprachen die USA, ihre militärische Präsenz in Nahost auszubauen, eine See-Blockade Israels sowie friedensbedrohende Beschlüsse im Uno-Sicherheitsrat durch ein Veto zu verhindern und Israel im Notfall ohne vorherige Kongreß-Zustimmung militärischen Nachschub zu liefern.

Bei einer etwaigen Intervention nicht-regionaler Mächte werde Amerika Israel gleichfalls sofort beistehen. »Nicht nur daß, sondern auch wie Amerika intervenieren wird, ist vertraglich genau verankert worden«, beteuerte Begin.

Über genaue Zahlen der amerikanischen Finanzhilfe möchte Begin sich nicht äußern. Denn: »Über Zahlen spreche ich ungern, seit man mich Shylock genannt bat.« US-Senator Frank Church glaubt indessen, daß der Nahost-Friede die USA innerhalb der nächsten vier Jahre »bis zu 27 Milliarden Dollar kosten« könnte.

Im ganzen gab sich Israels Premier weniger begeistert als Ägyptens Staatschef. Für Sadat war die Feier in Washington »der glücklichste Tag meines Lebens«, für Begin hingegen nur »der drittglücklichste' nach dem Tag der staatlichen Unabhängigkeitserklärung und dem Tag der Wiedervereinigung Jerusalems«.

Als die Unterzeichnungs-Zeremonie vor dem Weißen Haus aus der Ferne von PLO-Sympathisanten gestört wurde und zwischen den Glocken der St.-John's-Kirche Schmährufe gegen »die unheilige Allianz« und »den Verrat am palästinensischen Volk« zu hören waren, fragte Sadat seinen Gastgeber Carter, wer dort protestiere. »Das sind arabische Studenten«, erläuterte Carter. Selbstzufrieden meinte daraufhin Begin: »Ich befürchtete schon, das seien vielleicht jüdische Studenten.«

Schmunzelnd reagierte Begin auf die Brandreden der arabischen Ablehnungsfront gegen den ägyptischen Alleingang: »Stellt euch vor, Arafat möchte lieber Sadat als mich ermorden, obwohl es ihn natürlich nicht stören würde, wenn die Kalaschnikows seiner Terrortrupps bei derselben Gelegenheit auch mich erwischen würden.«

Die Ägypter glauben, die Opposition im arabischen Lager schließlich überwinden zu können. Vor israelischen Korrespondenten beschimpfte Sadat die PLO als »Mörderbande«; die Palästinenser müßten Israels Existenz anerkennen, »und dann werde ich auch ihre Interessen mit Nachdruck vertreten«.

Am 30. Mai sollen nun die ägyptisch-israelischen Gespräche über die geplante Autonomie Westjordaniens und des Gazastreifens beginnen, anfangs im israelischen Beerscheba, später abwechselnd in dieser Negev-Stadt und dem geräumten El-Arisch. Daß ihre Ansichten über die Qualität der vereinbarten Autonomie und noch mehr über die Zukunft Jerusalems einander diametral zuwiderlaufen, wissen beide Seiten.

Sadat gibt sich dennoch gelassen; zwar sei er der Ansicht, eine nochmalige Zweiteilung Jerusalems sei ausgeschlossen, doch müsse Israel verstehen. daß »auch die arabische Nation Rechte an Jerusalem und Gefühle für diese Heilige Stadt hat«. Der Ägypter rechnet dabei auf die Unterstützung Washingtons.

Die Israelis hingegen glauben, der kritische Moment der Verhandlungen werde im nächsten Jahr kommen, auf dem Höhepunkt der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Und dann dürfte sich Carter mit Blick auf die jüdischen Wähler der Demokraten sehr wohl überlegen, ob er die ägyptischen Ansichten allzu klar unterstützen will. Selbstsicher betonte Innenminister Burg: »Weder die Araber noch die Amerikaner können uns aus Westjordanien, der Urheimat unserer Vorväter, vertreiben.«

Aber diese Selbstsicherheit wirkt oft nur gespielt. Begin-Berater Reuben Hecht glaubt, »das Schwere und Schlimme« stehe erst noch bevor. Deshalb auch vereinbarten die Parteien, die kaum lösbare Jerusalem-Frage (Sadat: »Da billigt Carter unsere Haltung") vorläufig auszuklammern.

So beschrieb denn die israelische Zeitung »Jediot Acharonot« die Stimmung richtig: »Das Friedens-Festival ist jetzt vorüber, die Champagnerflaschen sind leer. Und im Morgengrauen des Tages nach der Feier lauern Verdruß und unendliche Schwierigkeiten, die mit der Zeit rasch wachsen werden.«

Beschwörend fast applaudierten Begin und Sadat, als bei dem Friedens-Bankett im Weißen Haus Leontyne Price die Arie aus Verdis »Macht des Schicksals« sang: »Pace, pace mio Dio.«

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