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INDIEN/CHINA Padma tanzt

Die Chinesen besetzten ein indisches Hochtal im Himalaja, die Bevölkerung befürchtet einen neuen Grenzkrieg. SPIEGEL-Korrespondent Sri Prakash Sinha konnte in das Sperrgebiet reisen. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Das einsame grüne Sumdorong-Tschu-Tal ist das Paradies der Jaks, der urigen tibetischen Hochgebirgsrinder. Ab Mitte Mai ziehen die Hirten von den Monpasstämmen mit ihren langzotteligen Herden über die Himalaja-Kämme bis in das plateauförmige Hochtal im äußersten Nordosten Indiens, um hier den Sommer zu verbringen.

Gegen den eiskalten Wind tragen die Monpas-Hirten Jakfellmützen, aus Jak-Milch bereiten sie Käse zu, der angeblich vor Erkältungen schützt.

Weil das Sumdorong-Tschu-Tal im Nordwestzipfel des indischen Staates Arunatschal Pradesch direkt an der Grenze zu China liegt, ziehen auch die Agenten des indischen Geheimdienstes mit auf die Himalaja-Alm, bis der Schnee im Dezember alle wieder in die Täler treibt.

In diesem Jahr verspäteten sich Herden, Hirten und Agenten beim Aufstieg - mit hochpolitischen Folgen. 500 Mann der chinesischen Volksbefreiungsarmee hatten den Weidegrund besetzt, einen Hubschrauberlandeplatz gebaut und die Maultierpfade nach China zu Fahrstraßen ausgebaut.

Obwohl sich die Eindringlinge seither nicht mehr vom Fleck rührten, löste ihr Vormarsch in den Bergen Panik unter den Indern aus. Denn das Sumdorong-Tschu-Tal liegt nicht weit vom Thagla-Kamm entfernt, einem der Haupteinfallstore der chinesischen Invasion von 1962. Damals wurde auch Bomdila, eine Gebirgsstadt in 2500 Meter Höhe, eingenommen, heute ist sie der letzte militärische Vorposten des IV. indischen Infanteriecorps, das die »gelbe Gefahr« vom Subkontinent fernhalten soll.

»Der chinesische Drachen hat sich wieder eingenistet. Aber haben Sie keine Angst, Sir, Padma wird tanzen«, versucht ein Bomdila-Bürger sich zu beruhigen. Padma ist die aus einer Lotosblüte geborene Hindu-Göttin, die die Erde erzittern läßt. Wenn sie tanzt, so wissen die Lastwagen- und Jeepfahrer im Himalaja, kommen die Berge ins Rutschen, werden Straßen und Wege blockiert. Wenn Padma tanzt, so hoffen die indischen Monpas, können auch die Chinesen wegen der Stein- und Erdlawinen nicht vormarschieren.

Hinter orientalischer Geschäftigkeit ist in Bomdila Nervosität spürbar. »Die tibetischen Händler haben ihr Gold verkauft«, sagt Kulkarni von der State Bank of India. Der Manager ist eigens aus dem fernen Maharaschtra eingeflogen, um das Chaos in seiner Zweigstelle im Himalaja unter Kontrolle zu bringen. Etliche der 3000 Kunden haben ihre Konten geplündert und ihre Familien ins indische Tiefland in Sicherheit gebracht.

Bomdilas Markt zählt nur etwa fünfzig Läden. Die Händler sind meist Tibeter, Monpas, ein paar Nepalesen und Ostinder. Gegen die schneidende Kälte haben vor allem die Tibeter ein probates Mittel bereit. Sie verkaufen heimlich unter dem Ladentisch indischen Honig-Weinbrand und Herkules-Rum aus Armeebeständen.

Bei Einbruch der Dunkelheit kommen die Jugendlichen in engen Hosen, dicken Pullovern und Mänteln in den Basar und singen unter rhythmischem Klatschen: »We have a bottle of brandy and one of rum, we are waiting and waiting for the Chinese to come.« »Wir trinken, weil wir Angst vor den Chinesen haben«, sagt ein junger Mann vom Monpas-Stamm,

»doch wenn sie kommen, werden wir uns kräftig wehren.«

Das wird auch die indische Armee versuchen. Seit dem Einfall der Chinesen rollen Nacht für Nacht Militärkonvois aus der 160 Kilometer entfernten Garnison von Tespur im indischen Bundesstaat Assam aus der Ebene des Brahmaputra über die gefährliche Paßstraße nach Bomdila und werden im benachbarten Tenga-Tal entladen. Selbst bei Monsunregen quälten sich die Militärfahrzeuge noch die steilen Kurven herauf.

»1986 ist nicht 1962«, sagt Bomdilas Verwaltungschef Mahabir Prasad Tjagi, ein Ex-Offizier, der schon beim chinesischen Angriff vor 24 Jahren dabei war, »inzwischen haben wir eine Menge gelernt. Wir sind für jede Herausforderung gerüstet«.

Wachsam beobachten die Militärs die 3520 Kilometer lange Gebirgsgrenze zwischen den beiden asiatischen Riesen, die McMahon-Linie. 1914 hatte der britische Beamte Sir Henry McMahon im Namen der britischen Krone mit Einwilligung Tibets, aber hinter dem Rücken Chinas eine Demarkationslinie gezogen, die Britisch-Indien von Tibet trennte.

Die Grenze überdauerte das Empire und war noch in den 50er Jahren von allseitigem Nutzen, als Chinas Tschou-En-lai und Indiens Jawaharlal Nehru einander herzliche Besuche abstatteten. Tagesparole war damals »Hindi chini bhai bhai« - Inder und Chinesen sind Brüder.

Die Wende kam 1959, nach dem großen Aufstand der Tibeter gegen ihre chinesischen Besatzer. Damals floh Tibets Gottkönig, der Dalai Lama, nach Indien, und mit ihm kamen 85000 Anhänger. Nach kleineren Streitigkeiten und Scharmützeln rächte sich Peking, indem es 1962 eine Offensive gegen die indischen Grenzregionen startete. Indiens Soldaten wichen fluchtartig zurück, erst kurz vor Erreichen des Bundesstaates Assam in der Tiefebene erklärten die Chinesen einen einseitigen Waffenstillstand und zogen dann freiwillig wieder ab.

Das Trauma dieser demütigenden Niederlage, die Indien quasi schutzlos der geballten Macht des kommunistischen China auslieferte, hat die indische Armee nie überwunden. Jawaharlal Nehru, der damalige Regierungschef, der durch ungeschicktes Taktieren, schlechte Planung und Arroganz das Desaster mit herbeigeführt hatte, erholte sich nie mehr von der Schmach und starb zwei Jahre später.

»Wir möchten grünes Licht aus Neu-Delhi«, prahlt ein Offizier in Bomdila, »dann werden wir diese verdammten Chinesen für alle Zeiten schlagen.«

»Wir wollen die Chinesen nicht provozieren«, sagt dagegen Major Brar im Hauptquartier in Tespur, »denn wir verfügen in Arunatschal Pradesch kaum über reguläre Truppen der Armee - nur Grenzschutz, paramilitärische Einheiten und die bewaffnete Polizei.«

Auch Regierungschef Radschiv Gandhi, Nehrus Enkel, will den Grenzstreit auf die sanfte Tour lösen, am Verhandlungstisch. Er hat schon mit Rebellionen in etlichen Landesteilen, vor allem im Pandschab, zu tun, eine weitere Front kann er nicht brauchen. Doch die Chinesen zeigen sich stur.

Als Indien sich offiziell über den Einfall der Chinesen in Arunatschal Pradesch beschwerte, wies Peking den Protest zurück und ließ sogar über die Nachrichtenagentur »Neues China« verbreiten, Indien schlucke chinesisches Land. Seit Jahren beanspruchen die Chinesen nämlich die Region von Arunatschal Pradesch zur Grenzabrundung, während Indien seinerseits den Chinesen vorwirft, 37000 Quadratkilometer in den westlichen Himalaja-Regionen annektiert zu haben. Die McMahon-Linie, so die Chinesen, sei schließlich nur »ein Produkt der Kolonialisten«.

Trotz des Grenzkonflikts hatte Radschivs Mutter Indira Gandhi als geschickte Taktikerin und Politikerin 1976 wieder diplomatische Beziehungen zu Peking aufgenommen, sich selbst aber durch den Freundschaftsvertrag von 1971 der Sowjet-Union stark angenähert. Da sich die Beziehungen zwischen China und der UdSSR inzwischen verbessert haben, kann Radschiv Gandhi nicht mehr sicher sein, daß der Große Bruder in Moskau bei einem sino-indischen Grenzkonflikt energisch an Indiens Seite tritt.

Das indische Parlament zeigte sich über Radschivs Zurückhaltung gegenüber Peking teils amüsiert, teils verärgert. »Wollen Sie uns den Chinesen ausliefern?« fragte Omen Moyong Deori, Abgeordneter aus der gefährdeten Himalaja-Region.

Auf dem Basar von Bomdila versuchen die Händler trotz aller Ängste noch, gute Geschäfte zu machen. »Sie können getrost im voraus bezahlen«, sagt Anil Kumar Rai, ein junger Photograph, der am Markt ein kleines Studio besitzt, »die Photos vom Einmarsch der chinesischen Truppen schicke ich Ihnen dann zu.« _(In der Grenzregion von Arunatschal ) _(Pradesch. )

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INDIEN

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In der Grenzregion von Arunatschal Pradesch.

Sri Prakash Sinha
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