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BAYER/HÜLS Paket auf Wanderschaft

aus DER SPIEGEL 34/1966

An den Kurstafeln der Börsen in

Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München erschien am Mittwoch und Donnerstag letzter Woche ein fast vergessenes Zeichen. Die Aktien der Frankfurter Chemie-Verwaltungs-AG wurden mit + + angekündigt.

Das doppelte Plus zeigte an, die Nachfrage nach Papieren der Chemie-Verwaltung sei so massiv, daß der Kurs um zehn Prozent steigen werde. In der Tat sprang er binnen zwei Tagen von 260 auf 317 Punkte hoch. Die Aktien mußten rationiert werden.

Der Käufersturm brach los, nachdem sich eine Blitznachricht an den Börsen verbreitet hatte. Der mächtigste westdeutsche Chemie-Trust, die Farbenfabriken Bayer AG mit sieben Milliarden Mark Umsatz, hatte ein Viertel der Aktien der Chemischen Werke Hüls AG übernommen. An diesem Unternehmen ist die Chemie-Verwaltung mit der Hälfte von 260 Millionen Mark Grundkapital beteiligt.

Die Chemischen Werke Hüls in Marl/ Westfalen sind eines der ertragreichsten deutschen Unternehmen. Mit 14 000 Beschäftigten erzielten sie im vergangenen Jahr 915 Millionen Mark Umsatz.

Bei der letzten Gewinnausschüttung in Marl - 17 Prozent Dividende - hatten außer der Chemie-Verwaltung noch die Veba-Tochter Hibernia AG und die Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) mit je 25 Prozent der Aktien an der Kasse gestanden. Dann aber ging das GBAG-Paket auf Wanderschaft.

Die Hibernia erwarb es am 7. Juli dieses Jahres zum Preis von 230 Millionen Mark. GBAG-Chef Hans Dütting, den Schwierigkeiten im eigenen Haus zum Verkauf zwangen, tröstete sich damit, daß die Beteiligung ja »im Bergbau bleiben« werde.

Düttings Vertragspartner, Hibernia -Chef Hans Werner von Dewall, hatte jedoch den Bergbau nicht im Sinn. Dewall zum SPIEGEL: »Wir haben nie daran gedacht, das GBAG-Paket zu behalten. Wir wollten es immer einem der großen Chemiekonzerne weitergeben und so zwischen Hibernia und Hüls zur Kooperation mit einem der Großen kommen.«

Alle drei westdeutschen Retorten -Giganten, außer Bayer auch die Farbwerke Hoechst und die Badische Anilin & Soda-Fabrik (BASF), waren an der Beteiligung interessiert. Aber Hüls-Chef Dr. Franz Broich wollte weder die BASF noch Hoechst im Hause haben, da viele seiner Produkte mit deren Erzeugnissen konkurrieren. Er mußte fürchten, daß Hoechst oder BASF als neue Miteigentümer seinen Expansionsdrang bremsen würden.

Nur die Farbenfabriken Bayer waren kein Konkurrent. Hibernia-Generaldirektor von Dewall, zugleich Aufsichtsrats-Vorsitzender bei Hüls: »Die Produktionsprogramme von Bayer und Hüls ergänzen sich geradezu ideal.«

Daß die Hibernia ihr eben von der GBAG erworbenes Aktienpaket an Bayer weiterreichen würde, blieb lange geheim. Als Bayer-Chef Kurt Hansen in der zweiten Juli-Hälfte ein Schuldscheindarlehen über 50 Millionen Mark zum Rekordzins von 9,7 Prozent aufnahm, ließ er nur dunkel verlauten, das Darlehen werde »in einem speziellen Zusammenhang benötigt«. Es finanzierte einen Teil des Kaufpreises: Für das Hüls-Paket mußte Bayer das gleiche zahlen wie vorher die Hibernia, 230 Millionen Mark.

Die Käufer, die sich in der letzten Woche auf Chemie-Verwaltungs-Papiere stürzten, witterten eine Fortsetzung des Handels. Ihre Spekulation: Die abgewiesenen Farbwerke Hoechst würden nun in großem Umfang Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG erwerben, um so doch noch eine Hüls-Beteiligung zu erreichen.

Hüls-Käufer Hansen

An der Börse ein doppeltes Plus

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