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China Pakt mit dem Papst?

Ein mao-chinesischer Pfarrer in Paris vermittelte zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik China, um drei Millionen chinesischer Katholiken das Leben zu erleichtern. Beide Seiten wollen sich aussöhnen.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Das Vatikan-Blatt »L'Osservatore Romano« sah in China ein Martyrium, das der frühchristlichen Zeit würdig sei. Das war 1958. Heute versucht der Papst in Rom, mit dem Papst in Peking ins reine zu kommen.

Das italienische Links-Blatt »L'Astrolabio« meldete, die Chinesen hätten dem obersten Katholiken-Hirten einen Plan zugestellt, dem der vatikanische Ost-Kontakter Monsignore Agostino Casaroli im Prinzip bereits zugestimmt habe.

Zwar dementierte der Vatikan offizielle Kontakte zwischen Rotchina und dem Heiligen Stuhl, leugnete aber nicht die Existenz eines Plans und schon gar nicht, daß Gespräche mit den Chinesen stattfänden. Vermittler zwischen den Gelben und den Schwarzen war ein Chinese in Paris: Abbé Louis Wei Tsing-sing, 68.

Priester Wei betreut in Paris als katholischer Pfarrer eine chinesische Gemeinde zwischen dem Flohmarkt und der Place Pigalle. Er ist Bürger der Volksrepublik China, obgleich er seine Heimat bereits 1931 verlassen hat, um zu Fuß nach Rom zu pilgern. Dort vertrat Wei China als Militärattaché der Botschaft.

Erst 1965 wurde Wei zum Priester geweiht. In den vergangenen Jahren knüpfte er viele Kontakte zwischen Peking und dem Vatikan. Papst Paul VI. empfing ihn in Privataudienz; Mitglieder der chinesischen Botschaft in Paris sind seine ständigen Gesprächspartner.

Heute bestehen kaum noch Kontakte zwischen Rom und den drei Millionen chinesischen Katholiken. Dabei war China einst -- mit 20 Erzbistümern, 90 Bistümern und 38 apostolischen Präfekturen -- die stärkste Auslands-Mission der katholischen Kirche überhaupt. 6042 Priester betreuten die damals 3,5 Millionen Katholiken. Mehr als 1000 Brüder zahlreicher Orden und mehr als 7000 Schwestern arbeiteten in Waisenhäusern, Kliniken und Schulen. Sie besaßen drei katholische Universitäten mit mehr als 5000 Studenten.

Doch in kaum einem Land hatten sich die Missionare so verhaßt gemacht wie in China, vor allem durch den sogenannten Ritenstreit: Der Jesuit Matteo Ricci, Gründer der China-Mission, hatte Ende des 16. Jahrhunderts chinesische Riten wie den Ahnenkult erlaubt, weil er hoffte, diese Riten langsam christianisieren zu können. Seine Gegner hingegen -- insbesondere Dominikaner und Franziskaner -- sahen darin einen Götzendienst. Der Vatikan schlug sich auf die Seite der Riten-Gegner und brüskierte damit die Chinesen. Sie verboten 1724 das Christentum, ab 1814 wurden illegale Missionare sogar hingerichtet.

Nach Chinas Niederlage im Opiumkrieg erzwangen die europäischen Kolonialmächte 1842 die vertragliche Zulassung der Christen-Mission. Die Mönche kehrten zurück, doch sie wurden den Makel der auferzwungenen Christianisierung nicht 105.« Menschen, die fremde Religion essen » nannten die Chinesen ihre christlichen Landsleute. Erst 1939 hob Papst Pius XI. die Riten-Dekrete seiner Vorgänger auf. Es war nicht das einzige Versagen der Römischen. Als die Japaner beispielsweise 1939 den Nordosten Chinas besetzten, ließ ein dort tätiger italienischer Missionar die chinesischen Kinder ein Tedeum zu Ehren der Invasoren singen: Japan war damals mit der Achsenmacht Italien verbündet.

Der früher in China tätige Missions-Bischof C. v. Melckebeke kritisierte: »Wurde doch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vom einheimischen Klerus immer wieder absoluter Gehorsam gegenüber der höheren kirchlichen Autorität gefordert, und diese Autorität lag bis auf wenige Ausnahmen in den Händen der ausländischen Missionare.

So lag es nahe, daß die kommunistischen Eroberer als erstes nahezu alle ausländischen Missionare auswiesen und den Vatikan als Instrument des Kolonialismus und Imperialismus anprangerten. Sie gruben die Gebeine des Ur-Missionars Ricci wieder aus und verstreuten die Asche in alle Winde.

Abermals wurden die Christen Chinas verfolgt. Vor einem Ausschuß des amerikanischen Repräsentanten-Hauses sagten fünf asiatische Priester aus, die Kommunisten hätten in der Nachkriegszeit insgesamt etwa 140 000 Christen getötet. Die meisten katholischen Kirchen Chinas wurden geschlossen, dienten in der Kulturrevolution den Roten Garden als Versammlungsstätte. Aber die Katholische Kirche Chinas war damit nicht erstickt worden -- im Gegenteil. Befreit von ausländischer Bevormundung, zogen sich die Gläubigen in noch verbliebene Kirchen oder -- verbotene -- häusliche Privatgemeinden zurück. Um bei Razzien nicht geschnappt zu werden, verzichteten sie auf den Kniefall beim Beten.

Mitte der 50er Jahre gründeten Chinas Christen -- auf Druck der Regierung -- die »Vaterländische Vereinigung chinesischer Katholiken«, eine von Rom unabhängige Nationalkirche. Christen, die sich dieser Kirche anschlossen, konnten ihrem Glauben relativ frei nachgehen. Wer sich weigerte, ihr beizutreten, mußte in Arbeitslagern büßen. Es ist unbekannt, wie viele Christen in China heute zur einen oder anderen Glaubensgemeinschaft gehören. Vermutlich aber ist die Verstaatlichung der chinesischen Katholiken nahezu abgeschlossen; denn Ende der 60er Jahre fühlte sich Peking stark genug, über verschiedene ausländische Botschaften, etwa in Kuba und Tansania, mit Abgesandten des Vatikans zu verhandeln. Im Juli 1970 ließ Peking den letzten inhaftierten Missionsbischof. den Amerikaner James Edward Walsh, nach zwölfjähriger Haft frei.

Von den derzeit 65 amtierenden China-Bischöfen hat der Vatikan nur 22 ernannt, während die übrigen -- ohne Plazet des Heiligen Stuhls -- von anderen chinesischen Bischöfen eingesetzt wurden. Papst Johannes XXIII. sprach nach den ersten eigenmächtigen Bischofsweihen sogar von einem Schisma zwischen den chinesischen Hirten und ihrer römischen Mutter. Schanghais Rebellen-Bischof Tschiang Kia-schiu hingegen: »Die wahren Katholiken sind wir.«

Nach Kirchenrecht dürfen Bischöfe durchaus andere Bischöfe nominieren. Aber kein Bischof darf eine Jurisdiktion ohne Plazet von Rom ausüben: Die nicht von Rom bestätigten Bischöfe müßten mithin sogar exkommuniziert werden -- was der Vatikan jedoch vermied.

Als Paul VI. im November 1970 nach Asien jettete, antwortete er in Hongkong auf die Vermittlungsfühler der Festlandchinesen. Vorsichtig entbot er Grüße »allen chinesischen Menschen, wo immer sie sein mögen« -- mehr hatte ihm die englische Regierung in ihrer Kronkolonie nicht zu sagen erlaubt.

Abermals zeigten sich die Chinesen versöhnlich: Sie stellten jede Pressekampagne gegen Chinas Christen ein und ließen erstmals wieder zwei italienische Missionspriester ins Land.

Auf Brioni konferierte Roms Ost-Kontakter Monsignore Casaroli mit dem chinesischen Belgrad-Botschafter. Die Frage der schismatischen Bischöfe. gab Casaroli zu erkennen, werde nicht mehr als dramatisch angesehen. Man müsse außerdem mit dem Wort Schisma vorsichtig umgehen, denn es stehe nicht zweifelsfrei fest, daß diese Bischöfe wirklich die Intention gehabt hätten, mit Rom zu brechen.

Freilich sind die Chinesen nicht bereit, dem Vatikan ohne Konzession die Tür zu ihrem Riesenreich zu öffnen. In Paris nannte Abbé Wei zwei Bedingungen für eine Versöhnung: Der Heilige Stuhl müsse die 48 gewählten Bischöfe und den Primus der chinesischen Bischöfe, Monsignore Pi Schu-schi, als Vorsitzenden der Bischofskonferenz anerkennen. Außerdem müsse Rom den diplomatischen Status des Vatikan-Vertreters auf Formosa aufheben.

Im Dezember weilte Abbé Wei abermals in Rom. Er sprach mit Kardinalstaatssekretär Villot und deutete an: Ein Vatikan-Besuch des Peking-Premiers Tschou En-lai sei nicht ausgeschlossen.

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