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Kambodscha Pakt mit dem Teufel

Christoph Maria Fröhder berichtete 1975 als einziger Fernsehreporter über den Einmarsch der Roten Khmer in Pnom Penh. Jetzt kehrte er dorthin zurück - und beschreibt ein Land, das seine Erinnerung verloren hat.
Von Christoph Maria Fröhder
aus DER SPIEGEL 17/1995

Immer wenn Ministerpräsident Hun Sen ins Ausland reist, stehen Männer verschiedener Nationalitäten Spalier, um ihn zu verabschieden. Australier, Kanadier, Amerikaner, Franzosen und Vietnamesen nehmen auf beiden Seiten des roten Teppichs Aufstellung, auf dem Kambodschas stellvertretender Regierungschef zur Gangway schreitet.

Was eine internationale Ehrendelegation sein könnte, ist in Wirklichkeit das Kabinett des südostasiatischen Königreichs. Die Regierungsmitglieder flohen einst vor den Roten Khmer ins Exil und nahmen die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Gastlandes an.

Die meisten Exilanten kehrten erst kurz vor 1993 zurück. Damals fand die erste freie Wahl unter Uno-Aufsicht statt. Manche Minister hatten ihr Land mehr als 15 Jahre nicht gesehen. Viele hatten im Exil Karriere gemacht, waren zu Universitätsprofessoren oder Führungskräften der Wirtschaft aufgestiegen. In der alten Heimat widmen sie sich nun allein der »großen Aufgabe«, wie Justizminister Chem Snguon betont - dem Wiederaufbau des alten Königreichs, das vor 20 Jahren, am 17. April 1975, in die Hände der Roten Khmer und des Massenmörders Pol Pot gefallen war.

Einzig die Hoffnung auf Frieden und Aufschwung eint die Koalitionsregierung. Noch ist der Einfluß der Roten Khmer nicht gebrochen, stiften die kommunistischen Dschungelkämpfer weiterhin Unsicherheit und Zwist zwischen Militärs und Politikern.

Verteidigungsminister Tea Banh etwa plädiert für die Einbeziehung der Roten Khmer in die Regierungsverantwortung; nur so lasse sich der Guerrillakampf im Norden des Landes beenden. Der hochdekorierte General Dien Del widerspricht dem Minister: Eine Rückkehr der Roten Khmer in die Hauptstadt wäre für ihn Verrat an der neugewonnenen Freiheit.

Die Angst vor einer erneuten Machtübernahme der gefürchteten Steinzeitkommunisten und die Korruption lähmen die Regierung und damit den wirtschaftlichen Aufschwung. Nur wenige ausländische Investoren versuchen die aufkommende Goldgräberstimmung für sich zu nutzen.

Der Franzose Eric, 45, ist einer von ihnen. Er nennt sich »Proprietaire«, weil ihm daheim ein ererbter Acker gehört. In Pnom Penh betreibt er einen schwunghaften Handel mit Motorrädern und besitzt Anteile an mehreren Restaurants. Von seiner neuesten Idee, der Produktion teurer Dessous, verspricht er sich durchschlagenden Erfolg. Den Bedarf hat er im Rotlichtmilieu selbst erkundet.

Keiner will den erhofften Boom verpassen, aber niemand weiß, worauf sich das Wirtschaftswunder gründen soll. Tropische Hölzer und Edelsteine sind die wichtigsten Rohstoffe Kambodschas; sie konnten bislang nicht wirtschaftlich genutzt werden, weil die Gebiete, in denen sie vorkommen, von den Roten Khmer unsicher gemacht werden. Die wiederum finanzieren ihren Guerrillakampf durch den illegalen Verkauf von Edelhölzern an korrupte thailändische Militärs.

Noch immer sind die Roten Khmer schlagkräftig, aber ihr politischer Einfluß schwindet. Internationaler Druck auf Thailand verschärft ihre Isolation, und ein Amnestieangebot der Regierung in Pnom Penh hat die Reihen der Kämpfer gelichtet. Verteilt auf mehrere Umerziehungslager, erhalten die Überläufer Unterricht in Demokratie. In einer fast einjährigen Umschulung sollen die von Pol Pot und Genossen zu Killern gedrillten jungen Männer verantwortungsbewußte Staatsbürger werden.

Doch in der Praxis ist die Erziehung eine rabiate Mixtur aus Arbeitseinsatz und militärischem Drill. Die Überläufer müssen helfen, die von ihnen einst zerstörten Dörfer und Pagoden wieder aufzubauen. Die kritische Auseinandersetzung mit ihrer mörderischen Vergangenheit findet nur zweimal die Woche statt. Der Lehrer ist ein Unteroffizier, der zu jung ist, um den Terror selbst erlebt zu haben. Dokumentationen über die Jahre der Schreckensherrschaft gibt es in Kambodscha nicht. Seit der Bücherverbrennung durch die Roten Khmer leben die Kambodschaner ohne Bezug zur eigenen Geschichte, als hätte es die Epoche Pol Pots nie gegeben.

Besonders deutlich wird das an einem jungen Mann namens Tionlong. Er weiß weder sein genaues Alter, noch kennt er die Namen seiner Eltern und Geschwister. Bislang hat ihm niemand geholfen, das schwarze Loch in seiner Erinnerung zu beseitigen.

Wahrscheinlich war Tionlong bei dem Einmarsch der Roten Khmer in die kambodschanische Hauptstadt etwa zwei Jahre alt. Der junge Mann sitzt im Hinterzimmer eines kleinen Ladens. Porträtfotos, die er aus Illustrierten ausgeschnitten hat, müssen die verlorenen Ahnen ersetzen.

Mit Mühe erinnert er sich an einen endlosen Marsch durch Reisfelder und Sümpfe. Erst später habe ihm eine Frau erzählt, wie seine Eltern auf verschiedene Arbeitskolonnen, die sieben Geschwister auf sogenannte Kinderbrigaden verteilt wurden.

Alles, was Tionlong über den erzwungenen Exodus aus Pnom Penh weiß, hat er von jener Frau erfahren, die Gräben am Rande des Umerziehungslagers aushob. Das ganze Gespräch dauerte nur wenige Minuten - ob die Frau seine Mutter, eine Tante oder eine Nachbarin war, hat Tionlong nicht mehr erfahren; ein Erzieher kam dazwischen. Die Frau wurde abgeführt, weil sie gegen den revolutionären Kodex verstieß, der jede private Beziehung verbot.

Tionlong sollte zum »neuen Menschen« erzogen werden, wie Pol Pot es verlangt hatte. Nach dem Wecken um fünf Uhr früh mußten die Kinder stundenlang Slogans aufsagen und vom Ausbilder vorgesprochene Texte wiederholen. Noch heute kann Tionlong rezitieren, was ihm täglich eingebleut wurde.

Wenn er über die Torturen seiner Kindheit spricht, wirkt er emotionslos, als rede er über einen Fremden. Sein Gesicht bleibt auch dann noch starr, als er erzählt, wie seine Gruppe ein Massengrab für »antirevolutionäre Elemente« ausheben mußte.

Nachdem 1979 die Vietnamesen das Mörderregime von Pol Pot beendet hatten, mußte er noch fast ein Jahr in der Kinderbrigade bleiben, weil niemand wußte, was mit den Kleinen geschehen sollte. Später brachten vietnamesische Helfer ihn zurück nach Pnom Penh. Seine Familie blieb verschollen.

Tionlong fand Unterschlupf im Hinterzimmer einer Händlerin. Sie hat den Krieg als einzige ihrer Familie überlebt und betrachtet ihn als Adoptivsohn. Die Einkünfte des kleinen Lebensmittelladens reichen gerade, um beide zu ernähren. Ihr Versuch, Tionlong in der benachbarten Grundschule unterzubringen, scheiterte - die Lehrer hielten ihn für zu alt.

Nach 13 Jahren Guerrillakrieg und der mißglückten Uno-Friedensmission herrscht ein gefährliches Machtvakuum im Land. Der wendige König Sihanouk kann es schon wegen seiner schweren Krebserkrankung nicht ausfüllen. Dabei ist er noch immer die politische Schlüsselfigur Kambodschas.

Eine schillernde Rolle hat er zeitlebens gespielt. Um seine Macht nach dem von den Amerikanern 1970 finanzierten Putsch zurückzuerobern, hatte der Monarch keine Skrupel, sich auf den Teufelspakt mit den Roten Khmer einzulassen. Sie bestätigten ihn 1975 unmittelbar nach der Eroberung von Pnom Penh als Staatsoberhaupt. Zwar distanzierte sich Sihanouk zeitweilig vom Schreckensregime Pol Pots, heute jedoch plädiert er für die Einbeziehung der Terroristen in die Regierung.

Nach seiner Mitschuld an den Greueltaten der Roten Khmer gefragt, weicht der alternde Monarch aus: »Diese Frage müssen Sie der französischen Regierung stellen. Die hat die Führungskader der Roten Khmer ausgebildet. Pol Pot und seine Anhänger stehen in der Tradition des französischen Politikers Robespierre, der ja auch schon seine Gegner mit der Guillotine hinrichten ließ.« Y

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