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NATO / MANÖVER Pannen im Nebel

aus DER SPIEGEL 5/1969

Zur Verteidigung Europas aufgebrochen, strandeten amerikanische Soldaten auf den sommerlichen Azoren und im eisigen Labrador.

Zwei von sieben Maschinen, die ein Vorkommando zum Großmanöver »Reforger I/Crested Cap I« von den USA nach Frankfurt bringen sollten, fielen eben jenen Pannen zum Opfer, wegen derer Westeuropas Strategen die »Rotations«-Doktrin der Nato für unbrauchbar halten.

Mit einem aufwendigen Empfangsprotokoll und rotem Teppich wurden auf dem Rhein-Main-Flughafen Offiziere und Mannschaften begrüßt, die im Ernstfall nicht einsatzfähig gewesen wären: Den Fernmeldesoldaten fehlten ihre Funkwagen.

Einige Tag später waren es dann 14 Transporter, die auf den US-Luftbasen Mildenhall (England), Torrejon (Spanien) und Lajes (Azoren) niedergehen mußten, weil dichter Nebel über Frankfurt lag. Drei weitere Maschinen rollten deshalb In den USA gar nicht erst an den Start.

In Bonn meldeten sich angesichts des Desasters der ersten Stunden Stimmen zwischen Besorgnis und Resignation. Ein General der deutschen Luftwaffenführung:« Das ist in erster Linie eine politische Demonstration.

Die distanzierte Haltung des deutschen Generals erklärt sich aus Bedenken gegen die amerikanische Doktrin, nach der Nato-Truppen ohne Schaden für das Bündnis auch in den USA stationiert sein können. Die Lufttransportkapazität so Washington -- reicht aus, um jederzeit genügend Soldaten nach Europa zu fliegen.

Als schwache Punkte dieser dollarsparenden Philosophie gelten:

* der »Anheiz-Effekt«, den das Einfliegen von Truppen nach Europa in einer Krise hat;

* die Verspätung, mit der der US-Präsident deshalb seinen Soldaten den Marschbefehl geben würde. Von Strategen errechnete Mindestzeiten zwischen Alarm in Amerika und Eintreffen an der europäischen »Front« (15 Tage für die Luftwaffe, 30 Tage für Landstreitkräfte) sind dann nicht einzuhalten;

* die Gefahr, daß die Sowjets bereits in den ersten Stunden eines Krieges die Flugplätze der Bundesrepublik unbrauchbar machen. Anfliegende Transportmaschinen wären dann zum Abdrehen. gezwungen;

* viele der Depots, in denen die Waffen der heranfliegenden GIs lagern, würden ebenso schnell vernichtet, weil die Soldaten, die sie verteidigen oder auseinanderziehen könnten, noch in der Luft oder sogar in den USA wären.

Der traurige Auftakt des größten Luftbrückenmanövers seit dem legendären »Big Lift« im Oktober 1963 rief -- vor allem wegen der Wirkung auf die Öffentlichkeit -- auch in US- und Nato-Stäben Sorge hervor, obwohl der Übungszweck offiziell nicht der gleiche ist wie vor fünfeinhalb Jahren.

Die USA wollten damals ihren Nato-Partnern beweisen, daß sie in der Lage sind, binnen weniger Tage eine ganze Division durch die Luft an die europäische Front zu werfen.

Die Demonstration verlief erfolgreich. In 63 Stunden flog der Militärische Lufttransport-Dienst der USA 14 500 Soldaten der 2. Panzerdivision ("Hölle auf Rädern") aus Texas nach Deutschland. In der Pfalz bestiegen die Höllenreiter entmottete Panzer und rollten zu Manövern auf den Vogelsberg in Hessen.

Wenige Wochen später waren alle GIs wieder zu Hause in Fort Hood, Texas. Die USA hatten erstmals die Leistungsfähigkeit moderner Lufttransportverbände bewiesen. Nicht aber deren Einsatzfähigkeit unter Kriegsbedingungen in Europa.

Das gilt ebenso für die anderen Beispiele großer Luftbrücken in den letzten Jahren. 10 000 Soldaten und über 5000 Tonnen Material der 101. US-Luftlandedivision flogen vom 17. November bis zum 16. Dezember 1967 aus Fort Campbell (Kentucky) nach Bien Hoa bei Saigon.

Obwohl mitten im Krieg, erwiesen sich die Bedingungen dabei als unrealistisch. Die Luftherrschaft der Amerikaner war vom ersten Tage des Vietnamkriegs an total. Feindliche Jagdangriffe drohten ebensowenig wie Flak oder Boden-Luft-Raketen. Und der Landeplatz der Amerikaner lag geschützt hinter kilometertiefen Befestigungen, zu deren Überwindung dem Gegner die Mittel fehlten.

Was für die Amerikaner zutraf, galt freilich ebenso für den Warschauer Pakt. In zwei großen Manövern ("Oktobersturm«, »,Moldau") dicht an seiner Westgrenze probte das Bündnis 1965/66 den Big Lift auf russisch. Die Schlagkraft der östlichen Luftlandetruppen, die aus »rückwärtigem Gebiet der Sowjet-Union« herbeigeflogen worden waren, erwies sich dabei als beträchtlich. Aber auch sowjetische und polnische Transportmaschinen sind nur im Manöver unverwundbar.

Trotz aller Schwächen wurde die Big-Lift-Technik 1967 halboffizieller Bestandteil der Nato-Doktrin von der »Flexiblen Abwehr«. Unter dem Druck von Milliarden-Dollar-Defiziten im haushalt zog Washington gegen die Einwände der Nato-Stäbe und der Alliierten in bonn zwei Brigaden der 24. US-Infanteriedivision aus Süddeutschland und stationierte sie in Fort Riley (US-Staat Kansas); die dritte Brigade der Division blieb in Augsburg. Alle Truppenteile waren nach wie vor der Nato unterstellt und »jederzeit einsatzbereit«.

Pentagon und Stete Department versuchten, Nato-Militärs und besorgte europäische Verbündete zu beschwichtigen. Alle halbe Jahre sollten die Soldaten einer der nun in Fort Riley liegenden Brigaden mit ihren Kameraden in Süddeutschland die Kasernen tauschen. Sie sollten »rotieren«.

Schon kurz nach der Rückverlegung aber war in Washington von »Rotation« nicht mehr viel die Rede. Während Militärs in Europa auf Übungen dieser immerhin neuen Kriegstechnik drängten, kämmte die US Army die Brigaden in Amerika noch einmal aus.

Zur Zeit des Überfalls auf die CSSR hatten diese beiden Einheiten nur noch 70 Prozent ihrer Sollstärke. Ausbildung und Ausrüstung waren in jammervollem Zustand. Mehr als fünf Monate dauerte es nach der Besetzung Prags, bis das Pentagon die »jederzeit einsatzbereite Nato-Truppe« in Kansas präsentabel genug hergerichtet hatte, um sie den europäischen Alliierten in einem Manöver vorzeigen zu können, in dem »Rotation« und »Big Lift« kombiniert »werden sollten.

Später wurde die Rotationsübung gestrichen; übrig blieb nur das Luftbrückenmanöver: Die zwei US-Brigaden in Fort Riley sollten nach Deutschland geliftet werden und dort mit der in Augsburg stationierten dritten Brigade der 24. Infanteriedivision gemeinsam in Grafenwöhr üben.

In Süddeutschland brauchten die Amerikaner zwar nicht Monate, aber immerhin viele Wochen, bis sie alles für den Empfang der Kansas-Soldaten vorbereitet hatten. Dozierte Verteidigungsminister Schröder auf der letzten Nato-Tagung in Brüssel: »Diesmal spielt der Zeitfaktor nur eine relative Rolle.«

In der Tat. Schon seit Anfang Dezember arbeiteten US-Spezialisten in den Depots an Panzern und Lkw, um sie für die heranfliegenden Heeresverbände fit zu machen.

Das Entmotten, wofür im Ernstfall nur wenige Tage blieben, störte der Bevölkerung in Knielingen bei Karlsruhe schon vor Weihnachten wochenlang den Schlaf. Beschwerden der vom Motorenlärm geplagten Nachbarn eines amerikanischen Waffenlagers beschwichtigte der Standort-Kommandant, Oberstleutnant James Pitts: »Am Heiligabend machen wir eine Pause.«

Trotz solch unüberhörbaren Fleißes ihrer in Deutschland stationierten Kameraden gaben US-Offiziere in Fort Riley zu verstehen, alles Material werde von vorausgeschickten eigenen Abteilungen entmottet.

Der Widerspruch enthüllt eine andere Schwäche des Manövers »Reforger I«. Geübt werden sollte vor allem, die im vorigen Jahr aus der Bundesrepublik abgezogenen zwei US-Brigaden der 24. Infanteriedivision technisch möglichst perfekt auf das »europäische Theater« zu bringen. Dazu gehören -- nachdem die Schnelligkeit nun einmal ausgeklammert war -- Vorbereitung und Übernahme des in Deutschland lagernden Kriegsmaterials. Wenn aber gerade bei diesem Teil der Übung nur friedensmäßiges Tempo herrschen soll, lassen sich kaum Schlüsse auf die Fähigkeiten der US Army im Ernstfall ziehen.

Zur gleichen Zeit, als Hunderte amerikanischer Soldaten auf dem Weg nach Deutschland waren, erschien in Washington ein Buch. Verfasser: Verteidigungsminister Clark Clifford. Zwei Tage bevor er den Platz im Pentagon seinem republikanischen Nachfolger Melvin R. Laird räumen mußte, gab Clifford darin einen Ausblick auf die Verteidigungspolitik der USA bis 1974.

»Rotation« ist darin nicht mehr vorgesehen. Noch bevor sie ein einziges Mal geübt werden konnte, haben die Amerikaner den Plan für einen regelmäßigen Truppentausch zwischen Bayern und Kansas aufgegeben.

Grund: Jährliche Big-Lift-Übungen wie »Reforger I« sind billiger -- wenn auch nicht gerade wohlfeil. Das jetzige Manöver -- der Flug Kansas -- Bayern -- Kansas von 12 455 Mann und die Übung in Grafenwöhr -- kostet 80 Millionen Mark.

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