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PANZERJAGD AN DER ZONENGRENZE?

aus DER SPIEGEL 50/1966

Rund 13 000 Panzer kann der Sowjetblock in Mitteleuropa zum Angriff aus dem Stand ins Feld führen.

Nach dem neuen Abwehrkonzept für die Bundeswehr, das der Oberst i. G. a. D. Bogislaw von Bonin erstmalig im SPIEGEL veröffentlicht hat, sollen sich diese sowjetischen Panzerrudel am Tage X in Pak-Riegeln festfahren, so wie einst vor 23 Jahren die deutschen Panzer in der Schlacht um den Kursker Frontbogen (SPIEGEL 48/1966).

Die Panzerabwehr ist damit zum Kernstück des Bonin-Planes geworden. Und in ihr haben die Deutschen tatsächlich mehr Erfahrung aus zwei Weltkriegen als irgendeine andere Nation in der Welt.

Mit Stielhandgranaten, zu geballter Ladung gebündelt, sprang der deutsche Soldat im November 1917 die britischen Panzer bei Cambrai an.

Am Dorfrand von Flesquières schoß damals der Artilleriekorporal Theodor Krüger, allein auf sich gestellt, mit einer leichten Feldhaubitze 16 englische Tanks zusammen.

23 Jahre später - in den ersten Tagen des Frankreichfeldzuges - sahen Großdeutschlands Panzerjäger beim Durchbruch durch die Dyle-Stellung mit Entsetzen, daß ihre 3,7-Zentimeter-Panzerabwehrkanone (Pak) den französischen Somua-Panzern nichts anhaben konnte. Die Munition prallte wirkungslos ab.

Das »Panzeranklopfgerät«, wie die Landser ihre Waffen fortan verächtlich nannten, war mit einem Schlage schrottreif.

Auch im Rußlandfeldzug erwiesen sich die deutschen Panzerabwehrwaffen nach dem Auftauchen des berühmten T 34 zunächst als wirkungslos. Wieder mußte der deutsche Nahkämpfer den Feindpanzer mit Sprengladungen unschädlich machen.

Erst später kamen die Langrohr-Pak 7,5-Zentimeter und 8,8-Zentimeter an die Front, die dann mit ihrer hohen Mündungsgeschwindigkeit die Feindpanzer durchschossen, als seien sie aus Blech.

Generaloberst Guderian, der Schöpfer der deutschen Panzerwaffe, befand nach dem Zweiten Weltkrieg: »Der Kampf gegen Panzer war das Problem des Krieges schlechthin.«

Die Dienstvorschrift für die Gefechtsführung des neuen Bundesheeres (HDv 100/1, Truppenführung) nahm Guderians These auf: »Die Abwehr ist vor allem ein Kampf gegen Panzer. Die Vernichtung der angreifenden feindlichen Panzer muß daher im Vordergrund aller Überlegungen und Maßnahmen stehen.«

Die Panzerjäger heute sind nicht mehr wie einst selbständige Waffengattung wie Artilleristen oder Pioniere; sie zählen mit Panzern und Grenadieren zu den Kampftruppen.

Für den Panzerabwehrkampf gibt es ein reichhaltiges Sortiment panzerbrechender Waffen, deren Reichweiten sich ergänzen und die das Entstehen einer einst gefürchteten Panzerabwehrlücke verhindern.

Jede der 17 bestehenden Panzergrenadierbrigaden des Heeres verfügt heute über

- fünf Raketenjagdpanzer mit je zwei Abschußrampen für Lenkraketen »SS 11« (Kampfentfernung: 3300 Meter und weniger),

- 32 Kanonenjagdpanzer mit 90-Millimeter-Kanone (wirkungsvolle Kampfentfernung: 1500 Meter),

- acht Panzerabwehr-Lenkraketen »810-Cobra« (Kampfentfernung: unter 1600 Meter),

- neun Panzerabwehr-Leichtgeschütze mit 106-Millimeter-Kanone (weiteste Kampfentfernung: 900 Meter). Den Feuerriegel dieser Rohr- und Raketenwaffen ergänzen die Grenadiere einer Brigade im Panzerabwehrkampf außerdem durch:

- 80 schwere Panzerfäuste »Carl-Gustaf« (Kampfentfernung: bis zu 500 Meter),

- 160 leichte Panzerfäuste-(Kampfentfernung: bis zu 200 Meter),

- zwei Gewehrgranaten je Grenadier (Kampfentfernung: 75 Meter).

Können sich feindliche Panzer der Vernichtungskraft selbst dieses Panzerabwehr-Konzerts entziehen, bleibt dem Bürger in Uniform nur noch die Ultima ratio seiner Väter und Großväter: Ähnlich wie diese im Ersten und Zweiten Weltkrieg, muß er den stählernen Kolossen mit Blendbrand-Handgranaten und Handflammenpatronen zu Leibe gehen.

In Mitteleuropa fehlt es an panzersicherem Gelände. Nur selten versperrt ein natürliches Hindernis Panzern den Angriffsweg. Aber die Unübersichtlichkeit des Geländes - wie Hügel, Häuser, Baumgruppen, Hecken - erlaubt es deutschen Panzerabwehrwaffen, auf günstigen Kampfentfernungen zum Schuß zu kommen.

Die Qualität der Panzerabwehrwaffen in der Bundeswehr gilt bei allen Fachleuten als modern und wirkungsvoll. Ihre Quantität aber reicht für eine rein konventionelle Kriegsführung nicht aus; die Bundeswehr hat die Quantität ihrer panzerbrechenden Waffen auf die frühzeitige Anwendung atomarer Gefechtsfeldwaffen abgestellt; für den Bonin-Plan wäre die Bouillon zu dünn.

Um die Forderung des Obersten nach einer 100 Kilometer tief gegliederten Panzerabwehrzone zu erfüllen, müßte die Anzahl der panzerbrechenden Waffen um ein Vielfaches gesteigert werden.

Kernstück der von Oberst von Bonin vorgesehenen acht Sperrverbände, die einen Panzerangriff nahe der Zonengrenze stoppen sollen, müßte jeweils ein Panzerjäger-Regiment sein mit rund 90 Kanonen- und 50 Raketenjagdpanzern.

Denn nach traditioneller Panzerphilosophie bekämpft man feindliche Panzer am besten mit eigenen Panzern. Der »Leopard«-Kampfpanzer der Bundeswehr ist den beiden sowjetischen Panzertypen T 54/55 und T 62 überlegen.

In der Verteidigung ist der wieselschnelle turmlose Kanonenjagdpanzer mit seiner immensen Feuerkraft sogar noch besser als der hochkomplizierte »Leopard«, dessen Besatzung fast soviel lernen muß wie ein Starfighter-Pilot.

Mit den gleichen Kosten könnte die Bundesrepublik außerdem fast dreimal soviel Kanonenjagdpanzer produzieren wie »Leoparden«.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen des Bonin-Plans wäre durch eine solche Umrüstung zu schaffen: mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Rohre ins Gefecht zu bringen.

Kanonenjagdpanzer der Bundeswehr: Möglichst viele, möglichst billig

Oberst a. D. Carl-Gideon von Claer
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