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KRONE Papa geht

aus DER SPIEGEL 19/1965

Beim West-Berliner CDU-Vorsitzenden Franz Amrehn häuften sich die Beschwerden. Der Minister Krone, so nörgelten die christdemokratischen Lokal-Politiker, habe ihnen unlängst auf dem Bundesparteitag nicht mal mehr die Hand gereicht.

Und überhaupt: Krone sei seiner Heimatstadt gänzlich entfremdet. Einen solchen Mann aber könne die Frontstadt-CDU nicht mehr in den Bonner Bundestag delegieren.

Erinnerte sich CDU-Geschäftsführer Fritz Klauck: »Der Mißmut kam aus den Urtiefen der Mitgliedschaft.« Und ein alter Freund aus Krones Weimarer Zentrums-Zeit, der CDU-Abgeordnete Fritz Giersch, resümierte: »Er hatte schon immer ein gutes Gespür, wie die Dinge stehen.«

Das gute Gespür riet Heinrich Krone zum Verzicht.

Während der Berlin-Sitzung des Bundestages Anfang April empfing der Bundesminister für Berlin-Fragen und Bundestagsabgeordnete ohne Stimmrecht seinen CDU-Landeschef Amrehn im Kudamm-Hotel am Zoo. Unter dem Geheul der Sowjet-Düsenjäger bot Krone seinen Parlamentssitz an: »Schweren Herzens verzichte ich auf das Mandat, das mir seit 16 Jahren anvertraut ist. Aber ich sehe ein, daß es diffizil ist, wenn von neun Abgeordneten nur noch sechs wiederkommen können.«

In der Tat befinden sich Amrehns Christdemokraten in einem Dilemma: Durch die Niederlage bei den Landtagswahlen 1963 ist das Bonn-Kontingent der Berliner Union um ein Drittel geschrumpft. Es gilt, drei Mann über Bord zu werfen.

Der Konkurrenzneid der Mandats -Rivalen konzentrierte sich auf den Minister, der damals noch allseits Wohlwollen genoß und alle Chancen hatte, erneut nominiert zu werden.

Das Unternehmen jedoch, den populären Papa Krone von seiner 8000köpfigen Berliner Parteifamilie zu scheiden, erschien zunächst aussichtslos. Dem CDU-Volk imponierte die Bescheidenheit des Ministers, der ungeachtet seiner Bonner Würde die einfache Dreizimmerwohnung in der Sächsischen Straße zu Berlin-Wilmersdorf behielt, Fußmärsche dem Autofahren vorzieht und beim Berliner Parteivorstand regelmäßig aus der Privat-Börse die »Arme-Teufel-Kasse« speist, aus der Bittstellern ein Handgeld gegeben wird.

Und außerdem besaß Heinrich Krone die menschliche Zuneigung des Parteivorsitzenden. Mit Rosenfreund Adenauer, der seinem langjährigen Bonner Fraktionschef Vertrauen schenkte wie kaum einem anderen Christdemokraten, verbindet ihn die Liebe zur Botanik. Das Bonner Amtszimmer des ehemaligen Mittelschullehrers, der eigentlich Gärtner werden wollte, ist drapiert mit vielerlei Grünzeug. Die »Zeit": »Wie in einem Gewächshaus.«

Der Papa-Nimbus verbreitete sich in Bonn, nachdem Krone als Makler und Schlichter im Parteien-Kleinkrieg vielfache Verdienste erworben hatte. Für die Parteifreunde daheim begann er dagegen 1961 abzubröckeln.

Damals hatten ihn die Berliner Christdemokraten ins Bundeskabinett gedrängt, in der Hoffnung, er werde den neuernannten Außenminister und vermeintlichen Berlin-Feind Gerhard Schröder in Schach halten. Aufpasser Krone enttäuschte. In den Augen der Berliner Unions-Matadore sammelte er unablässig Minuspunkte. Sie verargten ihm, daß er sein politisches Wirkungsfeld über die Berlin-Probleme hinaus erweiterte; nicht wie Minister-Kollege Ernst Lemmer regelmäßig zu den Berliner Parteisitzungen erschien; in Bonn die Passierschein-Verhandlungen unterstutzte, gegen die Franz Amrehn in Berlin Front machte; sich jüngst pessimistisch über den Erfolg einer Deutschland-Initiative der Westmächte äußerte.

Außerdem kreideten die kalten Krieger in der Partei ihm noch nachträglich an, daß er seinerzeit den Kanzler nicht dazu bewegen konnte, beim Bau der Mauer unverzüglich nach Berlin zu reisen.

Krone resignierte. Der Verzicht auf das Berliner Abgeordneten-Mandat bedeutet jedoch nicht sein Ausscheiden aus der Bundespolitik. Er hat ein Angebot der niedersächsischen CDU angenommen, über ihre Landesliste in den nächsten Bundestag einzurücken.

Mit dieser politischen Umsiedlung mündet der Lebensweg Heinrich Krones dort, wo er begann: Er wurde am 1. Dezember 1895 in Hessisch-Oldendorf geboren, einem nahe Hildesheim gelegenen niedersächsischen Flecken. Bonner Besucher des. Ministers werden seit je auf die Abkunft des Katholiken Krone hingewiesen: Im Vorzimmer hängt eine alte Karte des Bistums Hildesheim.

Erst Anfang der zwanziger Jahre kam Arbeitersohn Krone, der in Hildesheim das Abitur machte, dann Neue Sprachen, Latein und Volkswirtschaft studierte und 1923 zum Dr. phil. promovierte, nach Berlin. Er schloß sich der Zentrumspartei an, wurde deren stellvertretender Generalsekretär und saß von 1925 bis 1933 im Reichstag. Als ihn die Nazis kaltstellten, ernährte der Wahlberliner Frau und vier Kinder als Vertreter für Bohnerwachs und Schnürsenkel.

Jetzt sind die Hauptstädter den Zugereisten, der nach dem Kriege ihre CDU mitbegründete, wieder los. Zwar versicherte Krone in einem Telegramm an Franz Amrehn seine »ungebrochene Verbundenheit zu Berlin«. Im Freundeskreis aber grollte der verstoßene Papa: »Wenn sie mich nicht mehr haben wollen, dann sollen sie es eben lassen.«

Minister Krone am Checkpoint Charlie Mann über Bord

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