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HANDEL / VERSAND-KATALOGE Papagei per Post

aus DER SPIEGEL 39/1968

Über Westdeutschlands Haushalte ergießt sich in diesen Tagen die stärkste Katalog-Springflut des Wohlstandsjahrhunderts. Mehr als 400 Eisenbahnwaggons kann Großversender Josef Neckermann mit den fünf Millionen Exemplaren seiner neuesten Verbraucherbibel füllen. Sein Konkurrent, Quelle-Chef Gustav Schickedanz, könnte sogar die Flugbahn zum Mond mit den aneinandergereihten Seiten seiner 6,5 Millionen Produkt-Broschüren nahezu doppelt einfassen.

Die vier führenden deutschen Versandfirmen -- außer Quelle und Neckermann der Hamburger Otto-Versand und die zum amerikanischen Singer-Konzern gehörende Schwab AG In Hanau -- erreichten mit ihren im Frühling und Herbst erscheinenden Druckwerken jetzt gemeinsam zum erstenmal die Rekordauflage von 25 Millionen Exemplaren.

Spitzenreiter ist Quelle mit 12,7 Millionen Stück; dann folgen Neckermann (10,2 Millionen), Otto (2,2 Millionen) und Schwab (1,2 Millionen). Nicht nur mit immer auflagenstärkeren, sondern auch mit immer umfangreicheren Bilder-Wälzern bemühen sich die Versandmanager, zweimal im Jahr ihre Visitenkarte abzugeben. Dabei entwickelten sich die liebsten Bilderbücher der Wohlstandsbürger von dünnen Heften zu 800 Seiten starken Konsum-Lexika.

Vor 18 Jahren stellte Josef Neckermann seinen ersten Katalog -- zwölf Druckseiten mit 147 Artikeln -- eigenhändig in einer Notbaracke zusammen. Ehefrau Annemarie schrieb die Texte; der Mann seiner Sekretärin montierte Schrift und Bilder, und der Chef selbst bestimmte die Preise.

Heute sind in Neckermanns Frankfurter Zentrale 152 Graphiker, Photographen, Texter und Retuscheure nur mit der Katalog-Vorbereitung beschäftigt. Auf einer der modernsten Fertigungsstraßen des Buchgewerbes, bei der Firma Habra-Werk in Darmstadt, werden die in 20 Druckereien gefertigten Teile vollautomatisch geheftet und verpackt.

Auch Quelle-Chef Gustav Schickedanz textete vor zwanzig Jahren sein erstes Sammelangebot noch selbst. Ein Graphiker ritzte den Text auf Matritzen, die dann auf einer alten Vervielfältigungsmaschine abgezogen wurden.

Kürzlich waren acht graphische Großbetriebe mit dem Druck der schwergewichtigen Riesenauflage (13 000 Tonnen) beschäftigt, die elf Güterzüge füllen würde. Um sich im besten Licht zu präsentieren, ist den Katalog-Millionären fast nichts zu teuer. Modeaufnahmen werden auf der Zugspitze, in Andalusien und auf den Kanarischen Inseln eingefangen. Quelle verpflichtete allein für sein jüngstes Bilder-Opus 80 Photomodelle und beschäftigte acht Ateliers.

Mit klingenden Namen suchen die westdeutschen Versender, ihren Angeboten einen Hauch von Exklusivität zu verleihen. So posieren für Neckermann Schönheitskönigin Petra Schürmann und Old-Kicker Fritz Walter. Die Münchner TV-Ansagerin Caroline Reiber zeigt sich hingebungsvoll im Otto-Look, und Schwab läßt die ehemalige Kulenkampff-Assistentin Uschi Siebert schaustehen.

Auf die Herbst-Edition umgerechnet, geben Josef Neckermann und Quelle-Chef Schickedanz für jeden ihrer Kataloge sieben Mark an Herstellungskosten und Porto aus, ihre Konkurrenten Otto und Schwab sogar zehn Mark. Aber dieser Aufwand -- insgesamt 200 Millionen Mark in diesem Jahr -- fließt aus dem Riesenumsatz schnell wieder zurück. 1967 scheffelten die vier Großversender insgesamt drei Milliarden Mark.

Inzwischen stieg ihre Angebotsflut auf mehr »als 14 000 Artikel, wobei es auch an ausgefallenen Angeboten nicht fehlt. So präsentiert Neckermann jetzt erstmals per Post Luxuspapageien für 289 Mark sowie chinesische Feinkostspezialitäten, Quelle offeriert Kunstfleisch und Schwab als Feierabend-Attraktion Heimorgeln.

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