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Papen ist am Ende

aus DER SPIEGEL 6/1947

Eine Bombe platzte im Gebäude der

Nürnberger SPD-Verwaltung. Der Sprengkörper war aus verschiedenen Geschossen (2-cm-Granaten, Gewehrpatronen und Pulver) zusammengesetzt und laut Mitteilung der Polizei in nazistische Flugblätter eingewickelt.

Am Montag traten 60- bis 70 000 gewerkschaftlich organisierte Nürnberger in einen Proteststreik gegen das Attentat, was vom Berliner FDGB mit dem Ausdruck wärmster Sympathie begrüßt wurde.

Gegen Nationalsozialisten, die noch auf freiem Fuße sind, und gegen Internierte sind vom Nürnberger Stadtrat schärfste Sühnemaßnahmen beschlossen worden, falls bis zum 15. Februar die Täter noch nicht ermittelt sind. So soll allen dem Arbeitseinsatz zugewiesenen Nationalsozialisten auf die Dauer von vier Wochen die Schwerarbeiterzulage entzogen werden.

Auch im Spruchkammerverfahren gegen Franz von Papen platzte eine kleine Bombe. Er wurde wegen »Verdunkelungsmanöver« hinsichtlich der Erörterung über das Hindenburg-Testament in »Festhaltung« genommen, was einem Haftbefehl in Strafprozessen gleichkommt.

Um zu vermeiden, so sagte Papen, daß Eitler neben dem Amt des Kanzlers auch noch das des Staatsoberhauptes und damit den Oberbefehl über das Heer in die Hand bekomme, habe er es für das beste gehalten, nach dem Ableben Hindenburgs in Deutschland wieder eine Monarchie zu schaffen: Hindenburg und Hitler hätten sich prinzipiell damit einverstanden erklärt, und der Reichspräsident haue ihn, Papen, gebeten, einen entsprechenden Testamentsentwurf anzufertigen.

Später erklärte Hindenburg jedoch, daß er seine Einstellung insofern geändert habe, als er lediglich einen Rechenschaftsbericht über seine Regierungstätigkeit abzufassen beabsichtige. Außerdem habe er Hitler brieflich bitten wollen, nach seinem Tode in Deutschland die Monarchie wieder einzuführen. Beide Dokumente seien angefertigt und nach Neudeck geschafft worden. Dort hätte er selbst, Papen, sie nach dem Tode Hindenburgs wieder abgeholt und Mitte August in Berchtesgaden Hitler ausgehändigt.

Der zweite Adjutant des Reichspräsidenten von Hindenburg, von der Schulenburg, bekundete dazu, er habe keinerlei Unterschied zwischen dem veröffentlichten Testament und den ihm vorgelegten Entwürfen festgestellt. Der das Testament beschließende Satz »Ich danke der Vorsehung, daß sie mich an meinem Lebensabend die Stunde der Wiedererstarkung hat erleben lassen«, wird von Papen in diesem Wortlaut bestritten, ein ähnlicher Gedanke sei jedoch enthalten gewesen, und zwar als Hinweis auf die Wiedereinführung der Monarchie. Denn, so sagt Papen jetzt, die Restauration der Monarchie sei ihm als der einzige Ausweg aus der schwierigen Lage erschienen.

Nach dieser Erklärung von Papens beriet sich die Spruchkammer fünfzig Minuten lang und verfügte seine »Festhaltung": Die Zeugenaussagen hätten ergeben, daß Papen Hitler an Hindenburg empfohlen habe.

Oskar von Hindenburg, General a.D. und unbedeutender Sohn des Reichspräsidenten, konnte sich wieder auf nichts besinnen. Dabei kam es zu Vorwürfen, die Hindenburg als Verletzung seiner Ehre empfand. Landgerichtspräsident Sachs erklärte daher namens der Spruchkammer, daß Zeuge von Hindenburg durchaus volle Glaubwürdigkeit verdiene.

Zu Papens Tätigkeit als Diplomat (in Wien) äußerte sich der frühere Gesandte und Chefdolmetscher Otto Schmidt, der unter Verdacht, Kriegsverbrechen begangen zu haben, inzwischen in Haft genommen wurde, Papen habe auf diplomatischem Wege das in Ordnung zu bringen versucht, was die Nazis in Oesterreich durch ihre illegalen Machenschaften angerichtet hätten. Papen nennt das »die Spannungen vermindern, die ich kommen sah«. Er war aber sehr erregt und brach schließlich zusammen, so daß in der Sitzung eine zwanzigminutige Pause eintrat.

Camille Sachs, der Vorsitzende, wartete mit einem Protokoll der ersten Ministerbesprechung im Kabinett Hitler am 30. Januar 1933 auf. Papen habe erklärt, daß man »zunächst Ruhe« brauche und daß man daher ein Ermächtigungsgesetz einbringen solle. Papen sagte jetzt dazu, wenn er so gesprochen habe, so hätte dies wirtschaftliche Gründe gehabt.

Auf die Fräge des Vorsitzenden, weshalb er in allen seinen Briefen dem Nazismus das Wort geredet habe, antwortete Papen mit der Erklärung, er hätte auf Hitlers Ideologie und seinen Jargon eingehen müssen, wenn er den richtigen Einfluß auf ihn behalten wollte.

Am Donnerstag reiste der niedersächsische Innenminister Dr. Gereke nach Nürnberg, um Aussagen zu machen. Er schilderte die Schwierigkeiten, mit denen die Regierung Papen zu kämpfen hatte, und meinte, Papen habe Hitler gar nicht so gern als Kanzler gesehen. Aber lieber als Schleicher sei er ihm doch gewesen.

Papen selbst verzichtete darauf, sich noch weiter an seiner Verteidigung zu beteiligen, da ihm durch die »Festhaltung« die Möglichkeit hierzu genommen sei.

Vater und Sohn

Die beiden Hindenburgs

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