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GERSTENMAIER Papier zur Wehr

aus DER SPIEGEL 4/1966

Gegen vier Verschwörer des Kreisauer Kreises - der gegen Hitler operierenden Widerstandsgruppe um den Grafen Helmuth J. von Moltke - verkündete der Vorsitzende des Ersten Senats des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, am 11. Januar 1945 das Urteil: Tod durch den Strang. Für den fünften Angeklagten, Dr. Eugen Gerstenmaier, fand der oberste NS-Richter sieben Jahre Zuchthaus als ausreichend.

Dieses in den Augen vieler überraschend milde Urteil hatte der Gerichtspräsident in der dreitägigen Verhandlung selbst brüllend motiviert: »Gerstenmaier, Sie sind ein politischer Dummkopf!« Und sogar der mitangeklagte, von Freisler zum Tode verurteilte Graf Moltke schrieb seiner Frau Freya aus der Gefängniszelle: »Eugen hat nichts kapiert.«

Zwanzig Jahre später wurde dem »Dummkopf«, der »nichts kapiert hat', das Recht zuerkannt, seinem Namen den Titel Professor voranzustellen. Gerstenmaiers Eintritt in den angesehensten Stand der Deutschen ist das Ergebnis eines Wiedergutmachungsverfahrens, das der Präsident des Bundestags am 24. April 1964 nach Abschluß einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Ex-Fallschirmjäger-General Ramcke angestrengt hatte. Gerstenmaier: »Damals ist mir der Kragen geplatzt.«

Ramcke hatte öffentlich nicht nur Gerstenmaiers Widerstand gegen Hitler, sondern auch den theologischen Doktor-Titel des Politikers angezweifelt. Aus dem Verfahren ging Gerstenmaier mit einem Vergleich und mit der Erkenntnis hervor: »Es wird einem in Deutschland nicht honoriert, wenn man auf Ansprüche verzichtet. Im Gegenteil: Dann wird man noch als Hochstapler hingestellt, als habe es geistig nicht gereicht zur Professur.«

Freunde des Parlamentspräsidenten sehen die Professur psychologisch: Gerstenmaier wurme es noch heute, mit der Begründung, ein politischer Tor gewesen zu sein, den 20. Juli 1944 überlebt zu haben. Gerstenmaier, der vor Freisler den Unwissenden gespielt hatte, klagt: »Die anderen sind gehängt worden, und mich wollten sie als Dummkopf hinstellen.«

Der Parlamentspräsident aktivierte alte Ansprüche. Juristisch beraten vom Widerstands-Kameraden Fabian von Schlabrendorff, setzte er beim Bundesinnenministerium, der für ihn zuständigen Wiedergutmachungsbehörde, ein Verfahren in Gang.

Gerstenmaier wies darin eine makellose akademische Laufbahn nach: Nach achtjähriger Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter promovierte der 29jährige am 31. Oktober 1935 vor der Theologischen Fakultät der Universität Rostock »summa cum laude« und wurde zur Habilitation eingeladen. Unter dem Titel »Die Kirche und die Schöpfung« erschien die Habilitationsarbeit 1938 im Berliner Furche-Verlag.

Als ihm der NS-Reichsstatthalter von Mecklenburg den Zutritt zum Katheder verwehrte, bemühte sich Gerstenmaier an der Berliner Universität um seine Habilitation. Nach einer Probevorlesung eröffnete ihm jedoch im Wintersemester 1938/39 der Berliner Gau-Dozentenbundführer, als »unversöhnlichem Gegner des Führers und der Bewegung« werde ihm die venia legendi (Vorlesungs-Erlaubnis) verweigert. Zudem werde er von allen deutschen Universitäten verwiesen.

Siebenundzwanzig Jahre nach dem Nazi-Akt widerfuhr Eugen Gerstenmaier Genugtuung. Unter dem 8. Dezember 1965 erkannte ihm das Bundesinnenministerium »bevorrechtigte Wiederanstellung als außerordentlicher Professor« zu. Denn, so heißt es in dem Bescheid: Unter rechtsstaatlichen Verhältnissen wäre Gerstenmaier spätestens 1943 zum beamteten außerplanmäßigen Professor ernannt worden.

Eine finanzielle Wiedergutmachung hat Gerstenmaier zwar nicht beantragt, doch bietet ihm der Bescheid des Innenministeriums die Möglichkeit, sich von 1954 an entgangenes Gehalt nachzahlen zu lassen.

Der Professor auf dem Präsidentenstuhl ist sich noch nicht darüber im klaren, ob er den späten Titel nun auch wirklich führen soll. Gerstenmaier zum SPIEGEL: »Das weiß ich selber noch nicht. Es kam mir nur auf das Schriftstück an, damit ich mich wehren kann, wenn mich wieder einer beleidigt.«

CDU-MdB Gerstenmaier

Professor durch Wiedergutmachung

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