RÜSTUNG / FREGATTEN Papierflotte versenkt
Die Bundesmarine erlitt am vergangenen Montag eine bittere Niederlage. Vier geplante Kriegsschiffe werden nicht gebaut. Verteidigungsminister Helmut Schmidt freute sich: »Ich habe sie versenkt!«
Am späten Abend desselben Tages saß er mit Außenminister Walter Scheel im Zimmer 312 des Hotels »Excelsior« an der römischen Via Veneto beim Whisky und feixte: »Ich habe es so geschickt angestellt, daß die Marine mich sogar selbst darum gebeten hat.«
Ergebnis der Bitte: Schmidt signierte eine kurze Anordnung, die den Bau der geplanten vier Fregatten vom Typ 121 unterband. So endete auf Papier eine Geisterflotte, die auf Papier entstanden war. Ein Jahrzehnt militärischer Planungsarbeit blieb ohne Ergebnis.
Schon anno 1960 wollte die Bundesmarine für Sicherungsaufgaben in der Ostsee zehn schnelle, kleine, aber kampfstarke Küsten-Patrouillenboote haben. Bewaffnung: Raketen vom Typ »Tartar« für den Kampf gegen See- und Luftziele auf größere Distanz. Lenkraketen aber ließen sich damals auf kleinen Schiffen noch nicht unterbringen, zumal für die Abwehr über kurze Entfernungen weitere Waffen erforderlich gewesen wären.
Die Planung mußte deshalb geändert werden: Auf den Reißbrettern entstanden schnelle Kanonenboote mit Maschinenwaffen. Allein, die potentielle Luftbedrohung nahm dauernd zu. der Bau von Kanonenbooten schien schon bald wieder unzweckmäßig. Erneut waren Schiffe mit Lenkwaffen Trumpf.
Die Planer glaubten, diesmal auf eine hohe Geschwindigkeit verzichten zu können, neuer Ehrgeiz richtete sich dafür auf einen Bordcomputer. Gleich notwendig waren ein Unterwasser-Ortungsgerät und U-Jagd-Torpedos zum Eigenschutz.
Die geforderte Schiffsgröße ließ sich so nicht halten -- sie wuchs auf 2500 Tonnen an. Es entstanden -- auf dem Papier -- die modernsten Fla-(Flugabwehr-)Korvetten der Nato. Sie erhielten 1964 Priorität im Schiffbau der Bundesmarine.
Unverzüglich lief die Entwicklung dieser Schiffsklasse an. Nach der Nato-Konzeption der Vorneverteidigung war nun allerdings für Schiffe dieser Größe eine höhere Geschwindigkeit vorgeschrieben, weil die Korvetten Operationen der eigenen Seestreitkräfte schnell gegen feindliche Flugzeuge und Raketen-Schnellboote abschirmen sollten. Resultat: Nun waren vier stärkere Motoren vonnöten,
Drei Jahre später ging in Bonn das Geld aus: Das Bauprogramm wurde von zehn auf vier Schiffe reduziert, die übriggebliebenen sollten die Aufgaben der ausgeplanten sechs Korvetten mit übernehmen, folglich auch den Großteil an Waffen und Gerät.
Mit weniger als 3500 Tonnen Schiffsgröße war die Last an Elektronik, Raketen und Kanonen nicht zu bewältigen: Es wandelte sich die Fla-Korvette zur schnellen FK-(Flugkörper-)Fregatte 70, diese noch einmal zur FK-Fregatte 121 mit 250 Mann Besatzung und 40 Raketen »Standard Missile IA«, zwei FK-Feuerleitanlagen, vier 76-Millimeter-Fla-Spezialgeschützen, zwei Artillerie-Feueranlagen, vier Torpedorohren, einem Sonargerät, einem Luftraumüberwachungsradar für große Reichweiten, einer Datenverarbeitungs- und Übertragungsanlage und vollständigem Schutz gegen atomare, biologische oder chemische Verseuchung. Eine moderne Antriebsanlage (Dieselmotoren und Gasturbinen) sollte 30 Knoten Dauerhöchstgeschwindigkeit garantieren.
Angesichts der vielfältigen technischen Raffinessen war -- wie sich alsbald herausstellte der veranschlagte Preis von 800 Millionen Mark für die vier Super-Schiffe nicht zu halten. Die von der Bundesregierung angesetzten Haushaltsmittel hätten erheblich aufgestockt werden müssen -- ganz entgegen den Intentionen des Ministers Schmidt, der gerade erst im Verteidigungsweißbuch die Kürzung der Rüstungs- zugunsten der Personal-Ausgaben verfügt hat.
Vizeadmiral Gert Jeschonnek, der Inspekteur der Marine, hofft jetzt auf den Bau von zehn Flugkörper-Schnellbooten S 143: jedes Boot zu 50 Millionen Mark. das ganze Projekt für eine halbe Milliarde, verteilt auf vier Jahre. Nur: Schnellboote sind wetterempfindliche Ein-Wachen-Schiffe -- ihre zahlenmäßig kleinen Besatzungen können sich nicht in Schichten ablösen und deshalb nicht länger als 24 Stunden in See bleiben.
Schon ziehen die Marine-Konstrukteure neues Papier auf die Reißbretter: Kleinere, kampfstarke und modern bewaffnete Drei-Wachen-Schiffe -- mit einem für Drei-Schichten-Dienst ausreichenden Personalbestand -, kombiniert mit landgestützten Marineflugzeugen, gelten als Schmidts neue Konzeption.