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»Papst, Du bist stärker als Supermann«

Karol Wojtyla, der Missionar des Gestrigen mit der Masche von heute
aus DER SPIEGEL 46/1980

In der Synodenaula des Vatikans saßen 200 Junggesellen beieinander, Bischöfe, Erzbischöfe und Kurienkardinäle. Sie wollten etwas über den Ehe-Alltag erfahren.

Ihr Vorsitzender, der 264. Statthalter Jesu Christi, Johannes Paul II., hatte deshalb im vergangenen Monat 16 Paare aus aller Welt als Sachkundige für das Leben zu zweit geladen.

Der Werbeleiter Michael Fuchs aus Spreitenbach in der Schweiz, einer von ihnen, schilderte den Synodenvätern, wie es bei ihm zu Hause zugeht: »Als Mann und Frau haben wir uns zu Beginn unserer Ehe der Gottesmutter geweiht.«

Im Austausch »mit anderen christlichen Familien«, berichtete der Schweizer, sei ihnen ihr Eheziel klar geworden: »Wir wollen immer tiefer zusammenwachsen und gemeinsam heilig werden.«

Dann gab Ehefrau Marlies Fuchs den hochwürdigen Herren ein Beispiel für die »geistige Einheit im Denken und Fühlen": »Einmal fragte ich meinen Mann, welches sein Lieblingsgesätz vom Rosenkranz ist. Und es machte mir große Freude, als ich hörte, er hat dasselbe wie ich.«

So ist das Leben. So kann es sein.

Für die, die nicht in der Synodenaula dabeisein konnten, verkündete der Papst in einer Audienz die Botschaft noch mal mit seinen Worten: »Ehebruch im Herzen« werde auch begangen, wenn einer »mit Lüsternheit seine eigene Frau anschaut« -- ein neues Gebot, 6a, du sollst nicht begehren dein eigenes Weib.

So streng war noch keiner der 263 Päpste vor ihm zu den Katholiken. Und Johannes Paul II. ist nicht nur in dieser Beziehung päpstlicher als seine Vorgänger. »Nicht die Doktrin«, ließ der Pontifex Ende Oktober verkünden, »muß sich dem Leben anpassen, sondern das Leben der Doktrin.«

Ein doktrinärer, lustfeindlicher, weltfremder Souverän -- ist das der Karol Wojtyla, der in der ganzen Welt umjubelt wird; ist das der Papst, der in dieser Woche in das Land Luthers kommt?

Wenn er am Volkstrauertag Osnabrück besucht, werden die Fahnen, die an diesem Tage halbmast wehen, für ein paar Stunden hochgezogen; Freude steht auf dem Programm.

Die Kinder in Köln, Fulda und Mainz bekommen schulfrei, wie weiland zu Kaisers Geburtstag, und in Köln hat sich das WDR-Fernsehen auf die bislang »größte Live-Übertragung« eingerichtet; Wojtyla Superstar tritt auf.

Da kommt einer, der seiner Sache sicher ist. Nicht in Sack und Asche wie jener Vorgänger Leo III., der im Jahre 799 -- es war der erste Papstbesuch in deutschen Kernlanden -- im Paderborner Hoflager König Karls Zuflucht suchte. Der Wojtyla-Papst macht dem Regierungschef des Landes, das er 1980 besucht, nicht einmal seine Aufwartung.

Seinem Charisma kann sich kaum einer verschließen. Das amerikanische Magazin »Time« sieht in ihm den »eindrucksvollsten Führer der Welt«. Ein Katholiken-Blatt in Polen, da kommt er her, nennt ihn den »neuen Messias für unsere Zeit«.

Zur Mittagszeit, wenn er sonntags mit den Zehntausenden Gläubigen »den Engel des Herrn« betet, entrollen die Fans ihre Spruchbänder: »Du bist S.60 der Wikinger Gottes« oder »Papst, Du bist viel stärker als der Supermann«.

Zumindest scheut er, wie der Unüberwindliche aus den Comics, keine Mühe, hier wie dort und überall aufzutauchen. Streß macht ihm Spaß. 55 Visiten zwischen Palermo und Milano hat er in seiner zweijährigen Amtszeit bereits gemacht, siebenmal war er im Ausland, sieben weitere Auslandsreisen sind schon in der Terminplanung -- ein Papst auf Achse, und wo immer er hinkommt, geraten Gläubige in Ekstase.

In Mexiko vollführten Indios Freudentänze, in Zaire weinten graubärtige Missionare, und als er vor der Uno sprach, lief selbst einem hohen Kreml-Diplomaten »ein Schauer nach dem anderen über den Rücken«, wie der Sowjetbürger verschämt einem NBC-Reporter gestand.

JP2 weckt Neugierde und religiöse Sehnsüchte. »Es ist die Vorsehung«, sagt er selbst, die »uns bisweilen dazu inspiriert, auch einmal etwas per excessum, also im Übermaß, zu tun.« Und er bringt die Vorsehung unter die Leute.

684 Reden hat er in den zwei Jahren gehalten, die beiläufigen nicht gerechnet -- im vergangenen Jahr allein 1628 Seiten bedrucktes Papier. Papst Paul VI. füllte 1977 nur 752 Seiten. Mehr als 40 Bücher sind über Johannes Paul bislang in deutscher Sprache erschienen, 14 davon hat er selbst geschrieben. Die Welt weiß Bescheid über diesen Mann.

Seine Schuhgröße ist 44, seine Kragenweite 41. Für dreißig heimlich aufgenommene Badephotos -- Karol am päpstlichen Pool in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo -- zahlte der italienische Verlag Rizzoli angeblich zwei Millionen Mark. Kein Zweifel: Die Farbe seiner Badehose ist schwarz.

Obwohl er, dienstlich, immer nur seine weiße Soutane (vom Schneidermeister Annibale Gammarelli) trägt, wurde er voriges Jahr in Amerika unter S.61 die zehn elegantesten Männer gewählt.

Morgens mag er es deftig: Suppe, Eier, Aufschnitt und Käse, mittags freut er sich, wenn seine Stanislawa Morda eiskalte Kartoffelsuppe auf den Tisch des Herrn bringt. Zur Nacht genehmigt er sich ein Wässerchen.

Er ist vital wie kein Papst in diesem Jahrhundert, ist in den Bergen der Beskiden gekraxelt, in der Hohen Tatra Ski gelaufen und hat auf den Masurischen Seen gepaddelt. Manchmal rafft er seine Soutane und rennt, zwei Stufen auf einmal, die Treppen hoch.

Und singen kann er auch, manche meinen, wie Karel Gott. Umstritten ist nur, welche Tonlage er hat: »eine sehr schöne Tenorstimme« (so ein Schallplattenproduzent), einen »sonoren Bariton« ("Katholische Nachrichten-Agentur") oder einen »profunden Baß« (so die Fachzeitschrift »Billboard").

Ein populärer Pontifex mit Ausstrahlung und voll menschlicher Wärme, einer, der zum Anfassen ist und dem Volk die Kirche näherbringt -wie verträgt sich das mit dem gestrengen Wort, das er verkündigt, mit der rigiden Moral, die er seinen Katholiken predigt?

Aufs trefflichste. Er ist der Mann, der fürs Medienzeitalter taugt. Die Dramaturgie seiner Tourneen ist perfekt, keiner der Großen dieser Welt küßt wie er den Boden, breitet wie er die Arme aus, herzt wie er die Babys. Er ist der beste PR-Mann, den der Vatikan je hatte.

Und noch nie hatte die Kirche so einen so nötig. Das Reich des Karol Wojtyla umfaßt zwar über 700 Millionen Katholiken mit Taufschein, aber es ist nur ein vergleichsweise kleiner Haufen, an dem der Herr sein Wohlgefallen hat. Das römisch-katholische Großunternehmen zeigt Schwächen --Papa mobile jettet als Krisenmanager durch die Welt.

In Brasilien, dem größten katholischen Land der Welt, wo Joao de Deus ("Johannes von Gott") in zwölf Tagen 30 000 Kilometer hinter sich brachte, ist die Kirche der Armen von Auszehrung bedroht. Obwohl sich fast 90 Prozent der 120 Millionen Brasilianer zu Rom bekennen, gehen kaum zehn Prozent regelmäßig zur Kirche.

Zwischen 1960 und 1978 gaben 3000 Priester in dem südamerikanischen Land ihr Amt auf, während Nachwuchs für die Seelsorge, wie auch in den Industriestaaten, immer schwieriger zu finden ist. Ohne ausländische Missionare stünde die brasilianische Kirche, die weniger Priester als Belgien hat, vor dem Zusammenbruch. Die Nachkommen afrikanischer Sklaven huldigen vielerorts sowohl dem Gott der Bibel als auch den Göttern ihrer Väter.

In den USA ist John Pauls Filiale zwar in den letzten Jahrzehnten durch neue Einwanderer -- Mexikaner und S.62 Puertoricaner -- nominell verstärkt worden, aber auch den Anfechtungen durch die moderne Welt hat die Kirche kaum noch etwas entgegenzuhalten.

Immer weniger katholisch Getaufte beten täglich oder gehen zur Beichte. »Eine verheerende Tendenz«, konstatiert der US-Theologe und Soziologe Andrew Grealy. 75 Prozent der Gläubigen, so der Erzbischof John R. Quinn von San Francisco, sind für Verhütungsmittel, nur ein Viertel der Priester findet etwas dabei.

Moraltheologen wie Charles E. Curran von der Washingtoner Catholic University fordern: »Die Kirche soll endlich die Institution der Scheidung anerkennen.« In dem Land, in dem jährlich eine Million Ehen geschieden werden, genehmigen Priester, gegen den Kirchen-Kodex, auch Geschiedenen die Sakramente. John Paul in Boston: »Kommt und folgt mir nach.«

In der einstigen Katholiken-Festung Irland, von wo ein Teil Germaniens missioniert wurde, beschwor der Papst alte Zeiten. Früher sei es der »größte Wunsch jedes irischen Vaters« gewesen, »einen Sohn zu haben, der Priester oder Ordensmann wurde« -- heute ist selbst dort die Zahl der Geistlichen rückläufig.

Im »Afrika der Armut« versuchte sich »Baba Mupakapisu« (Heiliger Vater) sogar auf Kisuaheli. Die afrikanische Kultur blieb ihm trotzdem unbegreiflich. Er warnte vor einer »Afrikanisierung« der Liturgie und befahl seinen Priestern -- die oft im Dorf nur anerkannt werden, wenn sie auch im Wort-Sinne Väter sind --, nicht nur ehelos, sondern auch keusch zu leben. Die Ehe auf Probe, deren kirchliche Billigung die afrikanischen Bischöfe von Rom für ihre Laien fordern, mag er nicht genehmigen.

Lange überlegt hat sich der Papst, ob er überhaupt nach Frankreich reisen sollte: »Ich wüßte nicht, was ich den Franzosen sagen sollte.« Als er schließlich doch hinfuhr, fragte er: »Frankreich, älteste Tochter der Christenheit, bist du deinem Taufgelöbnis noch treu?«

Gute Frage. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der praktizierenden Katholiken über 15 halbiert (auf 22 Prozent). Nirgendwo auf der Welt ist die katholische Kirche so wenig römisch wie zwischen Rhein und Atlantik, für vatikanische Prälaten »una cosa tristissima": Traditionalisten aus der Gefolgschaft Marcel Lefebvres neben Arbeiterpriestern, Basisgemeinden »ohne jede Ehrfurcht vor Rom« neben Pfarreien comme toujours -eine romtreue Minderheit.

Und als der Wojtyla-Papst jüngst in seiner eigenen römischen Diözese erkunden ließ, was die Gläubigen von seiner Botschaft halten, ergab die Umfrage, daß 52 Prozent selbst der praktizierenden Katholiken für den Gebrauch von empfängnisverhütenden Mitteln sind. 62 Prozent waren für das Recht auf Ehescheidung.

»Wenn schon die treuesten Kirchenmitglieder so denken«, so die italienische Zeitung »La Repubblica«, »was denken dann erst jene, die vielleicht nur Ostern in die Messe gehen?«

Bei den Deutschen läuft''s ähnlich schlecht. Geweihte Gottesmänner eilen ihrer Kirche scharenweise davon. Gut 2000 deutsche Priester haben im vergangenen Jahrzehnt den Dienst quittiert. Vor drei Jahren waren noch 12 294 Priester in der Pfarrseelsorge registriert. Im Jahr 1987 werden es voraussichtlich nur noch 8500 sein, bei 12 427 Pfarreien in der Bundesrepublik. Die Zahl der Priesterweihen ging von über 500 jährlich (Mitte der sechziger Jahre) auf inzwischen 150 pro Jahr zurück.

Und im Kirchenvolk selber bröckelt der Glaube. Nach einer repräsentativen Meinungsumfrage, die das Ifak-Institut im Auftrag des SPIEGEL im Oktober vornahm, hält jeder zweite bundesdeutsche Katholik seine Kirche für unfähig, auf »die meisten Probleme und Fragen unserer Zeit« eine Antwort geben zu können.

63 Prozent der bundesdeutschen Katholiken halten die Einstellung der Kirche zu sexuellen Fragen für veraltet; 72 Prozent sind für die Abschaffung des Zölibats; 81 Prozent haben kein Verständnis für das kirchliche Pillenverbot. Weit über die Hälfte glaubt, man könne auch Christ sein, ohne der Kirche anzugehören (siehe Bericht Seite 71).

Immerhin, der gläubige Rest bringt jährlich rund eine Milliarde Mark an Spenden auf, und da die Bischöfe vier weitere Milliarden über die Kirchensteuer -- vor allem von denen, die nur noch auf dem Papier Mitglied der katholischen Gemeinde sind -- hereinholen, zählt die westdeutsche Kirche zu den Stützen Roms. Auf den westdeutschen Episkopat kann der Heilige Vater ohnedies bauen; er ist so konservativ, wie es sich die Kurie nur wünschen kann.

Die drei deutschen Kardinäle Höffner (Köln), Ratzinger (München) und Volk (Mainz) waren es, die gemeinsam S.64 mit dem Amerikaner John Krol und dem Österreicher König beim letzten Konklave den Erzbischof aus Polen ins Gespräch brachten und schließlich durchsetzten.

Dem blassen, verkniffenen Paul VI., der die Kirchendisziplin in seinen letzten Lebensjahren immer weniger durchsetzen konnte, und dem freundlichen 33-Tage-Papst Johannes Paul I. sollte einer nachfolgen, der die Apparate in Kurie und Weltkirche wieder in den Griff bekommt -- der Robuste aus Krakau.

In der Bundesrepublik war der Apparat auch schon zu Pauls Zeiten fest in der Hand Joseph Kardinal Höffners, 73. Der Erzbischof von Köln und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist nur äußerlich ein Gegenstück zu Wojtyla: hager und unsportlich, trocken und humorlos, eher linkisch.

Kaum vorstellbar, daß ihn -- wie Wojtyla -- emphatische Nonnen während einer Audienz küssen und ihm zurufen: »Du bist schöner als Jesus Christus.« Im rückwärts gewendeten Tun jedoch steht der deutsche Oberhirte dem Polen aus Rom nicht nach. Der eine ist so scharf aufs Gestrige aus wie der andere.

»Auch schuldlos Geschiedene«, dekretierte Höffner zum Jahreswechsel in einem Hirtenbrief, »bleiben vor Gott an ihre Ehe gebunden.« Jedes Verhältnis neben der unauflöslichen Ehe sei Ehebruch, wie flüchtig und unverbindlich es auch sein mag.

Da nützt es nichts, fünf Jahre lang auf eine kirchliche Nichtigkeitserklärung der ersten Ehe zu warten, wie eine 40jährige Sozialarbeiterin es getan hat -- ihr wurde nach 14jähriger Tätigkeit für die Kirche gekündigt, weil sie mit dem Vater ihrer Kinder eine »außereheliche Geschlechtsgemeinschaft« eingegangen war.

Zwar dürfen gewöhnliche Katholiken mit kirchlicher Dispens »konfessionsverschiedene Ehen« (mit Protestanten) eingehen. Aber als zuverlässig gelten sie dann nicht mehr, sie dürfen weder als Religionslehrer an ihrer Schule noch als Küster noch als Laien-Pastoralreferent in der Gemeinde tätig sein -- ein geistlicher Radikalenerlaß, »autoritär, vordemokratisch, feudalistisch«, wie das der Tübinger Theologie-Professor Norbert Greinacher charakterisiert.

So treu sind die deutschen Oberpriester, daß schon ein sanfter Wink aus Rom genügt. Als im vergangenen Monat die Weltbischofssynode unter dem Druck des Papstes das Verbot jeder künstlichen Empfängnisverhütung bekräftigte, nahm Höffner auf einer Pressekonferenz sogleich zurück, was noch ein Jahr zuvor der Bonner Prälat Josef Homeyer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz hatte sagen dürfen und was bundesdeutschen Katholiken seit 1968 erlaubt war. S.65

Homeyer damals: »Die Art und Weise der Empfängnisregelung ist eine Gewissensentscheidung der Ehepartner. Dies ist eindeutig und wiederholt von den Bischöfen festgestellt worden.«

Höffner heute: Mag sein, »daß es ausnahmsweise besonders begabte Theologen, tief denkende, tief schauende Theologen geben kann, die sich berechtigt fühlen, abweichen zu dürfen vom ordentlichen Lehramt der Kirche«. Aber nicht doch einfach jedermann. Originalton Höffner: »Wir haben nicht die Auffassung vertreten, daß etwa ein gesamtes Volk zu dieser tiefen theologischen Erkenntnis ... kommen könnte.«

Um solche Dialektik dem Priesternachwuchs nahezubringen, braucht es theologisch angepaßte und wissenschaftlich biedere Lehrer. Die Bischöfe suchen sich seit einigen Jahren immer unverblümter Leute dieses Zuschnitts aus, wenn es gilt, die Lehrstühle an den theologischen Fakultäten zu besetzen.

Wer nicht denkt, wie Rom es wünscht, wird abserviert: Der Münsteraner Kirchenrechtler Horst Herrmann verlor seine Lehrerlaubnis, weil er Kritik am autoritären kirchlichen Lehramt geübt hatte.

Der Theologe Johannes Baptist Metz bekam, weil dem Münchner Joseph Kardinal Ratzinger die Metz-»Theologie der Welt« unheimlich war, keinen Lehrstuhl in Bayern.

Der Tübinger Theologe Hans Küng darf, weil er das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit kritisiert hatte, auf Ratzingers und Höffners Betreiben »weder als katholischer Theologe gelten noch als solcher lehren«.

Sie alle verkörpern für Höffner etwas von dem, was er den »herrschenden Zeitgeist« nennt -- so, als wenn der des Teufels wär. Auf diesen Kardinal kann Johannes Paul II. bauen wie aufs Evangelium. Da wird nichts aufgeweicht.

Der neue Mann auf dem Stuhl Petri verlangte von allen Katholiken »bedingungslose Treue zum römischen Papst«. Und was er erwartet, wenn er davon spricht, daß innerkirchliche Kritik in »angemessenen Grenzen« zu bleiben habe, erläuterte er so: »die Haltung des Zuhörens, die Haltung des Dienens« -- in »vollkommener, heiterer, aufrichtiger und liebevoller Übereinstimmung mit der katholischen Hierarchie«.

Selbst von den Bischöfen, den »Lehrmeistern der Wahrheit«, verlangt der Papst, daß »wir jede Opposition und Spaltung hinter uns lassen«. Es sei das »Recht der Gläubigen«, daß sie »nicht von Theorien und Hypothesen« irritiert würden.

Vor einer internationalen Konferenz der Ordensoberinnen erklärte er die Zeit des nachkonziliaren Experimentierens für abgeschlossen. Der Punkt sei gekommen, um »eine von der Kirche approbierte stabile Lebensregel vorzubereiten«.

Er verlangte vom Klerus -- nach seinem Verständnis lauter Leute, die »in das ausschließliche Eigentum des Herrn übergegangen« sind --, wieder den langen schwarzen Priesterrock mit dem weißen steifen Kragen zu tragen, statt des Zivils von C & A. Tadel gab es für Generaloberinnen von Ordensschwestern, die nicht in ihren alten Trachten, sondern in Zivil im Petersdom erschienen waren.

Die Ohrenbeichte, so Johannes Paul II., dürfe -- entgegen der Praxis in vielen Ländern -- nicht ohne zwingenden Grund durch eine Generalabsolution des Priesters vor allen versammelten S.67 Gläubigen ersetzt werden. Und weil die Berufung zum Priestertum ein »individuelles Geschenk des Herrn« sei, verweigerte er jenen Priestern, die wieder in den Laienstand zurückkehren wollen, grundsätzlich die kirchliche Erlaubnis, die sogenannte Dispens -- nur in Ausnahmefällen soll sie in Zukunft gewährt werden.

Rund 4000 Anträge liegen in Rom unerledigt herum. »Es kann nicht sein«, predigt der Stellvertreter, »daß Gott, der uns eingab, ''ja'' zu sagen, jetzt ''nein'' hören will.« Johannes Paul: »Tu es sacerdos in aeternum« ("Du bist Priester in Ewigkeit").

Kein Zweifel, da ist ein Papst, der, wie sein Biograph Ernst Trost es ausdrückt, »in einer bodenlosen Zeit auf festem Grund steht« -- einer, der die Fahne des für wahr Gehaltenen hochhält, auch wenn das Fähnlein der Gläubigen schrumpft. Denn mit Karol Wojtyla ist ein »dynamischer, temperamentvoller und unbeugsamer« Charakter an die Kirchenspitze gerückt, »alles andere als ein gutmütiger Phlegmatiker«, weiß sein Freund und Biograph Mieczyslaw Malinski aus Krakau zu berichten.

Der neue Patriarch des Abendlandes kommt aus jenem Polen, in dem innerkirchliche Protestgruppen wie die »Bewegung für konziliare Erneuerung« oder die »Gruppen des gemeinsamen Weges« von den Bischöfen seit Jahren bekämpft werden -- da hat sich der Klerus in Wojtylas Herkunftsland manches von der Partei abgeguckt.

Die polnischen Kirchenväter haben was gegen neumodischen Kram; die Lektüre der internationalen Theologenzeitschrift »Concilium«, Fachblatt der europäischen Theologen-Avantgarde, haben sie ihren Priestern verboten.

Der Papst bleibt bei seiner polnischen Tradition. Abweichler von seinem Kurs werden unnachsichtig gemaßregelt, ohne Ansehen der Nationalität. Der französische Dominikaner Jacques Pohier geriet mit seinem Buch »Quand je dis Dieu« ("Wenn ich Gott sage") erst auf den längst abgelegten Index verbotener Bücher (den Johannes Paul damit wieder einführte), dann wurde dem Pater auch noch untersagt, »liturgische Versammlungen« zu leiten.

Gegen den amerikanischen Moraltheologen Charles Curran schwebt ein Verfahren, weil er die Pillen-Enzyklika »Humanae vitae« gründlich ad absurdum geführt hat. Der holländische Theologe Edward Schillebeeckx wurde zum Verhör nach Rom vorgeladen, weil er in einem Bestseller über Jesus geschrieben hatte, Christus habe sich nicht als göttlich empfunden.

Die niederländischen, in ihrer Mehrheit progressiven Bischöfe mußten im Januar dieses Jahres zu Kreuze kriechen; Johannes Paul befahl sie nach Rom zu einer Sondersynode. Seither muß es in Holland wieder nach den Normen von »Glaubenslehre und Kirchenordnung« vor sich gehen -- die Holländer hatten geirrt.

Immerhin hat Johannes Paul die »Überprüfung des Falles Galilei« angeregt; der Gelehrte war vor 364 Jahren vom Wojtyla-Vorgänger Paul V. zum Schweigen verurteilt worden, weil er dabei bleiben wollte, daß die Erde nicht Mittelpunkt des Universums sei.

Die Kirche, so Wojtylas Credo, besitzt die »vollständige Wahrheit« -- und daß die bei allen Seiten und Kehrseiten für den Papst eindeutig ist, machte er auf seiner Reise nach Südamerika deutlich. Da changierte die Wahrheit allenfalls ein wenig.

So forderte der Papst vor über hunderttausend bitterarmen Indios im mexikanischen Oaxaca Reformen zugunsten der landlosen Bauern und empfahl, »wenn es das allgemeine Wohl erfordert«, notfalls gar die Enteignung von Großgrundbesitzern.

Aber gegenüber der lateinamerikanischen Bischofskonferenz machte er klar, die Kirche solle sich aus den sozialen und politischen Kämpfen der Welt heraushalten: Wer Christus als Politiker, als Revolutionär verstehe, der irre. Priester dürfen sich nur »im Rahmen ihrer religiösen Sendung« für die Menschenrechte engagieren.

Einerseits erklärte er vor Landarbeitern in Recife, man müsse »die unerläßlichen Veränderungen der Strukturen des wirtschaftlichen Lebens zum Vorteil des Menschen« betreiben. Andererseits ließ er vor Arbeitern in Sao Paulo keine Zweifel aufkommen, wo es mit Veränderung ihr Bewenden haben müsse: »Der Klassenkampf ist nicht der Weg, der zur sozialen Ordnung führt, weil er das Risiko in sich trägt, die Benachteiligten zu Privilegierten zu erheben, und weil er so neue ungerechte Situationen für die schafft, die bis jetzt die Vorteile auf ihrer Seite hatten. Man baut nichts durch Haß und Vernichtung anderer auf.«

Und wenn es um die Geschlechtsmoral ging, da war der Reisende aus Rom kein bißchen schwankend mehr -- keine Ungenauigkeit in der Aussage: Er verdammt jede Form der künstlichen Geburtenregelung.

Es ist offenkundig, welche Folgen dieses Verdikt, das in Mitteleuropa nur im Einzelfall noch zu Konflikten führen S.69 mag, in den Ländern der Dritten Welt haben muß. In den katholischen Ländern Südamerikas sterben jährlich weit über 100 000 Kinder, weil sie nicht ausreichend ernährt und versorgt werden können.

Mit päpstlicher Billigung erklärte letzten Monat auf der Bischofssynode in Rom Alfonso Lopez Trujillo, Erzbischof im kolumbianischen Medellin: Die bislang unbestrittenen »Voraussagen über den Bevölkerungsüberschuß« sowie die »Behauptungen des Club of Rome und des Berichts der Brandt-Kommission« -- wonach die Weltbevölkerung alle fünf Tage um über eine Million Menschen wächst -- müßten korrigiert werden.

Nach dem Bericht der Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt wird sich allein im Kolumbien des Bischofs Trujillo die Bevölkerung bis zum Jahr 2000 auf 42,2 Millionen mehr als verdoppelt haben. Trotzdem ist für den Oberhirten eine international propagierte Politik der Geburtenkontrolle »gegen die Würde des Menschen«.

Vereinzelt nur erheben sich Stimmen der Vernunft, wie die des katholischen Bevölkerungsforschers Arthur McCormack, Missionar bei den Mill Hill Fathers. Der fragt an, ob denn die kirchliche Hierarchie eigentlich »Kenntnisse« habe, die dem Brandt-Bericht widersprächen. McCormack: »Schließlich reden wir nicht von Dogmen, sondern von Fakten.«

Für den Pater läßt Wojtylas Politik nur eine Alternative: »Man muß nicht die Geburtenziffer senken, man kann auch die Sterberate steigen lassen.«

Im übervölkerten Mexiko, wohin der Papst vergangenes Jahr gereist war, ließ er vor den Massen keinen Zweifel aufkommen. Er verurteilte neben Scheidung und Abtreibung die »empfängnisverhütenden Methoden«. Statt dessen empfahl er eine innige Liebe zur Madonna von Guadalupe.

Die Madonna ist nicht nur Brasiliens Schutzpatronin und Polens Nationalheilige, im 17. Jahrhundert von König Jan II. Kazimierz zur polnischen Königin ernannt, im rußgeschwärzten Gnadenbild von Tschenstochau millionenfach angefleht.

Sie ist auch des Papstes eigene Herzdame, himmlisch schön und, selbstverständlich, jenseits von Gut und Böse, »die neue Eva«, »die ganz Reine«, --Symbolfigur der geschlechtslosen Liebe und der Abstinenz, des klaglosen Duldens und Leidens.

Schon zu Zeiten, da Karol Wojtyla Ethikprofessor in Lublin war, predigte er gerne über die »Tugend der Keuschheit«. Und wenn er von Mann und Frau sprach, die halt dann doch tun, was sie nicht lassen mögen, dann sprach er schon mal verblasen von den »beiden betreffenden Objekten«, die »sich durch ihre psycho-physiologischen geschlechtlichen Eigentümlichkeiten voneinander unterscheiden«.

Daß die beiden »Objekte« sich aus anderem Grunde als dem der Zeugung nähern -- das war damals schon für den polnischen Professor »eine Verflachung, eine Deformation«. Und heute, als Papst, hat er die Lustfeindlichkeit zum Programm erhoben.

Da wird er womöglich böse werden, wenn er die »sechs Fragen von Christen aus der Bundesrepublik Deutschland« zu Gesicht bekommt, die unter anderen auch 22 katholische Theologieprofessoren in Amt und Würden unterschrieben und Anfang der Woche publiziert haben.

Darin fordern die Gottesgelehrten, zusammen mit 113 Christen und 22 christlichen Gruppen, für den Papst wenig Erfreuliches: Er solle beispielsweise Zweitehen zulassen und Frauen, verheiratete gar, zu Priestern weihen. Mehr noch: Er solle die »evangelischen Pfarrer und ihre Abendmahlsfeiern in aller Form« anerkennen.

Was in dem Brief an Kritik aufflackert, ist mittlerweile kein Einzelfall mehr. Erstmals seit 1972 formiert sich unter bundesdeutschen Katholiken allenthalben spürbarer Widerstand gegen die Hierarchie.

Rund 7500 Mitglieder aller Altersgruppen und Schichten haben sich beim »Komitee zur Verteidigung der Christenrechte« eingeschrieben, das gegen die zunehmenden kirchlichen Berufsverbote Front macht.

Über 20 kirchenkritische Gruppen sammelten sich im September in Frankfurt in einer »Initiative Kirche von unten«, die auch für den Text des offenen Briefes an den Papst verantwortlich zeichnet und die mittlerweile mit ähnlichen Gruppen in Holland, Frankreich, Italien, Spanien und Lateinamerika Kontakt aufgenommen hat.

Etwa 900 Priester arbeiten in Solidaritätsgruppen mit, einer Art Priestergewerkschaft. Prominente Theologen wie der Münchner Dogmatikprofessor Karl Rahner oder der Münchner Moraltheologe Richard Egenter, der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz oder der Wiener Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann treten vehement für einen Strukturwandel in der Kirche ein. Klostermann über Höffners wie Wojtylas Kirchenkurs: »All diesen Denkschemata liegt letztlich Angst zugrunde: Angst ... vor der Wirklichkeit.«

Daß all die Kritiken und Forderungen Papst und Bischöfe zu einer Kurskorrektur veranlassen könnten, glauben ernsthaft weder Klostermann und seine Kollegen noch die Unterzeichner der sechs aktuellen kritischen Fragen an den Papst. Einer von ihnen, der aus der »Körperschaft Kirche« ausgetretene Katholik Heinrich Böll, beurteilt die Lage unter Johannes Paul so:

»Schweigen wir über Herrn Wojtyla.«

S.58Bei seiner ersten Audienz im Vatikan, 1978.*S.62Erschienen im italienischen Nachrichtenmagazin »Panorama«.*S.69Kniend: der Kölner Erzbischof Joseph Höffner.*

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