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Papst in Puebla: »Ihr Bischöfe, steigt herab«

Die erste Auslandsreise des neuen Papstes zur Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Mexiko hat Hoffnungen, aber auch Befürchtungen geweckt: Wird die Kirche auf dem katholischen Kontinent sich mit den Militärregimen der Region arrangieren, oder stellt sie sich nun eindeutig auf die Seite der Unterdrückten?
aus DER SPIEGEL 5/1979

Eigentlich hätte der Papst Zivil tragen müssen, als er am vorigen Freitag auf dem Flughafen Benito Juárez mexikanischen Boden betrat.

Denn in dem Land, in das der neue Pontifex Johannes Paul II. seine erste Reise außerhalb Italiens unternahm, dürfen Angehörige des Klerus sich im geistlichen Gewand nur in ihren Gotteshäusern oder im Bereich kirchlicher Einrichtungen zeigen.

Die Kleidervorschrift trifft auch jene 342 Priester, Bischöfe und Kardinäle, um derentwillen der Papst eigens in die Neue Welt fuhr -- die Mitglieder der dritten Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz (Celam), die knapp drei Wochen lang in der Industriestadt Puebla de los Angeles tagen, was auf deutsch »Städtchen der Engel« heißt.

Ungeachtet des frommen Namens sind in Puebla -- wie überall sonst in Mexiko -- alle Gotteshäuser Eigentum des Staates, der sie an die Kirche lediglich vermietet. Selbst die Basílica de Santa Maria de Guadalupe ist verstaatlicht, das Nationalheiligtum Mexikos, in dessen riesigen, aus Beton und bunten Glasbausteinen errichteten Neubau der Papst die Eröffnungsrede der Celam-Konferenz hielt.

Und hätte der Heilige Vater dabei etwa die mexikanische Regierung oder die Gesetze des Landes kritisiert, so wäre er nicht nur unhöflich gewesen, sondern straffällig geworden; Geistliche, welchen Standes auch immer, dürfen von der Kanzel herab nicht über Politik reden, ja nicht einmal privat die Staatsgewalt rügen.

So zumindest steht es in der mexikanischen Verfassung, geschrieben im Jahre 1917, nach dem Sieg der ersten erfolgreichen Bauernrevolution in jenem Teil der Welt. Die Kirche, damals eng verschwistert mit den verhaßten Reichen und selbst der größte Latifundienbesitzer im Staat, gehörte zu den Besiegten. In kaum einem anderen Land gibt es seither ein so anti-klerikales Grundgesetz.

Kirchenmänner und -frauen haben in Mexiko kein Wahlrecht; sie können keiner politischen Partei angehören und dürfen keine Ausländer sein. Religiöse Erziehung ist verboten.

Gewiß -- längst werden fast alle diese Verbote im gegenseitigen Einverständnis umgangen. Ausländische Priester etwa reisen eben als Weinhändler oder Lehrer ein, und rund 60 Prozent des Erziehungswesens hat sich die Kirche zurückerobert. Der Papst brauchte auch nicht im Zweireiher aufzutreten -- die Behörden gestanden ihm eine Ausnahmeregelung zu.

Aber »es gibt keinen Grund«, schrieb die regierungsfreundliche Zeitschrift »El Observador«, »daß wir hier in Mexiko über das Auftauchen eines Papstes aus dem Vatikan jubeln sollten«. Ein Papst habe einst »unseren Kontinent zwischen den Seeräubernationen Spanien und Portugal aufgeteilt«, ein anderer die Reformbewegung des vorigen Jahrhunderts in »einer Welle des Bruderblutes zu ersticken versucht«, ein weiterer den konterrevolutionären Aufstand der »Cristeros« vor rund 50 Jahren abgesegnet.

Trotzdem bejubelt das Volk den neuen Papst, den die römische Zeitung »La Repubblica« bereits halb anerkennend, halb spöttisch »Papa Wojtyla Superstar« taufte, wo immer er in Mexiko auftaucht. Millionen Gläubige, vielleicht auch Neugierige, scharten sich um den ersten Papst aus einem kommunistischen Land, als er in Mexiko die Messe las.

Widersprüchlich wie in diesem antiklerikalen Staat, dessen Bürger zu 96 Prozent katholisch getauft sind, erscheint die Stellung der Kirche in Lateinamerika überhaupt -- und noch ist nicht sicher, ob die Bischofskonferenz von Puebla diese Widersprüche noch einmal überwinden wird:

Kann die Kirche auf dem »par excellence christlichen Kontinent« (so ein Dossier des römischen Dokumentations- und Forschungszentrums Idoc) sich noch erlauben, Freund der Besitzenden und Komplice der Staatsgewalt zu sein?

Oder muß in Lateinamerika, wo fast die Hälfte aller Katholiken auf der Welt leben -- davon rund 100 Millionen in extremer Armut -, die Kirche »Gärstoff und Triebkraft eines Wandels zu sozialer Gerechtigkeit« sein, wie es die letzte Bischofskonferenz vor zehn Jahren im kolumbianischen Medellin beschloß?

Die Entscheidung, die Priester und Kirchenführer in Puebla fällen müssen, ist freilich seit Medellin unendlich viel schwieriger geworden.

Denn damals bewegte sich die Kirche mit ihrer »Theologie der Befreiung« in einer breiten sozialrevolutionären Grundströmung des Kontinents, der sich auch viele Regierende nicht verschlossen. In Peru zum Beispiel übernahmen im gleichen Jahr linke Militärs die Macht und mühten sich zumindest anfangs ernsthaft, das Los der peruanischen Indios zu bessern.

Inzwischen jedoch haben sich in einem halben Dutzend lateinamerikanischer Staaten, selbst in traditionell demokratischen Ländern wie Uruguay oder Chile, neue rechtsgerichtete Militärregime etabliert. Deren Abgott ist die »Ideologie der nationalen Sicherheit« und härtester Kampf gegen alles, was kommunistisch erscheint -- und in diesem Kampf ist auch die Kirche in die Feuerlinie geraten. An die 800 Geistliche Lateinamerikas sind während des vergangenen Jahrzehnts im Namen der Staatssicherheit verfolgt, verhaftet, mißhandelt, entführt oder getötet worden.

So schossen im Ort Ribeirao Bonito im brasilianischen Mato Grosso die Wachen der Polizeistation den Jesuitenpater Joao Burnier vor den Augen seines Bischofs nieder die beiden Kirchenmänner hatten sich nach dem Verbleib zweier verhafteter Gemeindemitglieder erkundigt.

Ebenfalls in Brasilien entführten Mitglieder der polizeinahen »Antikommunistischen Allianz« den Bischof Adriano Hypolito aus seiner Diözese, rissen ihm die Kleider vom Leib, malten seinen nackten Körper mit roter Farbe an und setzten ihn am Stadtrand von Rio de Janeiro aus.

In Argentinien wurden in den ersten neun Monaten nach dem Militärputsch vom März 1976 sieben Priester, zwei Seminaristen und drei Nonnen von rechtsradikalen »Todesschwadronen« ermordet. Boliviens Militärs entwarfen einen Plan zur strategischen Einschüchterung der Kirche, der unter anderem Anweisung gab, Priester vorzugsweise »auf dem Lande, in einer menschenleeren Straße oder spät nachts« zu verhaften, um öffentliches Aufsehen zu vermeiden.

Im ekuadorianischen Riobamba stürmten Sicherheitskräfte eine Menschenrechtskonferenz, zu der Bischöfe aus Chile, Mexiko, Brasilien, Argentinien, Venezuela, Paraguay und USA angereist waren, und trieben die Geistlichen mit vorgehaltenem Gewehr zur Vernehmung. 15 Bischöfe und 22 Priester wurden wegen »Subversion« des Landes verwiesen.

Zwar werden Christen auch anderswo in der Welt verfolgt -- nicht jedoch von Machthabern, die, wie die Militärherrscher Lateinamerikas, angetreten sind, die »christliche Zivilisation vor der Barbarei des Kommunismus zu retten«.

Diese Zivilisation gründet sich in Lateinamerika seit eh und je auf einer besonders engen Verflechtung von staatlicher und geistlicher Gewalt, von Schwert und Kreuz -- ein Sündenfall, von dem sich die Kirche noch immer nicht erholt hat:

»Die katholische Kirche kam auf dem Pferderücken nach Lateinamerika und wurde mit dem Schwert verbreitet. Mit Blut wurden wir getauft«, schrieb vor wenigen Jahren der im Exil lebende Brasilianer Márcio Moreira Alves, einst links-katholischer Abgeordneter in dem von den Militärs aufgelösten Kongreß. Die Kirche »teilte die Privilegien der herrschenden Klassen, deren Kinder sie erzog und nährte. Sie segnete die Ausbeuter und betrog die Ausgebeuteten«.

Tatsächlich erreichten schon Spaniens katholische Könige Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien im Jahre 1493, kurz nach der Entdeckung Amerikas durch ihren Seefahrer Kolumbus, daß Papst Alexander VI. ihnen in den neuen Überseegebieten das ausschließliche Recht zur Heidenmissionierung zusprach. Kein Schiff lief fortan nach Amerika aus, das nicht zugleich Missionare oder Priester an Bord gehabt hätte -- mit dem Segen der Kirche, mit Kost und Logis vom Staat.

Nach der oftmals gewaltsamen Missionierung der Indios beuteten Vertreter von Krone und Altar die Indios gemeinsam aus. Ohne schwere Erschütterungen überstand die Kirche, engste Verbündete der spanischen Krone, sogar die Unabhängigkeitskriege, mit denen sich die Länder Lateinamerikas im vorigen Jahrhundert vom Kolonialherrn lösten.

Zwar trennten einige Länder, so Chile oder Uruguay, in ihren Verfassungen Kirche und Staat. Ernsthaft in Frage gestellt wurde die Institution Kirche jedoch nur in Mexiko, wo sie das verlorene Terrain dann weitgehend wieder zurückeroberte.

Erst als auf Kuba der Jesuitenzögling Fidel Castro eine sozialistische Revolution ausrief, die auch die Macht der Kirche auf der Karibeninsel brach, schien der Schock den Klerus auf dem Kontinent wachzurütteln.

Ermutigt durch das Zweite Vatikanische Konzil zogen Mitte der 60er Jahre

* Bei einer Militärparade in Buenos Aires.

junge Priester in die Slums und predigten den Armen, ihr Elend nicht mehr mit gottergebener Geduld zu tragen. In Kolumbien ging ein Pater namens Camilo Torres, Sohn einer wohlhabenden Familie, nach dem Vorbild Ché Guevaras in die Guerilla und fiel im Gefecht mit Regierungstruppen.

Neun brasilianische Geistliche, darunter der Bischof von Olinda und Recife, Helder Camara, und ein Kolumbianer, unterzeichneten eine Botschaft mit dem Titel »Antwort an die Armen«, in der sie forderten: »Die Kirche muß bereit sein, mit einem anderen. den Notwendigkeiten der Gegenwart besser entsprechenden und gerechteren System zusammenzuarbeiten.«

Und nachdem 1968 die Konferenz von Medellin die neue Richtung noch bekräftigt hatte, schien der sozialrevolutionäre Schwung des lateinamerikanischen Klerus kaum noch zu bremsen: Eine Gruppe von »Priestern der Dritten Welt« in Argentinien erklärte, der Sozialismus sei der »für Lateinamerika einzig mögliche Weg zur Befreiung aus dem kapitalistischen Imperialismus«.

In Peru ordneten Bischöfe eine Inventur des Kirchenbesitzes an, um ihn zu veräußern oder »im Sinne evangelischer Armut zu nutzen«; in Brasilien und Bolivien zogen Kirchenführer aus ihren Palästen aus. Chilenische Oberhirten gaben den größten Teil ihrer Landbesitzungen und Immobilien auf bis auf die Gotteshäuser.

In vielen Ländern des Kontinents verzichteten Prälaten auf ihre prächtigen Gewänder und erschienen in der Öffentlichkeit in schlichten dunklen Soutanen, mit Holz- oder Drahtkreuzen um den Hals »Die Kirche muß sich ändern«, forderte der bolivianische Kardinal Clemente Maurer. »Wenn wir sie nicht bald ändern, läuft uns die Welt davon.«

Fast ist sie ihr dann doch davongelaufen. Bei einer Zuwachsrate von rund drei Prozent wächst die Bevölkerung in Lateinamerika, wo ohnehin schon 40 Prozent aller Einwohner jünger als 14 Jahre sind, alljährlich um beinahe neun Millionen Menschen -- und die Mehrheit von ihnen ist von vornherein zur Armut verdammt.

Ein Viertel der 325 Millionen Lateinamerikaner müssen von weniger als 50 Mark im Jahr leben, 40 Millionen haben keine Arbeit, 130 Millionen sind nur mangelhaft ernährt. Ganze fünf von hundert Menschen im südlichen Amerika gehören zu den Privilegierten, die ein Pro-Kopf-Einkommen von über 2300 Dollar im Jahr haben.

Die katholische Kirche müsse sich schämen, so rügte der Pater Renato Poblete, wie wenig wirkungsvoll ihre christliche Erziehung geblieben sei, da offenbar nur so wenige Menschen sich über diese Zustände beunruhigten oder sie zu ändern versuchten.

»Auf unserem christlichen Kontinent, dem christlichen Teil der Dritten Welt«, erkannte kürzlich Helder Camara, »existiert die schlimmste Form von Kolonialismus: In unseren Ländern erhalten privilegierte Gruppen ihren eigenen Reichtum aufrecht, indem sie ihre Mitmenschen niederdrücken.«

Die Trennungslinie zwischen der Welt der Reichen und jener der Armen ist manchmal nur eine Straße. In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá etwa grenzt sie das »Cataluna«-Viertel rund um die Jesuiten-Universität »Javeriana« von der Elendssiedlung »Sucre« ab:

Auf der einen Seite der Straße stehen moderne Apartmenthäuser, in denen unter 200 Dollar im Monat keine Wohnung zu haben ist -- auf der anderen Seite, halsbrecherisch auf eine steil ansteigende Hügelkette geklebt, erheben sich die armseligen Hütten jener, die am Rande der Gesellschaft leben.

Sucre ist eines der vielen »barrios pirata« rund um Bogotá, wilde Siedlungen, deren Existenz von den staatlichen Behörden schlicht nicht zur Kenntnis genommen wird. Sie sind auf keinem Stadtplan verzeichnet, es gibt dort keine Straßen, keine Kanalisation, keinen Strom, kein Leitungswasser.

Beistand erhalten die Leute von Sucre nur von einem Kirchenmann: Seit vier Jahren wohnt in ihrer Siedlung ein Jesuitenpater, der zugleich Mathematikprofessor an der »Javeriana« und an der staatlichen Universität ist. In seiner winzigen Behausung aus Eternitplatten hängt an der Wand ein Holzkreuz mit einem Christus aus Stroh.

Gemeinsam mit einer Krankenschwester der evangelischen Hilfsorganisation »Brot für die Welt« organisierte der Pater eine Übereinkunft mit zwei Krankenhäusern, wonach Krankheitsfälle aus Sucre für die Hälfte des sonst üblichen Preises behandelt werden.

Nur sonntags, wenn er in dem kleinen Gemeinderaum mit dem Kreuz aus getrockneten Blättern über der Tür die Messe liest, trägt der Pater eine Soutane. Ansonsten legt er sie ab, weil sie »unnötige Distanz zu den Mitmenschen« verkörpert.

Derlei Skrupel kennen die Kirchenoberen in Kolumbien nicht. In seiner Mehrheit und trotz Medellin noch immer so konservativ wie in kaum einem anderen Land Lateinamerikas, hält der kolumbianische Klerus starr an überliefertem Formalismus fest. Alljährlich am 22. Juni, einem Nationalfeiertag, weihen Kardinal und Präsident des Staates, der sich per Verfassung als »katholisch« definiert, die Nation feierlich dem »Heiligen Herzen Jesu«.

Der Kardinal von Bogotá residiert in einem Marmorpalast. Vom kolumbianischen Militär -- das, Ausnahme in Lateinamerika, nicht regiert -- ließ er sich den Rang eines Brigadegenerals ehrenhalber verleihen.

In jenen Ländern des Kontinents freilich, wo die Streitkräfte die Macht bereits haben oder sie in den letzten Jahren gewaltsam eroberten, würden heute wohl die meisten Kirchenführer derlei Ehren ablehnen.

Denn zwar wurde der sozialrevolutionäre Elan der Kirche seit Medellin inzwischen deutlich gebremst: Viele linke Priestergruppen -- wie die »Golconda«-Bewegung in Kolumbien, die »Dritte-Welt-Priester« in Argentinien -- mußten aufgelöst werden oder resignierten.

Doch die Brutalität, mit der die Militärs dem Kontinent ihre Vorstellungen von nationaler Sicherheit aufzwangen, trieb die Kirchen immer mehr in die Rolle einer politischen Opposition -- vor allem in Ländern, die einmal eine funktionierende Demokratie besessen hatten wie Brasilien oder Chile.

Im schon seit 15 Jahren von Militärs beherrschten Brasilien, mit 115 Millionen Einwohnern größtes katholisches Land der Welt, machte sich die Kirche unter Führung Helder Camaras und von Kardinal Paulo Evaristo Arns vor allem für die Kleinbauern und die Indianer stark.

Scharf kritisierte sie die Versuche der Regierung, die letzten noch frei lebenden Indianer des Amazonasgürtels zur Integration in eine ihnen fremde Gesellschaft zu zwingen. An fast allen Bischofssitzen entstanden Pastoralkommissionen, die sich besonders um die Probleme der Kleinbauern kümmerten -- jener zumeist bitterarmen Siedler, die von rücksichtslos sich ausbreitenden Agrar-Großunternehmen von ihren Äckern vertrieben werden.

Rund 50 000 sogenannte Basisgemeinden entstanden in dem Riesenland, in denen engagierte Laien und Priester gemeinsam versuchten, das Los der Armen zu lindern -- meist gegen den Widerstand mißtrauischer Staatsbehörden.

In Chile, wo seit dem Pinochet-Putsch von 1973 alle politische Parteien und Organisationen zerschlagen wurden, hat die Kirche sich gar als »einzige Kraft« erwiesen, »die fähig ist, irgend etwas in Bewegung zu bringen«, so der frühere christdemokratische Abgeordnete Andrés Aylwin.

Tatkräftig und effizient versucht etwa das von der katholischen Kirche nach dem Putsch ins Leben gerufene »Solidaritätsvikariat« die Folgen des militärischen Eingreifens für die Bevölkerung zu lindern.

Es gibt den Angehörigen verschwundener oder inhaftierter Junta-Opfer Rechtsbeistand, hilft entlassenen Arbeitern, unterhält im ganzen Land Tausende von Kinderküchen. Denn die wirtschaftliche Radikalkur, die das Militär dem Land verordnete, hat unter anderem dazu geführt, daß besonders in den Arbeitervierteln rund um Santiago annähernd die Hälfte der Kinder unterernährt ist.

240 Angestellte arbeiten in den drei Stockwerken des einstigen erzbischöflichen Palastes, in dem das Vikariat untergebracht ist. Auf den Korridoren, auf denen sich ständig Hilfesuchende drängen, hängen bunte Wandteppiche, die zumeist Familienangehörige von Häftlingen in Gemeinschaftsarbeit angefertigt haben. Einer stellt die Szene dar, als die chilenischen Bischöfe nach ihrer Rückkehr von Riobamba mit Steinen beworfen wurden. »Herr, vergib ihnen«, ist mit buntem Garn darüber gestickt, »denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Pater Gaete in der chilenischen Jesuitenzeitschrift »Mensaje": »Von der Wiege bis zur Bahre besitzt jedes menschliche Wesen einen Kern von Würde und Edelmut, der das Ebenbild Gottes ist.« Wer Menschen mißhandle, mißhandle in ihnen also Gott.

Und Jorge Hourton, Weihbischof von Santiagos Zona Norte, wirft den neuen Herren vor: »Die christliche Suche nach dem Reich Gottes wird mit der Suche nach Ordnung, und vor allem ... der Suche nach einer von oben aufgezwungenen Ordnung identifiziert.«

Dennoch, so der Weihbischof zum SPIEGEL, habe die Kirche eigentlich Grund, der Diktatur dankbar zu sein: Die Gotteshäuser in dem traditionell eher weltlich gesonnenen Chile seien wieder voll. »Es ist ein wenig wie im Krieg. Die Leute fühlen sich so schutzlos, daß sie sich an die Kirche wenden.«

Ob Lateinamerikas Seelenhirten in ihrer Gesamtheit diesem Bedürfnis nach Schutz vor den Mächtigen in Puebla nachkommen, wagt noch niemand vorauszusagen. Die Mehrheit der Konferenzteilnehmer, die der konservative kolumbianische Bischof Alfonso López Trujillo geladen hat, gehört jedenfalls nicht zum engagierten linken Flügel, der in Medellin das Wort führte. Und auch das Konferenzthema »Die Evangelisierung in Gegenwart und Zukunft in Lateinamerika« erscheint nicht eben revolutionär.

Das erste Vorbereitungsdokument für die Celam-Versammlung, im Dezember 1977 unter der Ägide von López Trujillo erarbeitet, wurde als viel zu konservativ gerügt und seither allein von Brasilien mit 3000 Änderungsanträgen modifiziert. Die zweite Fassung, an der auch die Basis des Klerus mitarbeitete, gilt als fortschrittlicher.

Der neue Papst selbst hat lange gezögert, ob er nach Puebla reisen sollte oder nicht. Denn er war sich darüber im klaren, daß sowohl Progressive wie Konservative von ihm Unterstützung für ihren Kurs erwarten.

Wie kompliziert das Verhältnis des Heiligen Stuhls zu einigen Staaten Südamerikas ist, zeigte sich, als der Papst seinen Kardinal Antonio Samorè auf die Reise schickte, um im chilenischargentinischen Grenzstreit über den Beagle-Kanal zu vermitteln.

Die Vermittlung zeigte Erfolge --

der »Osservatore Romano« druckte auf Seite eins das Photo eines Händedrucks zwischen dem Kardinal und dem lächelnden Diktator Pinochet ab. Doch erzürnte Linkskatholiken nannten die Papstaktion »äußerst zwiespältig«, so das römische katholisch-sozialistische Blatt »Com Nuovi Tempi«. Den Papst kümmerte das nicht: Am Tag vor seiner Abreise nach Lateinamerika er-

* Vor dem Heiligtum in Guadalupe.

klärte er sich bereit, in dem Konflikt persönlich zu vermitteln.

»Die Konferenz von Puebla wird sich nicht gegen die eine oder andere Regierung aussprechen«, erklärte der chilenische Bischof Bernardino Pinera vor Konferenzbeginn dem SPIEGEL. »Sie wird aber zweifellos gewisse Prinzinien bekräftigen, zum Beispiel die Achtung der Menschenrechte, die soziale Gerechtigkeit, die Tendenz zu Gleichheit und Mitbestimmung.«

»Ihr Herren Bischöfe, wir Bauern von Costa Azul haben Hunger, aber noch mehr Hunger nach Gerechtigkeit«, schrieben Bauern aus Guatemala, einem Land, in dem vorwiegend Indios leben, ihren Oberhirten zu Puebla.

»Wir wollen, daß Ihr auf die Erde herabsteigt, um gemeinsam mit dem Bauern zu kämpfen, daß Ihr Euch dem Dialog mit dem ausgebeuteten und leidenden Volk stellt, daß Ihr Euch nicht versteckt, daß Ihr Euch nicht verkauft wie Judas, daß Ihr nicht am Arm des Reichen dahergeht, daß Ihr Euren Christenauftrag erfüllt als Hüter Eurer Lämmer, für die Ihr Euer Leben gebt.«

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