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Parlamentarier auf der Couch

aus DER SPIEGEL 42/1992

Archetypische Zwänge hat der italienische Psychoanalytiker Piero Rocchini, der neun Jahre lang Abgeordnete und Senatoren des römischen Parlaments behandelte, unter seiner Kundschaft entdeckt und in einer Studie als »Neurose der Macht« beschrieben. Die meisten Politiker, so Rocchini, leben in »blinder, infantiler Abhängigkeit« von einer Partei, welche sie beschützen oder zerstören kann. Mit Schmiergeldern, die sie in die Parteikassen weiterleiten, suchen sie sich die Gunst der Übermutter Partei zu erkaufen - damit diese ihnen den Platz am Futtertrog der politischen Macht erhält. Als dieses eingefahrene System von Geben und Nehmen im vergangenen Jahr durch eine Wahlrechtsreform ins Wanken geriet, reagierten etliche Patienten Rocchinis mit Angstneurosen und Depressionen. Der Bedarf an Beruhigungsmitteln unter seiner parlamentarischen Klientel stieg um 40 Prozent an. Nach dem zweiten Selbstmord eines Politikers, der unter Korruptionsverdacht stand, bekannte ein römischer Abgeordneter seinem Psychohelfer: »Ich wache nachts schweißgebadet auf, und dann denke ich, jetzt kommen sie gleich und holen dich auch.«

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