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Parodie eines Gottesstaates in Oregon

Leben und Arbeit in der Bhagwan-Stadt Rajneeshpuram *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Die Stadt des Bhagwan Shree Rajneesh im US-Staat Oregon ist mit rund 260 Quadratkilometern dreimal so groß wie Sylt, verfügt über einen eigenen Flugplatz, einen künstlich angelegten Stausee und ein öffentliches Nahverkehrssystem mit 90 Großraumbussen.

Zu »Rancho Rajneesh«, dem Gesamtgelände, gehört, gleichsam als Exklave, das Städtchen Antelope, das inzwischen von Rajneesh-Anhängern usurpiert wurde, der Sheriff ist Bhagwan-Jünger. Eine fast 20 Kilometer lange Schotterstraße zur neu erbauten Hauptstadt haben die Rajneeshis gebaut, sie wird durch eine Kette von Wachtürmen gesichert. Rot uniformierte Angehörige der Rajneesh"Peace Force« überwachen die Automobile von Fremden.

Besucher, auch die »Sanyasin« (etwa: »Mönche") genannten Angehörigen der Bhagwan-Bewegung, müssen bei Ankunft ein Formular unterschreiben, das sie verpflichtet, Durchsuchungen und Leibesvisitationen zu dulden - Angst vor Anschlägen auf den Guru. Ein in Deutschland ausgebildeter Schäferhund namens Fritz beschnüffelt Wagen und Gepäck der Ankommenden.

Ma Anand Sheela, Präsidentin der Rajneesh Foundation International (RFI) und engste Vertraute des Meisters, kaufte das Felsgelände 1981 für sechs Millionen Dollar.

Seit der Gründung der Stadt Rajneeshpuram fließen Spenden nach Oregon. Den roten Stadtplanern kam zudem der überdurchschnittlich hohe Ausbildungsstand der Bhagwan-Eleven zugute. Heute bilden Ranch- und Gartenbetriebe in den Bergtälern einen beinahe autark wirtschaftenden Verbund ökologischer Musterfarmen.

Die rund 1500 ständig in der Stadt lebenden Bürger Rajneeshpurams wohnen in gekauften oder gemieteten Holzbungalows oder -appartements. Sie leisten Arbeitsdienst auf Feldern, in Gärten und Werkstätten, im Hotel, bei Feuerwehr, Schutztruppe oder der Luftlinie »Rajneeshi Airlines« (sechs Maschinen), die Arbeit gilt den Frommen als »Andacht«. Als Gegenleistung erhalten sie freie (vegetarische) Verpflegung und freie medizinische Versorgung.

Um in Rajneeshpuram einen ständigen Wohnsitz zu erhalten, haben etliche »Mönche« ihr gesamtes im bürgerlichen Leben erworbenes oder ererbtes Vermögen gestiftet. Denn die Nähe zum Meister ist ihr höchstes Ziel. Einmal täglich unterbrechen die Bhagwan-Jünger ihre Sieben-Tage-Woche, um den »lectures« (Vorlesungen) ihres Gurus in der weißgetönten, lichtdurchfluteten Halle »Rajneesh Mandir« zu lauschen.

Das Ereignis läuft nach immer gleichem Ritual ab. In langen Reihen, lachend und tanzend, defilieren die Rotgekleideten in die von weicher Musik ("Sweet, sweet Bhagwan") erfüllte Halle. Gelegentlich dringen Hubschraubergeräusche herein - die Anfahrt des Meisters zum Heiligtum wird auch aus der Luft überwacht.

Der »Erleuchtete« wohnt in einem dem gemeinen Fan verbotenen Bungalow in den Bergen, beheiztes Schwimmbad inklusive. Das Privileg des ständigen Zutritts zum Meister hat neben Ärzten und Leibwächtern ein innerer Zirkel von Frauen, insbesondere Ma Anand Sheela.

Für den Weg zur Versammlung stehen dem Bhagwan und seinem Gefolge 90 Rolls-Royce-Limousinen zur Verfügung. Erklärtes Ziel ist die Erweiterung des Fuhrparks auf 365 Stück, damit der Meister dann täglich das Auto wechseln kann.

Im maßgefertigten Sessel thronend, flankiert von bewaffneten Leibwächtern, äußert sich Bhagwan etwa eine halbe Stunde lang zu Fragen über Gott und die Welt, die eine Vertraute verliest und die angeblich von einfachen Sanjasin eingereicht wurden.

Viermal im Jahr, beispielsweise zum Geburtstag des Meisters am 11. Dezember oder zum Jahrestag seiner »Erleuchtung«, strömen 5000 bis 6000 Sanyasin aus der ganzen Welt in die Hauptstadt der Bewegung, um ihre »worship«-Dienste anzubieten, was sie sich um die 280 Dollar pro Woche kosten lassen.

Höhepunkt der Festivals sind, neben den »lectures«, die täglichen Autokavalkaden, wenn der »Erleuchtete« vor seinen

am Wegesrand aufgereihten Anhängern paradiert. Festival-Gäste, für die Tausende rotgefärbte Zelte bereitgehalten werden, können den Komfort eines Restaurants gehobener Klasse, von (vegetarischen) Hamburgerständen, Freiluftdiskos, Boutiquen, eines Spielsalons und eines Reisebüros genießen. Mit Rajneesh-eigener Kreditkarte kann man an elektronischen Kassen zahlen.

Der »Erleuchtete«, von Geburt ein Hindu, später Okkultist, Esoteriker und Yogi, empfiehlt seinen Jüngern das Leben »im Hier und Jetzt«, ohne Rücksicht auf Vergangenheit, Zukunft, familiäre oder gesellschaftliche Bindungen. Das Kernstück der Lehre zielt auf die »Auflösung des Ich«, die »Befreiung des Menschen vom Gewissen«.

Die Zerstörung des Ich seiner Anhänger, ihre Umwandlung in Wesen ohne eigene Lebensgeschichte, hat der Guru mit einer Mischung aus fernöstlich-traditionellen und westlich-psychologischen Beeinflussungs- und Therapietechniken erreicht. Mit diesen Methoden züchtete Bhagwan, zuerst im indischen Poona, später in Oregon, eine Elite heran, die dem Meister bedingungslos ergeben ist.

Zu den Psychotechniken Bhagwans und seiner Seelenbearbeiter gehören Meditation, Gruppenübungen zur Aggressionsentladung, Schweigegebote sowie westliche Encounter-Techniken aus der Tanz-, Bewegungs- und Atemtherapie oder Urschrei-Sitzungen.

Wer sich in den Meditations- und Übungszentren der angeblich weltweit 500000 Mitglieder umfassenden Bewegung weiterbilden will, muß für jeden einzelnen Schritt auf dem Weg zur Erlangung des »Bewußtseins« selbstverständlich Gebühren zahlen.

Berühmt und schlagzeilenträchtig wurde Shree Rajneesh als »Sex-Guru«, der die freie Liebe predigte. Neuerdings ist dem »Erleuchteten« aus Angst vor Aids »hygienischer« und kußfreier Sex mit Gummihandschuhen lieber.

Seit Anfang der 80er Jahre gab der »Guru der Reichen« (Bhagwan) die Parole aus, daß vornehmstes Ziel der Bewegung die Bereicherung sei. In Deutschland schaffen seither rund ein Dutzend Diskotheken, eine Kette vegetarischer Restaurants, Kioske und Bauunternehmen für den Bhagwan an.

Wohl auch, um den Ausbau von Rajneeshpuram zum perfekten Gottesstaat finanzieren zu können, ist die Bewegung derzeit auf Massenzuwachs aus. In den Pioniertagen von Poona hatte noch der Meister persönlich einer kleinen Anzahl intensiv vorbereiteter Eleven die Ordenskette mit seinem Porträt ("Mala") sowie einen indischen religiösen Namen verliehen. Inzwischen kommen die religiösen Weihen von der Business-Zentrale in Oregon, auf Anforderung und per Post.

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