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SPANIEN / KIRCHE Passende Antwort

aus DER SPIEGEL 39/1968

Die Diener Gottes lernten von den Gottlosen. Nach dem Vorbild marxistischer Studenten-Rebellen protestierten 40 spanische Priester mit einem Sit-in gegen ihr Establishment: den Oberhirten.

Neun Tage lang besetzten die Geistlichen aus der Basken-Provinz Biskaya das bischöfliche Ordinariat ihrer Diözese in Bilbaos Alameda-Mazarredo-Straße 12. Der Sitzstreik der Seelenhirten sollte Bilbaos Bischof Pablo Gúrpide Beope, 70, zum Reden bringen.

Denn Gúrpide hatte bis dahin zur Verfolgung baskischer Nationalisten durch Francos Polizei und zur Verhaftung baskischer Geistlicher geschwiegen, und das sei »eine Schande«. Der Bischof habe »seine Sprache verkauft«, schmähten die klerikalen Aufrührer in einem Manifest und nannten den »größten Teil der Kirchen-Hierarchie ... Marionetten der Regierung und des Kapitals«.

Im katholischsten Land der Welt (nur 0,01 Prozent der 32 Millionen Spanier bekennen sich zu einem anderen Glauben) rebelliert der Klerus immer offener gegen das autoritäre Regime des »Caudillo von Gottes Gnaden« und gegen die mit Franco verbündeten konservativen Kirchenoberen.

Ermutigt durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils und durch die sozialreformerische Papst-Enzyklika »Populorum Progressio«, fordern die Fortschrittlichen unter Spaniens etwa 65 000 Geistlichen für Ihr Land demokratische Freiheiten, soziale Gerechtigkeit und Trennung von Kirche und Staat.

Ihre Propheten sind Johannes XXIII. und Che Guevara« Teilhard de Chardin und Karl Marx, ihre verbündeten Arbeiter und Studenten, baskische und katalonische Nationalisten -- eine unheimliche Allianz für den Franco-Staat.

Jahre hindurch waren in Spanien Klerus und Franco-Obrigkeit Arm in Arm marschiert. Das Konkordat von 1953 »besiegelte die offizielle Harmonie von Kirche und Staat« (so die katholische Tageszeitung »Ya") und honorierte großzügig die Unterstützung der Staatskirche für Franco.

So darf zum Beispiel Madrids Finanzministerium der Kirche nicht in die Bücher sehen; ihre Einkünfte und ihr Besitz sind steuerfrei. Katholische Kirchen, Pfarreien, Klöster, Seminare und Friedhöfe genießen exterritoriale Rechte. Katholischen Geistlichen zahlt der Franco-Staat eine Monats-Apanage von 3300 Peseten (188 Mark). In Spaniens Ständeparlament (Cortes), im Rat des Königreichs und im Regentschaftsrat sitzen Oberhirten neben Vertretern der Falange und des Militärs.

Als Gegenleistung beansprucht der Caudillo das mittelalterliche Privileg der spanischen Könige, die Bischöfe des Landes auszuwählen. Die Folge: Konservative Kirchenfürsten beherrschen die überalterte katholische Hierarchie.

Spaniens junge Geistliche -- und nicht nur sie -- lehnen sich gegen dieses Relikt aus dem Mittelalter auf. So zögert der Vatikan, vakante Bischofssessel in Spanien neu zu besetzen. Der Kardinal-Erzbischof von Sevilla und der Bischof der Kanarischen Inseln forderten eine Revision des Konkordats. Und 291 Jung-Priester unterschrieben ein Manifest für »eine Kirche, die von der Macht nicht gebunden oder gebremst wird«.

Die jungen Geistlichen machen den Pakt der Kirche mit der Obrigkeit für das schwindende Interesse der Spanier an ihrer Religion verantwortlich. Kaum zehn Prozent der Arbeiter kommen sonntags zur Messe. Doch statt der Arbeiterschaft neuerlich das Evangelium zu predigen, wie es der spanische Episkopat empfahl, demonstrierten die progressiven Priester lieber für das weltliche Heil der Arbeiter und Studenten in Francos Reich.

Über hundert junge Padres protestierten im Mai 1966 vor dem Polizeipräsidium in Barcelona gegen die brutale Niederknüppelung von Studenten, die freigewählte Studentenorganisationen gefordert hatten. Kapuziner-Mönche gewährten einer illegalen Studentenversammlung im »Kloster von Sarriá Asyl.

74 Priester marschierten im April 1967 zum Sitz des Zivilgouverneurs in Bilbao« um sich für die Rechte der Arbeiter und die Freilassung eines Arbeiterpriesters einzusetzen. Zwölf Kleriker, die am 1. Mai 1967 an der Spitze illegaler Arbeiter-Demonstrationen marschiert waren, wurden verhaftet. Im Mai dieses Jahres attackierten 70 Madrider Geistliche den Erzbischof der Hauptstadt, Casimiro Morcillo González, 64, wegen der Suspendierung eines fortschrittlichen Priesters und wegen seiner politischen Ämter im spanischen Staat.

Im Juli prellte sogar die Kirchenhierarchie gegen Franco vor. Der spanische Episkopat erklärte die bislang von der Regierung hartnäckig verweigerte Bildung freier und repräsentativer Gewerkschaften zum »Grundprinzip der kirchlichen Sozialdoktrin« und räumte den Arbeitern das Recht auf Streik ein.

Besonders erbittert trotzen Priester in den seit je rebellischen baskischen und katalonischen Provinzen der Madrider Zentralgewalt. Im Baskenland sympathisieren viele Geistliche offen mit nationalistischen Partisanen, die in den letzten Monaten mit Terror und Demonstrationen erneut zum Kampf gegen das Franco-Regime angetreten sind. »Arriba«, Zentralorgan der falangistischen Bewegung, klagte: »Gruppen von Priestern unterstützen und schüren die Gewalttätigkeit.«

So hielten zahlreiche Basken-Seelsorger demonstrativ Gedenkmessen für einen von der Guardia Civil in einem Feuergefecht getöteten Studenten, der zuvor einen Polizisten erschossen hatte. Der Zivilgouverneur der Provinz Biskaya verbot den Gläubigen, an weiteren regimefeindlichen Messen teilzunehmen, und verhängte Geldstrafen gegen die unbotmäßigen Priester.

Im Flecken Gamiz-Fica schloß Pfarrer José Luis Jáuregui seine Kirche ab, um zu verhindern, daß der Stadtrat mit spanischer Nationalflagge an einem feierlichen Hochamt teilnahm. Die 300-Seelen-Gemeinde Guizaburuaga (Provinz Biskaya) muß seit über einem Monat ohne geistlichen Beistand auskommen: Pfarrer Javier Cruz Amurizar sitzt im Gefängnis.

Er und sechs weitere Pfarrer wurden verhaftet, weil die Priester ihnen auferlegte Geldstrafen nicht zahlen wollten.

Nachdem die Madrider Regierung Anfang August den Ausnahmezustand über das Baskenland verhängt hatte, wurden in San Sebastián etwa 20 Geistliche festgenommen. Francos Polizei schnüffelte in kirchlichen Archiven, durchsuchte Pfarrhäuser und Klöster -- und fand, so Spaniens offizielle Nachrichtenagentur »Efe«, Waffen und Dynamit.

Bischof Lorenzo Bereciartúa y Balerdi, 73, protestierte in einem Hirtenbrief, der von mehr als 400 Kanzeln der Diözese San Sebastian verlesen wurde, gegen die Haussuchungen und Priesterverfolgungen. Zum erstenmal warf damit ein Mitglied der spanischen Kirchenhierarchie dem Regime des Caudillo vor, das Konkordat verletzt zu haben.

Aufgebracht drohte der Militärgouverneur von Madrid, General Carlos Iniesta Cano: »Ich glaube, daß die Regierung ... die passende Antwort geben wird.« Und in Bilbao tönte die falangistische Abendzeitung »Hierro« ("Waffe"): »Ein Nein den politischen Pfaffen.«

Nun mochte auch der von seinen Priestern belagerte Bischof Gúrpide in Bilbao nicht länger schweigen. »Wir befinden uns in einer Zeit totalen Nachdenkens«, zitierte er Papst Paul VI. und präsentierte die erste Frucht bischöflicher Selbstbesinnung: Er verweigerte der Regierung sein Einverständnis, 66 geistliche Unterzeichner eines offenen Briefes gegen das Regime vor Gericht stellen zu lassen.

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