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AIDS-KLINIK Passiert bald

Im holsteinischen Elmshorn planten dubiose Heilkundige Deutschlands erste Spezialklinik für Aids-Kranke. *
aus DER SPIEGEL 12/1987

Die Idee schien genial: Weil die Arbeitslosigkeit den Stadtoberen im südholsteinischen Elmshorn zu schaffen macht, gedachten sie sich des demnächst leerstehenden Kreiskrankenhauses auf originelle Weise zu entledigen. Unternehmen, die mehr als 100 Arbeitsplätze schaffen würden, sollten den Backsteinklotz nebst 2,2 Hektar Park zum Nulltarif beziehen können. Doch die Offerte, Mitte letzten Monats verkündet, hat den Stadtvätern bisher nur Kummer eingebracht. Drei Wochen lang tobte in der Krückau-Stadt der Aids-Sturm.

Nur einen Tag nachdem »Bild«-Reporter über den Plan berichtet hatten, zogen sie den neuen Betreiber der Klinik aus dem Hut. Der Karlsruher Heilpraktiker Dr. jur. Willy Blumenschein, so meldeten sie, wolle die Gebäude in die »erste deutsche Spezialklinik« für Aids verwandeln, mit Naturheilmitteln sollte dort »Todkranken« geholfen werden.

Die »Hamburger Morgenpost« nannte Anfang März den Rest der Klinik-Planer, den Schweizer Allgemeinmediziner Dr. Josef Roka und den Biochemiker Rudolf-Erich Klemke aus Öhningen am Bodensee. Im Zürcher »Holiday Inn« ließ sich »Morgenpost«-Mitarbeiter Dirk C. Fleck von dem Trio überzeugen, daß es eine »Therapie gegen die Immunschwäche« gebe.

Hinter den Kulissen hatte sich da Heilpraktiker Blumenschein schon mit einem anderen Anwärter auf das Aids-Projekt geeinigt: der Münchner Anlagenfirma Wert-Invest, die sich noch vor Blumenschein bei den Elmshorner Stadtvätern gemeldet hatte.

Unter den Bürgern machte sich schon nach der ersten »Bild«-Schlagzeile ("320 Aids-Kranke nach Elmshorn?") Unruhe breit. Bei einem Hearing, zu dem die Klinik-Aspiranten aus dem Süden angereist waren, kam es Ende vorletzter Woche zu turbulenten Szenen. Doch die Aufregung der Städter erwies sich als unnötig. Weder das Blumenschein-Team noch die Münchner Abschreibungsunternehmer hatten bei ihren Bewerbungen mit einem diskussionswürdigen Klinik-Konzept aufwarten können.

Um so vollmundiger äußerten sich die Mitglieder des Heiler-Trios zum Thema Aids. Mit den Mitteln der »biologischen Medizin« wollen Blumenschein und Co. schon jetzt geschafft haben, was Aids-Forschern weltweit bislang versagt blieb: Erfolg gegen das Immunleiden.

Die »Mehrzahl« der Infizierten, glaubt Heilpraktiker Blumenschein, wäre zu retten, wenn ihnen mit »natürlichen Heilmitteln« frühzeitig geholfen würde. Die Schulmediziner behandelten erst, wenn die Krankheit schon ausgebrochen sei. Blumenschein: »Bis zum Aids-Vollbild findet keine Therapie statt.«

Der Heilpraktiker, nach eigenen Angaben Koordinator eines »Arbeitskreises für Systemische Aidstherapie«, baut auf einschlägige Erfahrungen seines Schweizer Mitstreiters Roka. Mit »Carziviren«, einem in Westdeutschland nicht zugelassenen Pflanzenextrakt, will der Allgemeinmediziner aufregende Behandlungsergebnisse bei Aids-Kranken erzielt haben. Doch das Wundermittel hat Tücken. Nur Roka und Blumenschein kennen die Zusammensetzung der aus verschiedenen Gräserarten gewonnenen Mixtur. Einzelheiten, so Blumenschein, könne der Erfinder »aus Gründen des Know-how-Schutzes nicht nennen«.

Einige der verwendeten Gräser wie Osterluzei und Sonnenhut, soviel verrät Blumenschein, wirkten in hoher Konzentration krebserregend. Die meisten der Rokaschen Aids-Patienten werden zudem noch nicht länger als vier Monate mit dem Gräserextrakt behandelt.

Anerkannte Aids-Experten wittern hinter solchen Wundermitteln wie Klinik-Projekten die »pure Geschäftemacherei«. »Aids gehört nicht in den Hinterwald«, kommentiert der erfahrene Frankfurter Aids-Therapeut Professor Wolfgang Stille. Mit »gefährlichen Phantasie-Therapien«, so der Experte, würden die Infizierten und Verängstigten »nur gemolken«. Die Aids-Therapie, so auch Bundesärztekammer-Präsident Karsten Vilmar, sei »zu schwierig«, um sie medizinischen Laien zu überlassen.

Mit der Behandlung von bisher zehn Aids-Patienten hat sich Heilpraktiker Blumenschein ohnehin schon über die Grenzen seines Faches hinweggesetzt: Heilpraktiker, so Professor Stille, dürfen laut Gesetz Infektions- und Geschlechtskrankheiten nicht behandeln. Wer solche Kuren mache und dabei unter Umständen Mittel einsetze, die noch nicht klinisch geprüft seien, erfülle die »Kriterien des Betruges« und müsse vom Staatsanwalt verfolgt werden.

Eine »ganz klare Vetternwirtschaft« vermutet dagegen Wert-Invest-Sprecher Thomas Schröpfer hinter solchen Behauptungen der Schulmediziner. »Die haben Angst«, sagt er, »daß ihnen was weggenommen wird.« Doch auch den schillernden Kaufleuten aus München war die Liaison mit Blumenschein von Anfang an gegen den Strich gegangen. Per Telephon hatten sie versucht, den Heilgewerbler aus dem Elmshorner Projekt herauszuboxen.

Das ist seit Anfang letzter Woche nicht mehr nötig. Aus »grundsätzlichen gesundheitspolitischen Gründen« entschieden sich die Stadtoberen in Elmshorn ein für alle Mal gegen eine Aids-Klinik in ihrer Gemeinde. Weder Blumenschein noch Wert-Invest, so hatte Bürgermeister Dr. Dietmar Lutz der Vertreterin einer Bürgerinitiative schon zuvor wütend erklärt, würden die Klinik bekommen, dafür werde er sorgen.

Aber der Plan von der ersten deutschen Aids-Klinik ist noch nicht begraben. Was den Aids-Kranken in Elmshorn erspart geblieben ist, will Blumenschein demnächst in der Schweiz aufziehen. An einem Standort in Süddeutschland, Italien oder der Schweiz wollen auch die Münchner Unternehmer vollendete Tatsachen schaffen.

Ein Flop wie in Elmshorn, so Firmensprecher Schröpfer, »passiert kein zweites Mal«. Den Klinik-Coup wollen die Unternehmer bald landen. Schröpfer: »Das kann in zwei Monaten, aber auch schon in zwei Wochen passieren.«

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Wert-Invest-Geschäftsführer Golle, Sprecher Schröpfer; Roka, Klemke, Blumenschein.

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