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PATIENT NR. 2 306 914

aus DER SPIEGEL 2/1961

1. Tag. 9.07 Uhr. Miss. Nichols ist zierlich, brünett und »well adjusted«. Das heißt, sie hat jene Eigenschaft, die heute in Amerika zu den höchsten Gütern der Nation zählt. Sie sei eine ausgewogene Persönlichkeit, würde man in Europa sagen: Ein ausbalanciertes Innenleben ermöglicht ihr, anmaßenden Patienten gegenüber den gleichen Blutdruck zu bewahren und selbst schrillen Kunden mit dem eingebügelten Lächeln einer deutschen Fernseh-Ansagerin zu widerstehen.

Dank dieser hochgeschätzten und wohldotierten Eigenschaften steht Miss Nichols hier: hinter dem Walnußholztresen in der Empfangshalle der weltberühmten Mayo-Klinik, Rochester, Bundesstaat Minnesota, USA. Die Szenerie atmet die klima-regulierte Gediegenheit einer modernen Großbank. Drehtüren aus rostfreiem Stahl schaufeln die Patienten in die Empfangshalle - oder sie tauchen wie U-Bahn -Fahrgäste aus dem unterirdischen Gänge-Labyrinth auf, das die Klinik mit den Hotels und Krankenhäusern verbindet.

Der Patient aus Deutschland vermißt das traute Panorama heimischer Kliniken, die drallen Schwestern mit Nackenknoten, die tailliert weißbemantelten Ärzte, die Patienten in Anstaltshemden und Morgenröcken, die auf den Korridoren herumlungern. Und er vermißt vollends den porenfüllenden Mief aus Sagrotan und schalem Essen, der hinter den Portalen deutscher Kliniken die Schleimhäute attackiert.

Statt dessen: eine Halle - oder: Foyer - mit Wänden aus italienischem Marmor und Walnußtäfelung, indirekt beleuchtet und belüftet, wie die Filiale der First National Bank ein paar Straßenzüge weiter unten. Man schreitet über schalldämpfende Terrantino-Platten. Niemanden könnte es verwundern, wenn aus verborgenen Lautsprechern muskellockernde Streichmusik herabrieseln würde - wie sonst überall in Amerika, in den Kaufhäusern, Drugstores, Hotelhallen und sogar Fahrstühlen. Zwecks Erzeugung von »atmosphere«.

Rückblende: Vor einigen Tagen hatte ich mich brieflich zu einer Generaluntersuchung, einem check-up«, in dieser riesigen Diagnose-Fabrik angemeldet. Die Mayo-Klinik antwortete, in einem Umschlag, der diskret den Absender verschwieg und nur eine unverfängliche Straßenadresse in Rochester trug. Darinnen lag ein Fragebogen betr. Personalien, ein Freiumschlag zum Zurücksenden desselben, auch eine kleine gelbe Karte, die mich hieß, am Dienstag, »sobald wie möglich nach neun Uhr morgens«, in der Empfangshalle vorzusprechen. Ferner: Ein »Patient's Guide to the Mayo Clinic«, ein Baedeker mit detaillierten Erläuterungen auf 16 Seiten sowie ein Zettel mit Auskünften über Eisenbahnlinien, Busverbindungen und Flugdienste.

Schon auf dem Flughafen von Chicago, als ich in die DC-4 nach Rochester kletterte, erwies sich die Nähe der Klinik, obwohl noch gut 500 Kilometer zu fliegen waren: Eine junge Dame mit Krücken, ein Jüngling mit bandagiertem Ohr und ein Mann im Stützkorsett mit Kinnstütze (wie weiland Erich von Stroheim in »La Grande Illusion") hockten schon in der Kabine.

Auf dem kleinen Flugfeld von Rochester verriet sich auch dem Uneingeweihten, welcher Art die Fremden-Attraktion des Präriestädtchens ist. In einer Ecke lagerten zusammengeklappte Rollstühle für gelähmte Fluggäste, aus der Maschine, die mich hergebracht hatte, wurden behutsam gelbe Kartons ausgeladen: »Human whole Blood«, stand in schwarzen Lettern darauf, Blutkonserven für die Blutbank der Klinik. - Ende der Rückblende.

Miss Nichols nimmt meine Reportkarte entgegen wie ein Blumenbukett. Mein Name, meine Adresse sind längst registriert. Aus einem Karteikasten fischt die brünette Wohladjustierte einen gelben Umschlag, dem ich entnehmen kann, daß ich Patient Nr. 2 306 914 der Mayo-Klinik bin. Ein Aufdruck besagt, daß ich mich am Schalter E im zehnten Stockwerk zu melden habe. Aufgedruckt die Namen der Ärzte, die in dieser Abteilung tätig sind. Dauer der Empfangsformalität: 20 Sekunden. Miss Nichols entläßt mich mit preiswürdigem Lächeln in den pfirsichfarbenen Fahrstuhl, in dem schon ein mürrischer Cowboy lehnt - tatsächlich mit blue jeans, breitkrempigem Stetson und hochhackigen Sporenstiefeln. Sein Pferd steht wohl auf dem Parkplatz.

9.09 Uhr. Schalter E, zehnte Etage, dahinter Mrs. Paulsen, davor lange Stuhlreihen, in denen schon ein, paar Dutzend Patienten - strickend, dösend, lesend - warten. Ein Steckkartensystem verrät Mrs. Paulsen auf einen Blick, daß bereits alle Ärzte dieser Abteilung - und das sind immerhin dreizehn - bis Mittag ausgelastet sind. »Kommen Sie bitte um halb drei wieder.«

14.30 Uhr. Schalter E, zehnte Etage. Etwa 200 Leute warten in den weißledernen Sesseln, die wie in einem Omnibus hintereinander aufgereiht stehen. Hin und wieder tauchen Schwestern auf, keine vom milchbleichen Typ »Evangelisches Diakonissenhaus«, eher Typ »All American Female«, braungebrannt und einbalsamiert mit Max Factors Essenzen. Sie rufen einzelne Patienten auf und entführen sie in einen Gang, der durch eine Art spanischer Wand abgeschirmt ist.

Die Halle ist fensterlos und vorbildlich ventiliert. (Rauchen ist nur in eigens eingerichteten »Rest rooms« gestattet.) Zu meiner Rechten blicken von einem riesigen Wandgemälde - Marke: Modern Art - Dschingis Khan und Montezuma auf mich herab. Nicht vorstellbar, daß hier Leute anderen Leuten ins Rektum schauen. Eher denkbar, daß ein Lautsprecher den Wartenden verkündet: »Pan American gibt die Ankunft ihres Clippers ...«

14.42 Uhr. Aufgerufen. Die Schwester führt mich einen himbeerfarbenen Korridor entlang (zur besseren Orientierung in diesem Mammutgebäude ist jeder Korridor in einer anderen Farbe gestrichen), von dem die Untersuchungszimmer abzweigen. Sie sind alle gleich ausgestattet: etwa drei mal fünf Meter groß, helle Holztäfelung bis zu halber Wandhöhe, Schreibtisch, blauer Ledersessel (für den Arzt), blaue Ledercouch (für den Patienten), ein holzbeschlagener, linnenbezogener Untersuchungstisch (holzverkleidet, damit er besser zur Innenausstattung paßt, wie dem Besucher versichert wird). Auskleide-Ecke, Waschbecken. Hier war ein Innenarchitekt an der Arbeit.

14.43 Uhr. Dr. Martin, ein »Fellow« (so heißen hier die jungen Assistenzärzte) in hellblauem Sportsakko mit bunter Schleife und dem glatten Gesicht eines Collegeboys. Well adjusted. Er füllt den vorgedruckten Fragebogen aus, der meine Krankengeschichte enthalten wird. Krankengeschichte?

Nach zwanzigminutigem Quiz: »Bitte frei machen« - aber nicht nur das notorische »Kassendreieck«, das entsteht, wenn der deutsche Mensch die obersten drei Hemdknöpfe öffnet, damit sein Medizinmann ihm das Stethoskop einmal rituell an die Brust drücken kann. Dr. Martin reicht mir einen überdimensionalen Latz, der um den Hals zu binden ist und die Vorderfront bis zu den, na, Schenkeln bedeckt, nach Bedarf aber auch gelüftet und nach hinten geworfen werden kann.

Die nächsten dreißig Minuten: Abgehorcht, befühlt, beklopft. Gemessen, gewogen (und zu leicht befunden). Behämmert (wegen der Reflexe). Blutdruck, Mund, Ohren, Augen, Nase - vom Scheitel bis zur nackten Sohle. Alle Instrumente, die dafür erforderlich sind, hängen griffbereit an der Wand neben der Untersuchungspritsche.

Doch das ist erst das Vorspiel. Dr. Martin zeichnet für einen der verantwortlichen Staff doctors den weiteren Untersuchungskurs im groben vor.

15.32 Uhr. Dr. Martin ab. Auftritt Dr. Giuliani, einer der dreizehn Staff doctors dieser Abteilung. Er wird »mein Doktor« sein, verantwortlich für die Untersuchungsführung, die Diagnose und die Behandlung, eine Art »Hausarzt« für den Patienten Nummer zweimillionendreihundertsechstausendneunhundertundvierzehn. Dr. Giuliani scheint aus dem gleichen Erbgut geformt zu sein wie Dr. Martin. Nur trägt er statt der Schleife eine normale Krawatte.

Er studiert die von Dr. Martin niedergelegten Befunde, die Behandlungsvorschläge, stellt Rückfragen zu den Kernpunkten und beginnt die gleiche Routine noch einmal von vorn. Komplette Untersuchung (siehe oben). Während er mich abhorcht, tönen aus einem Wandlautsprecher geheimnisvoll verschlüsselte Botschaften, etwa: »two eight one line three«. So ähnlich klingen in der Pilotenkanzel eines Flugzeugs die Anweisungen der Bodenleitstelle. Hier sind es Nachrichten für die Ärzte, von denen jeder nicht mit Namen, sondern mit einer Ziffernkombination gerufen wird. Sie müssen, für dringende Fälle, jederzeit in diesem Mammutbau zu erreichen sein.

16.38 Uhr. Nach fast zwei Stunden bin ich in den Wartesaal entlassen. Dr. Giuliani hat entschieden, daß außer den üblichen klinischen Tests - Blutfarbstoffgehalt, Blutkörperchenzählung, Wassermannscher Reaktion, Harn-Analyse und Röntgenuntersuchung der Lunge - denen jeder Mayo-Klinik-Besucher unterschiedslos unterworfen wird, sicherheitshalber ein paar Röntgenaufnahmen gemacht werden sollen: Lunge, Magen, Gallenblase, Nebenhöhlen. Ich soll den Hals-Nasen-Ohren -Mann aufsuchen und, wegen zerschundener Haut, den Dermatologen. Dr. Giuliani hat auf dem Fragebogen die entsprechenden Felder angekreuzt, die Schreibarbeit ist auf ein absolut unvermeidbares Minimum reduziert.

In der Halle warte ich darauf, daß die Mädchen der zentralen Buchungsabteilung die nötigen Termine zusammenstellen, einen Fahrplan, der mich durch die verschiedenen Stationen führt. Für die Harn-Analyse, die unter anderem Hinweise auf Zuckerkrankheit, ein Nierenleiden oder eine Leber-Erkrankung geben kann, bekommt jeder Patient einen Pappbehälter, an dessen Deckel als Anhängsel ein Formular hängt: darauf (bereits gedruckt) der Name des Patienten, Nummer, Anschrift und genaue Instruktionen. Das Formular enthält auch Felder, in die eine technische Assistentin mit geringem Schreibaufwand die Untersuchungswerte eintragen kann.

An Autofahrer ist - wie überall in Amerika - gedacht: Falls der Patient am nächsten Morgen, wenn die Harnprobe abzuliefern ist, per Automobil anfährt, aber in der Klinik sonst weiter keinen Termin wahrzunehmen hat, braucht er nicht erst auf den Parkplatz. Er kann sein Tütchen aus dem Wagenfenster hinaus dem »Doorman« reichen. So steht's gedruckt in kleiner Type.

17.42 Uhr. Mein Name wird aufgerufen. Mrs. Paulsen händigt mir sieben Umschläge aus: mein Programm für die nächsten zwei Tage. Jeder Umschlag enthält einen Aufdruck, etwa:

- Magen-Röntgenaufnahme. Bitte begeben Sie sich in das Mayo-Gebäude, dritter Stock, Westflügel, und zeigen Sie diesen Umschlag am Schalter West 3 vor. Untersuchungszeit: Donnerstag, 10.15 Uhr. Anweisungen für den Patienten: 1. Am Untersuchungstag nichts essen und trinken, bis die Röntgenaufnahme beendet ist. 2. Während einer Stunde vor der Untersuchung nicht rauchen und keinen Gummi kauen.

Manche Anweisungen sind viel komplizierter, aber klar und komplett, Rückfragen hinfällig. Auf jedem der Umschläge stehen (mit der Adressiermaschine gedruckt) Name, Anschrift, Geburtstag, Tag der Untersuchung.

2. Tag. 8.30 Uhr. Dr. Knock, die literarische Figur eines medizinischen Raffkes aus Frankreich ("Dr. Knock läßt bitten"), der einer ganzen Kleinstadtbevölkerung suggerierte, mehr oder minder gefährlich erkrankt zu sein, hatte auf dem Höhepunkt seiner Karriere eine triumphierende Vision. Als die Abendglocken läuteten, monologisierte er vor einem Besucher angesichts der erleuchteten Stadt etwa wie folgt:

»Stellen Sie sich vor: In Hunderten von Haushaltungen werden jetzt Pillen geschluckt, Tropfen genommen, Dämpfe inhaliert. Punkt acht Uhr wird in Hunderten von Familien ein Klistier verabfolgt. Das alles - mein Werk!«

In Rochester ist Dr. Knocks Phantasiebild - wenn auch unter anderen Vorzeichen - immerhin teilweise Wirklichkeit geworden. Als ich mich um 8.30 Uhr in Marsch setze, um weisungsgemäß meinen Pappbehälter abzuliefern, bewegen sich, wie bei Schichtwechsel Arbeiter zum Fabriktor, aus allen Richtungen Menschen auf die Drehtüren der Mayo-Klinik zu. Da die Harnproben bis spätestens halb neun Uhr morgens abgeliefert werden müssen und da alle Patienten rigoros der Labor-Routine unterworfen werden, strömen Papiertütenträger aus allen Straßenzügen hervor, um sich ihrer Pflicht und ihres Untersuchungsstoffes zu entledigen. Ein Buick kurvt heran, stoppt, ein Seitenfenster surrt automatisch herunter, eine Dame streckt dem heraneilenden Portier an zwei Fingerspitzen graziös eine braune Tüte entgegen: die Drive-In-Harnprobe, selbst für Amerikaner kein alltäglicher Anblick.

Eine der Karikaturen über die Arbeitsweise der Mayo-Klinik zeigt ein Fließband voller Patienten, das an Spezialärzten zwecks Inspektion vorbeirollt. Die Zeichnung wird in Rochester als böswillig empfunden - aber: Der Künstler scheint hiergewesen zu sein. »Melden Sie sich am Schalter 381 West«, steht auf einem der Umschläge, die man mir gestern ausgehändigt hat. »Röntgenaufnahme der Gallenblase«. 3. Stock. Eine lange Reihe gleicher Kabinen wie im Strandbad. Also doch: Streichmusik perlt leise aus einem verborgenen Lautsprecher. Ausziehen, Latz um, rein, Kopf bitte nach rechts, Atemanhalten, Aufnahme Nr. 1 - Nr. 2 - Nr. 3. »Thank you«, raus, Kabine, ankleiden.

Was sagt der nächste Umschlag? »Melden Sie sich bitte um 9.15 Uhr im Plummer-Gebäude (gegenüber dem neuen Klinik-Wolkenkratzer), 1. Stock.« Dort: »Nehmen Sie bitte auf einem der roten Sessel Platz.«

9.16 Uhr. Aufgerufen mit vier anderen. Behandlungszimmer, drei Mädchen, eine schreibt und stempelt. Die anderen zapfen: »Ihren linken Zeigefinger bitte«, Jod, Einstich, Blut, Watte, »Danke«, raus. »Nehmen Sie bitte in einem der grauen Sessel Platz.«

In den grauen Sesseln sitzen schon etwa hundert Menschen in der gleichen Haltung: einen Wattepfropfen auf dem Zeigefinger der linken Hand - wie ich. Von rechts leuchtet ein Schild herüber. »Blood Bank« - Blutbank. Mein Sessel-Nachbar erzählt mir beeindruckt, wie es ihm bei der Sitzung für die Stuhl-Untersuchung erging. Auch dort Kabine neben Kabine. »Ehe man sich versieht ...«, sagt er.

9.21 Uhr. Aufgerufen mit vier anderen. Kleines Wartezimmer. »Wurden alle bitte die Jacketts ablegen und den linken Hemdärmel hochrollen? » Ein zweites Zimmer: drei Mädchen - eines stempelt eine Karte, ein anderes schwingt schon einen jodgetränkten Wattebausch und tupft über die Vene, sobald ich mich auf den Blutentnahmetisch gestreckt habe (mit abreißbaren Papierservietten am Kopfende, wie beim Friseur). Das dritte hält längst die Kanüle in Bereitschaft. Einstich, Watte, Verband, »This way out«. Das hat mal 30 Sekunden gedauert.

Wer erlebt hat, wie mancher Assistenzarzt mit Schweißtropfen auf der Nase nach der Vene fahndet, der weiß: Die Mädchen arbeiten mit dem amerikanischen Gegenstück zur deutschen »Tüchtigkeit« - mit »Efficiency«. Hinter ihrer amerikanischen Lässigkeit verbirgt sich preußische Organisation. Hier muß der Fließband-Karikaturist tiefe Impressionen empfangen haben. Jeder Handgriff sitzt wie bei einem Pianisten, der hundertmal am Tag ein und denselben Akkord anschlägt. Ob es auch in der Medizin Refa-Leute gibt?

10.15 Uhr. Ich posiere mein Skelett für eine zweite Serie von Röntgenaufnahmen. In der Kabine rechts von mir: ein Coloured Gentleman aus Addis Abeba, in der Kabine links ein Farmer aus Indiana. Der Röntgenmann trägt seinen Namen in roter Zierstickerei auf der Brusttasche.

Am Nachmittag: Wieder Röntgenporträts, diesmal für den Hals-Nasen-Ohren-Mann, den ich morgen aufsuchen soll. Jetzt klingt flottere Musik aus dem Lautsprecher über den Wartekabinen - der Lambet-Walk. Der Röntgenmann verabschiedet mich mit dem üblichen Mayo-Gruß: »Good luck!«- Viel Glück!

3. Tag. Man hat sich schon an die Routine gewöhnt, schwimmt mit im Strom der Durchröntgten und Getesteten. Mein Fahrplan für heute beginnt um 9.15 Uhr. Besuch beim Dermatologen. Die gleiche Prozedur wie am ersten Tag - erst Befragung und Untersuchung durch einen »Fellow«, dann das Ganze noch einmal durch einen Staff doctor. Die Schwester geleitet mich stets in leere Sprechzimmer, steckt alle Unterlagen und Röntgenbilder, die sich in einem Plastik-Kuvert mit meinem Namen angesammelt haben, in einen Korb an der Tür. Ausziehen, Latz um, rein in die Papierpantoffeln (die hinterher weggeworfen werden). Fertig zur Untersuchung hocken die Patienten in den Konsultationszimmern, die Doktoren gehen jeweils von Zimmer zu Zimmer, dirigiert von einer geheimnisvollen Lichtsignalanlage, die neben jeder Tür angebracht ist. Die Untersuchung beginnt meist mit den Worten: »Dr. Giuliani sagt mir, Sie hätten Schwierigkeiten mit ...«

10.15 Uhr. Röntgenaufnahme des Magens.

13.30 Uhr. Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohren-Mann.

15.00 Uhr. Wieder bei »meinem Arzt«, Dr. Giuliani. Mein Plastik-Umschlag, der unfehlbar neben der Tür steckt, sobald ich ein Untersuchungszimmer betrete, hat sich stattlich mit Röntgenaufnahmen und Befunden gefüllt. Dr. Giuliani schiebt ein Röntgenbild unter die erleuchtete Glasplatte an der Wand: »Ihre Gallenblase - alles in Ordnung.« Weitere Bilder: »Hier Ihre Lunge - hier Ihr Magen. Alles O.K. Wir können nichts feststellen. Sie sind gut in Schuß.« Hinterher erfahre ich, daß der Arzt schon durch einen Blick auf das Kuvert feststellen kann, ob es ein Röntgenbild mit normalem oder anomalem Befund enthält. Die normalen stecken in grauen, die anomalen in gelben Umschlägen. Meine sind grau.

Auch alle Labortests sind negativ ausgefallen. Bin ich »durch«? Nein, nicht ganz. »Was Ihre Anfälligkeit für Erkältungen betrifft, so empfiehlt der Hals-Nasen-Ohren-Mann, daß wir noch eine Blutprobe machen. Er meint, es bestehe die Möglichkeit, daß Ihrem Blut ein bestimmmter Abwehrstoff fehlt. Die Möglichkeit ist sehr gering - 1 : 99 999. Trotzdem wollen wir einen Test machen, um ganz sicherzugehen.« Also: Morgen früh um 7.45 Uhr melden, zur Blut-Entnahme.

4. Tag. 7.45 Uhr. Nochmals bei den Mädchen, Blut gespendet fürs Labor.

10.23 Uhr. Augenarzt.

15.12 Uhr. Wieder Dr. Giuliani. Er blättert gemächlich in meinem Dossier. Vier Tage lang bin ich durch diesen Ärzte-Silo getrottet, von Etage zu Etage, von Konsultation zu Konsultation. Dreimal habe ich auf das Frühstück verzichtet und statt dessen Kontrastbrei geschluckt. Man hat mich behorcht, befühlt, beklopft, meine Reflexe getestet, meine Knochen examiniert und meine weißen Blutkörperchen gezählt. Man hat mich mit Röntgenstrahlen durchbohrt, mir Atropin auf die Augäpfel geträufelt, in die Ohren geleuchtet und meine Nase durchspült. Man hat meine Mandeln inspiziert, meine Zehen und meine Iris. Man hat gegen meine Knie und gegen meine Fußgelenke gehämmert. Man hat den Zuckerspiegel in meinem Blut bestimmt und den Harn auf Eiweiß geprüft.

Was ist das Resultat dieser Mühsal? Dieses Einsatzes raffiniertester diagnostischer Methoden?

Dr. Giuliani, Facharzt für Innere Medizin, Hausdoktor des Patienten Nr. 2 306 914, studiert noch einmal die Ergebnisse, setzt sie zu einem Bild zusammen. Patient Nr. 2 306 914 scheint seine diplomierten Fachkenntnisse nicht zu strapazieren. Sein Fazit: »0. B.« - Freude der Präventiv-Medizin! Es klingt fast wie eine Entschuldigung: »Man muß oft schon eine ganze Menge anstellen, um herauszufinden, daß jemand nichts hat.« Er unterzeichnet mein »dismissal slip«, den Entlassungsschein. Bin ich nun »durch«? Dr. Giuliani: »Noch nicht ganz.« Auf meinem Entlassungsformular steht: »Bitte begeben Sie sich zum Schalter Ost 1 im Erdgeschoß und zeigen Sie diesen Schein vor.«

Schalter Ost 1 ist die letzte Etappe: die Kasse. Zwölf Boxen nebeneinander. Davor die obligaten Wartesessel. Die Entlassenen werden einzeln aufgerufen.

16.48 Uhr. »Ihre Rechnung beläuft sich auf 242 Dollar. Wollen Sie gleich zahlen oder später?«

Um Himmelswillen, gleich!

Untersuchungszimmer

Wartesaal

Mayo-Souvenir

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