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HOCHSCHULEN Pauker und Trompeter

An den westdeutschen Hochschulen für Kunst und Musik wird ein versteckter Numerus clausus praktiziert -- mit rechtlich umstrittenen Prüfungen und fragwürdigen Aufnahmekriterien.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Wenn der Student Klemens Gresch an das westdeutsche Bildungswesen denkt, empfindet er »massiven Ärger«. »Da hat man«, schimpft er, »ja objektiv kaum eine Chance.«

Sein subjektives Urteil bezieht der angehende Bildhauer aus Erfahrungen, die er mit Hochschulen in der Bundesrepublik gemacht hat. Bei insgesamt vier Immatrikulationsversuchen wurde er abgewiesen, dreimal in Frankfurt, einmal in Hamburg.

Gresch, der nach seinen Mißerfolgserlebnissen nach Italien ausgewichen ist, gehört zu den knapp 10 000 angehenden Künstlern, die sich Jahr für Jahr um die Aufnahme an eine der 25 westdeutschen Kunst- und Musikhochschulen bewerben, und zur Mehrheit jener Kandidaten, die keinen Studienplatz erhalten: Von den 10 000 Bewerbern werden 7000 abgewiesen.

Wer in der Bundesrepublik Kunst oder Musik studieren will, muß, je nach Hochschule und Fach, mit Ablehnungsquoten zwischen 50 und 90 Prozent rechnen aus gutem Grund, wie Hochschullehrer bedeuten: Nach dem »Künstlerbericht« der Bundesregierung müssen 42 Prozent aller Maler und Bildhauer und 52 Prozent aller Musikpädagogen mit Bruttoeinkommen unter 12 000 Mark pro Jahr auskommen. Die Ausbildungschancen für Pianisten und Plastiker, Pauker und Trompeter, Maler und Designer sind noch geringer als jene für Biologen, Psychologen und Pharmazeuten.

Von den 148 Bewerbern, die im vergangenen Wintersemester an den Fachbereich VI der Berliner Hochschule der Künste drängten, wurden nur 17 angenommen. Von 135 Kandidaten, die sich an der Essener Folkwang-Hochschule für das Fach Schauspiel angemeldet hatten, wurde gerade ein Dutzend zugelassen. An Hamburgs Hochschule für bildende Künste durften sich im Wintersemester 1977/78 von 257 Bewerbern 21 für den Fachbereich »Freie Kunst« immatrikulieren, an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sich für das kommende Wintersemester 569 Interessenten bewarben, können nun 68 ihr Studium aufnehmen.

Mit einem im westdeutschen Bildungssystem einmaligen Zulassungsverfahren wird nach vorwiegend subjektiven Gesichtspunkten einer großen Mehrheit von Bewerbern der Zugang zum Studium versperrt. Und statt der Auswahl von Talenten zu dienen, wirkt es in zahlreichen Fällen, wie Ministerialrat Klaus Bessey vom baden-württembergischen Kultusministerium einräumt, »wie ein unkontrollierbares Selektionssystem«.

An der Kölner Musikhochschule, wo sich für das kommende Wintersemester rund 600 Bewerber angemeldet haben, sind die Professoren »selbst immer ganz erstaunt«, berichtet Ministerialrätin Ursula Sonderkamp vom

nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium, daß sie genau »so viele Talente« entdeckt haben, »wie freie Plätze« verfügbar sind.

Während die Kapazitäten der sogenannten Numerus-clausus-Fächer wie Medizin und Pharmazie zwischen den Bundesländern ausgehandelt und die Studienplätze von der Dortmunder Zentralstelle verteilt werden, sieben die Kunst- und Musikhochschulen in eigener Regie und nach Grundsätzen, die, urteilt sogar der Chef der Hamburger Kunsthochschule, Professor Carl Vogel, »weder rational beschreibbar noch objektiv überprüfbar« sind.

Was Kunstprofessor Vogel für unbeschreiblich hält, ist die »besondere künstlerische Befähigung«, die alle Kandidaten anstelle oder neben der Hochschulreife nachweisen müssen -- Musiker durch Vorspiel, bildende Künstler mit eingereichten Werken. Hinzu kommen, je nach Fach und Hochschule, Aufnahmegespräche oder praktische Klausuren. »Bei der Beurteilung«, empfand der Bewerber Gresch, »ist der Willkür Tür und Tor geöffnet.«

Denn unter künstlerische Befähigung kann dieses und jenes fallen. Da mag, unkt Vogel, »ein Handballprofi mit 'nem guten Wurf durchkommen, der drei Hände Farbe auf die Leinwand knallt«; da würde aber andererseits, so der Kunsthochschul-Chef, »sicher mancher unserer Professoren die Aufnahmeprüfung nicht schaffen«.

Zwar bemühen sich die meisten Akademien, vage Auswahlkriterien zu konkretisieren. Doch was beispielsweise unter den in Düsseldorf geprüften Qualitäten »Motivation und Intensität«, »Phantasie« und »differenzierte Beobachtung« genau zu verstehen ist und wie sie zu Buche schlagen sollen, bleibt dann doch Geschmackssache -- und sieht, wie der Justitiar der Berliner Kunsthochschule, Achim Kunz, beobachtet, »manchmal schon sehr willkürlich aus«.

Entscheidend kann, so der Hamburger Kunstprofessor Vogel, »schon die Stimmung des Lehrers« sein. Bei Malern ist die Auswahl der vorgelegten Bilder, bei angehenden Pianisten die Tagesform von Belang. Der eine Prüfer läßt »Teestubenexistenzen, die einen verblasenen Impressionismus malen (so der Kasseler Kunstdidaktiker Wolfgang Kemp)«, durchfallen, ein Musikprofessor hält schon »jeden für ungeeignet, der nicht mindestens einen Künstler der Gegenwart kennt«. Kaum verwunderlich denn auch, daß schon mal ein Genie durchfällt, wie 1898, als die Münchner Akademie den Expressionisten Paul Klee wegen mangelnder »Übung im Figürlichen« ablehnte.

»Wir sprechen«, formulierte deshalb der Fachschaftsrat Pädagogik der Hamburger Kunsthochschule für viele, »dem Aufnahmeausschuß jedes Recht ab, aufgrund persönlicher Vorlieben oder Abneigungen -- andere Kriterien gibt es bekanntlich nicht -- Bewerber abzulehnen«; eine Auffassung, die prominente Hochschullehrer wie beispielsweise der ehemalige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, Joseph Beuys, vertreten.

So erscheinen Begabungstests einer stets wachsamen Schar von Studenten und Kandidaten als Steuerungsinstrumente gegen den Massenandrang künstlerisch interessierter Jugendlicher. Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof hat diese Vermutung schon bestätigt: In einer Auseinandersetzung zwischen drei angebenden Kunsterziehern und der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste urteilten die Richter, der »subjektive Gesichtspunkt der Eignung der Bewerber« habe als »Hilfsmaßstab« für eine numerische Auslese gedient und sei mithin eine unzulässige »objektive Zulassungsbeschränkung«; die abgelehnten Kandidaten mußten zugelassen werden.

In West-Berlin hat sich die Zahl solcher Verfahren seit 1975 schon verdreifacht: Immer mehr abgewiesene Bewerber, die sich für talentierter halten, als ihre Prüfer glauben, versuchen es mit einer Klage.

Zwar rechten die Richter nicht über künstlerische Begabung. Ihnen reichen oft formale Prüfungsumstände, um Professoren-Befunde zu annullieren. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin, das die Entscheidung der Hochschule der Künste gegen einen Bewerber überprüfte und aufhob, wären auch die Zulassungsordnungen anderer westdeutscher Hochschulen rechtswidrig.

Anfechtbar sind danach solche Entscheidungen, bei denen Studenten in der Prüfungskommission mitgewirkt haben, was beispielsweise in Hamburg der Fall ist. Als rechtlich bedenklich gelten auch jene Ablehnungsbescheide, die nicht detailliert begründen, wieso es den Bewerbern an Talent fehlt. Kurzmitteilungen, die beispielsweise in Kassel verschickt werden, reichen nicht hin.

Bei so viel Rechtsunsicherheit versuchen manche Hochschulen die richterliche Überprüfung ihres Zulassungsverfahrens möglichst zu vermeiden. Und so kommt es schon vor, wie der Justitiar einer Hochschule weiß, daß ein zunächst abgewiesener Bewerber, »der mit einer Klage droht, dann stillschweigend aufgenommen wird«.

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