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NACHRUF PAUL VON LETTOW-VORBECK 20.III.1870 - 9.III.1964

aus DER SPIEGEL 12/1964

Er führte eine Kolonne schwarzer Soldaten aus dem afrikanischen Busch in das Geschichtsbewußtsein der Deutschen: Stramme Askaris, den silbernen Reichsadler vorn und den Nackenschutz hinten am Fez, marschierten im Geist der Nation noch in die Schlacht von Tanga, als sie längst den Ehrensold verzehrten, den ihnen das Reich - inzwischen der Kolonien bar - ausgesetzt hatte. Sie marschierten immer noch, als die letzten ihrer Art 1962 ein Geldgeschenk vom weißen Massa in Bonn empfingen.

Wie Mackensen, den die Russen 1945 aufstöberten, noch zur Hitlerzeit die Erinnerung an Deutschlands schwarze Totenkopf-Husaren wachhielt, kündete das Monument Lettow-Vorbeck, daß es je deutsche Neger und kaiserliche Kamelreiter gab.

Als ihre Spuren verwehten, überstrahlte der Ruhm des großen Kolonialgenerals den Krampf des deutschen Kolonial,sentiments. Die Kolonien waren unpopulär, solange Deutschland sie hatte. Erst nachdem sie verlorengegangen waren, fanden sie ihren Platz im Herzen der Nation, die sie in Atlanten konservierte und den General mit dem rechts hochgeklappten Schutztruppenhut zum Gralshüter bestellte.

Er hatte als Kadett und Thronpage jenes Wilhelm von Preußen begonnen, der die Kaiserkrone so mürrisch entgegennahm wie er die neudeutsche Trikolore in Windhuk hißte. Der Gardehauptmann Lettow verstand die Zeit besser: Er drängte aus der staubfreien Luft des Großen Generalstabs an die erste für einen Preußen erreichbare Kolonialfront - in den chinesischen Boxerkrieg -, und er reihte sich in eine Einheit ein, deren Name für Wilhelminische Weltgeltung steht: in die erste Kaiserliche Ostasiatische Infanteriebrigade.

Lettow-Vater hatte als General die Garnison auf dem altpreußischen Kolonialboden von Thorn kommandiert; Lettow-Sohn eilte, als die Boxer Ruhe gaben, in den einzigen Kolonialkrieg der neueren deutschen Geschichte, um die südwestafrikanischen Hereros fechten zu sehen. Sie fochten drei Jahre lang und Wurden von der Kaiserlichen Schutztruppe mühsam von 80 000 auf 12 000 Seelen pazifiziert.

Der heimgekehrte Lettow war damals schon Kolonialsoldat. Er verschmähte die Garde und trat in eine neumodische Truppe ein: in die Marineinfanterie.

Als der Brand von 1914 auch Afrika entflammte, bewies Lettow, seit 1913 Schutztruppenführer in Deutsch-Ostafrika, daß ein preußischer Gardeoffizier nicht nur Passion für Pferde, sondern auch Talent für mobilen Kleinkrieg in Steppe und Busch haben konnte.

Je schmutziger die Schlachten in Frankreich wurden, um so mehr erbauten sich Freund und Feind am Kavalierskrieg im fernen Afrika. Lettows Gegner, der Feldmarschall Smuts, schickte dem Deutschen den vom Kaiser verliehenen und mit einer Feldpostsendung erbeuteten Pour le mérite durch die Front.

Je mehr sich aber die Siegesgöttin von den Feldgrauen abwandte, um so mehr standen die Khaki-Soldaten Lettows für deutsche Überlegenheit gegenüber noch so zahlreichem Feind: 150 Weiße und 1200 Askaris fochten schließlich gegen 120 000 Alliierte. Lettow blieb, was Ludendorff sich erlog: im Felde unbesiegt. Die Briten glaubten, er setze böse Bienen gegen sie ein, die Afrikaner glaubten an die Heilkraft des von ihm rezeptierten Absuds aus China-Baumrinde gegen Malaria, die Deutschen glaubten, wer seine Kolonien so genial verteidige, habe auch Kolonien verdient: Als Lettow an der Spitze der Rest -Schutztruppe 1919 durch das Brandenburger Tor einzog, begannen Deutsch-Ost und Deutsch-Südwest deutscher Wahn zu werden.

Lettow-Vorbeck schlug, wie vordem Boxer und Hereros, 1919 Hamburger Spartakisten nieder, doch seine Schwäche auch für heimische Exoten führte ihn ins falsche Lager. Er putschte mit Kapp und verhaftete Mecklenburg-Schwerins demokratische Staatsregierung. Die Safari endete mit der Pensionierung des Generals.

Fortan reiste er für Kolonial -Vereinigungen über Land, und schließlich schmetterten die Jugendbünde von Weimar wie Hitlers Pimpfe den Sang von Träger und Askari. Der alte Afrikaner war damals schon Geschichte. Er prostete auf Kameradschaftsfesten den wenigen noch lebenden Marineinfanteristen seines Kaisers zu und betrat Afrika erst wieder als 83jähriger Tourist.

Alte Askaris huldigten ihm, britische Frontkämpfer ließen ihn hochleben, und an den Lagerfeuern von Mozambique und Njassaland raunte man, der legendäre Weiße pirsche wieder durch den Busch.

Aber in Deutschland merkten viele erst, als er starb, daß er noch gelebt hatte.

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