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Briefe

Pauschale
aus DER SPIEGEL 48/1971

Pauschale

(Nr. 47/1971, SPIEGEL-Interview mit Professor Nipperdey)

in seinem Interview mit dem SPIEGEL wiederholt Professor Nipperdey ein weiteres Mal die alte These der »Notgemeinschaft«, die Berliner Hochschulreform habe zu einem Leistungsabfall an der Freien Universität geführt. Wer erwartet hat, daß es zumindest den SPIEGEL-Redakteuren gelingen würde, Professor Nipperdey die Belege für seine forsch verkündeten Vorwürfe abzuringen, wurde enttäuscht. Historiker Nipperdey blieb im Pauschalen. Er konnte auch nicht konkreter werden, denn die verfügbaren Zahlen über die Effizienz der FU widersprechen seinen Vorwürfen.

Eine Übersicht der Examina an der FU zeigt, daß heute nach kürzerem Studium bessere Examina abgelegt werden als in den Jahren 1966/67. Die Gegenüberstellung zweier Semester, des WS 66/67 und des WS 69/70 zeigt bei fast identischen Studentenzahlen (WS 66/67: 15 190 Studenten, WS 69/70: 14 591 Studenten) einen Anstieg der abgelegten Staatsexamen, Diplom- und Magisterprüfungen um 30 Prozent (von 776 Prüfungen auf 1010 Prüfungen).

Die Anzahl der bestandenen Promotionen stieg sogar um 54 Prozent: 297 Promotionen im WS 69/70 gegenüber 193 Promotionen im WS 66/67. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Studiendauer (so bei den Staatsexamenskandidaten für das höhere Lehramt von 13,2 auf 12 Semester) und stieg die Leistung bei den Prüfungen. Die durchschnittlich besseren Noten wurden nicht nur vor Prüfungsausschüssen der Universität, sondern auch beim staatlichen »Wissenschaftlichen Landesprüfungsamt« erzielt. Dessen Präsident, Dr. Kropp, hatte seinerzeit ausdrücklich erklärt, daß die Leistungsanforderungen bei den Prüfungen im Durchschnitt nicht zurückgegangen seien.

Die Vorwürfe Professor Nipperdeys gegen die Prüfungen am Otto-Suhr-Institut der FU sind jetzt durch einen umfangreichen Bericht des Vorsitzenden des Prüfungsausschusses, Professor Hartmut Jäckel, »Zur Prüfungssituation im Fachbereich 15« widerlegt worden. Am Schluß seines Berichts, der ausführlich auf die verschiedenen Vorwürfe gegen Prüfungen am Otto-Suhr-Institut eingeht, erklärt Professor Jäckel: »Der Prüfungsausschuß kann nur objektive Verletzungen der Prüfungsordnung feststellen und ahnden. Er hat solche Verletzungen in den gegen die gegenwärtige Prüfungspraxis erhobenen Vorwürfen nicht feststellen können.« Und zu der Behauptung Professor Nipperdeys, die Veränderung der Noten in den Wirtschaftswissenschaften deute darauf hin, »daß hier nicht alles in Ordnung ist«, erklärt der Vorsitzende des Fachbereichsrats des FB 10 (Wirtschaftswissenschaften) Professor Dr. Gerold Krause-Junk: »Prüfungsnoten werden vom einzelnen Prüfer festgelegt. Der Anstieg des Notenspiegels ist daher weder ein Indiz für die Verhältnisse des Fachbereichs in seiner Gesamtheit, noch besitzt der Fachbereich -- etwa durch sein zentrales Organ, den Fachbereichsrat -- die Möglichkeit einer direkten Einflußnahme auf die Notenfestsetzung. Diskutiert wurde im Fachbereichsrat und im Prüfungsamt eine mögliche Veröffentlichung des Notendurchschnitts der einzelnen Prüfer. Gerade um Fehlinterpretationen zu vermeiden, wurde jedoch aus den folgenden Gründen davon abgesehen:

1. niedrige Durchschnittsnoten sind kein Ziel an sich;

2. einzelne Prüfer -- besonders wenn sie Spezialgebiete betreuen -- mögen einen Kreis von überdurchschnittlich qualifizierten Kandidaten prüfen;

3. die in letzter Zeit geförderte Kleingruppenarbeit erlaubt eine gezieltere Examensvorbereitung;

4. Veränderungen des Notenspiegels zwischen zwei Examensterminen sind auch in der Vergangenheit aufgetreten. Aus dem Notenanstieg des letzten Termins dürfen keine übereilten Schlußfolgerungen abgeleitet werden.«

Erst in dem Zeitraum nach Verabschiedung des Universitätsgesetzes wurde auch eine andere Entwicklung gebremst: Trotz steigender Studentenzahlen in der BRD. trotz verschärftem Numerus clausus an allen Hochschulen sank die Zahl der an der FU Studierenden kontinuierlich von 15 190 im WS 66/67 auf 14 591 im WS 69/70. Im Sommersemester 1970 waren erstmals wieder mehr als 15 000 Studenten an der FU. im Sommersemester 1971 waren es bereits 17 288 Studierende, im laufenden Wintersemester sind es mehr als 18 000.

Die Berufungssituation ist -- trotz aller Unkenrufe -- ausgeglichen. Die Professorenflucht findet nicht statt. Die Bilanz der Berufungs- und Bleibeverhandlungen hat sich gegenüber 1969 verbessert: 1971 (bis 1. September) kamen zehn Wissenschaftler an die FU, neun nahmen im gleichen Zeitraum einen Ruf an eine andere Universität an. Im Jahre 1971 (bis 1. September) wurden 71 Prozent der Berufungsverhandlungen für die FU positiv entschieden (1969: 58 vom Hundert, 1970: 63 vom Hundert), und 44 Prozent der Berliner Wissenschaftler. die einen Ruf an eine andere Hochschule hatten, entschieden sich im gleichen Zeitraum, an der FU zu bleiben (1969 und 1970: 41 vom Hundert).

Insgesamt muß man feststellen, daß alle verfügbaren Fakten gegen den von Professor Nipperdey aufgestellten Vorwurf des »Leistungsverfalls« sprechen. Will man sich nicht dem Vorwurf aussetzen. statt einer Analyse ein liebgewonnenes Vorurteil in der Öffentlichkeit zu präsentieren. kann man an diesen Fakten nicht vorbeiargumentieren. Das gilt auch für Professor Nipperdey.

Berlin ROLF KREIBICH

Präsident der Freien Universität (FU)

Professor Nipperdey hat behauptet, daß im Kennedy-Institut eine Berufung von den Assistenten aus hochschulpolitischen Gründen betrieben wurde. Dazu stellen wir fest: Die Entscheidung der Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter im Institutsrat des Zentralinstituts 2, die beide keiner hochschulpolitischen Gruppierung angehören; wurde von wissenschafts-qualifikatorischen Gesichtspunkten und Erwägungen getragen, die den besonderen Anforderungen des auf Nordamerika spezialisierten Kennedy-Instituts entsprechen.

Sie haben die Einladung an Herrn Professor Winkler. für ein Semester die Vertretung einer Hochschullehrerstelle am Zentralinstitut 2 wahrzunehmen. nicht unterstutzt, weil sie in seiner an Veröffentlichungen meßbaren Fachspezialisierung wie in seinem Lehrangebot eine intensive Beschäftigung mit dem Forschungs- und Lehrgegenstand des Zentralinstituts 2 vermissen. Professor Winkler hat 1970 seine Habilitation zum Thema »Der gewerbliche Mittelstand und die deutsche Politik 1918 bis 1933« vorgelegt. Veröffentlichungen über die USA -- ein Maßstab, der für das Zentralinstitut 2 gleichfalls wesentlich sein muß -- lagen zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht vor.

Berlin HANS J. KLEINSTEUBER RENATE ROTE

Ist denn so etwas möglich: »Hieb- und stichfeste statistische Vergleiche gibt es nicht«, aber Meinungen, Annahmen und »Erzählungen« werden als Tatsachen in die Welt gesetzt. Wenigstens hier wird der Leistungsverfall einmal deutlich faßbar. Es dürfte eher den Tatsachen entsprechen, daß von den »Linken« wenigstens in den Geisteswissenschaften bei Staatsexamens-, Magister- und Promotionsarbeiten ein Standard gesetzt wurde, der wesentlich über dem liegt, was bisher üblich war. Warum wohl?

Hamburg HANS-GEORG STÜMKE cand. phil.

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