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PROFESSOREN / NOELLE-NEUMANN Pause im Fond

aus DER SPIEGEL 6/1971

Wenn Elisabeth Noelle-Neumann, 54, Professorin der Publizistik zu Mainz, dienstags über die »Geschichte der Massenmedien« doziert, wartet Chauffeur Helmut Wilke aus Allensbach vor dem Hörsaal P 2. Punkt zwölf Uhr hilft er der Chefin in den Mantel und geleitet sie zum Wagen. Im Fond ihres schwarzen Mercedes 280 SE verbringt die Publizistin die Vorlesungspause.

Kontakte mit ihren Hörern meidet Elisabeth Noelle-Neumann« wo sie nur kann. Denn »Deutschlands Befragerin Nummer 1« ("Die Zeit") wähnt sich in Mainz bedrängt von Studenten, die sich als Ihre »Gegner verstehen«, verfolgt von »Verleumdungen und Beleidigungen«. »Linksradikale Studenten«, argwöhnt sie, betreiben am Publizistik-Institut »hauptberufliche Agitation«.

Eher verschüchtert absolviert die Hochschullehrerin denn auch ihre Vorlesungen, In denen sie -- gestützt auf Forschungsergebnisse ihres privaten Allensbacher Demoskopie-Institutes -- »Methoden zur empirischen Untersuchung wichtiger publizistischer Fragestellungen« entwickeln möchte. Den vornehmlich linken Kommilitonen freilich dünkt Frau Noelles Lehre eher als »wissenschaftlicher Beistand zur ... Verdummung der Bevölkerung« -- so ein Flugblatt des Organisationsrates »Publizistik« und als Versuch, »unter dem Deckmantel der Objektivität Anpassungsjournalisten« heranzuziehen.

Tatsächlich dozierte die konservative Gelehrte und Schülerin des noch konservativeren Berliner Publizistik-Professors Emil Dovifat in den letzten fünf Jahren am Mainzer Institut vorwiegend über Umfrage-Ergebnisse und Umfrage-Methoden. Und auch im laufenden Semester geht sie in Vorlesungen und Seminaren tragen der Studenten nach dem »Lokalmonopol der Mainzer Verlagsanstalt«, den »ideologischen Gemeinsamkeiten von »Bayernkurier, und »Deutscher National-Zeitung'« und der »ideologischen Bindung der Presse an das Wertsystem der Anzeigenkunden« aus dem Wege.

Statt dessen rät die Professorin, die vor drei Jahren in einer methodisch umstrittenen Studie die Einflußlosigkeit der Springer-Presse nachzuweisen versuchte, den Studenten in Ihrer Übung »Geschichte der Massenmedien«, den Artikel 5 des Grundgesetzes »auswendig zu kennen«. Und um Kontroversen mit den Kommilitonen über aktuelle Probleme wie Pressekonzentration und Meinungsmanipulation zu entgehen, befaßt sie sich in ihrer Vorlesung mit dem »Geisterphänomen »Öffentliche Meinung«, und Klopstocks »Ode an die öffentliche Meinung«.

Die Unzufriedenheit der 212 Noelle-Hörer zumindest mit ihrem Studium scheint verständlich. Denn bei Praktikern in den Redaktionen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen genießt das Fach Publizistik nur einen zweifelhaften Ruf: Ein »Fach für Dünnbrettbohrer«, mokierte sich der Berliner Publizistik-Assistent Manfred Kötterheinrich, und auch der Freiburger Politologe Wilhelm Hennis hielt es bislang »nicht für lehrstuhlfähig«. So bringt das Studium der Zeitungswissenschaft den Studenten meist nur »blasse Theorie« (Kötterheinrich), aber kaum Zugang zum Journalismus.

Zwar suchte Elisabeth Noelle eine enge Verbindung zwischen Forschung (in Allensbach) und Lehre (In Mainz). Sie sah darin »die einzige Chance, aus der Stagnation des Faches Publizistik herauszukommen«. Doch die Chance, erinnert sich der frühere Fachschaftssprecher Manfred Knoche, bestand etwa darin, »daß wir für Allensbach nur die Hilfsarbeiter gespielt haben«.

Noelles Mainzelmännchen schwärmten aus, um im Rahmen eines Methodenpraktikums für das Institut am Bodensee -- und gegen zwei Mark Honorar -- beispielsweise zu erkunden, wie die Bürger von Eltville Ihre Umgehungsstraße am liebsten hätten -am Rhein entlang oder durch die Weinberge. Knoche: »Das ist doch allenfalls ein Kurs für Interview-Lehrlinge.«

Freimütig bekennt die Meinungsforscherin: »Ich könnte meine Lehraufgaben in Mainz ohne die Forschungseinrichtung und die Ergebnisse von Allensbach nicht wahrnehmen.« Der »Initiativgruppe Publizistik« aber, die sich lieber mit Adorno, Habermas und Lenin auseinandersetzen möchte, erscheint Noelles Verbindung von Theorie und Praxis eher Verhängnisvoll: »Die Professorin vertritt hier ganz eindeutig die Profitinteressen ihres Privatbetriebes.« Und als unlängst die Vollversammlung der Fachschaft »in einer Verzweiflungstat« (Flugblatt) das Institut besetzte, um vor allem Mitbestimmung bei der Gestaltung des Lehrprogramms zu erkämpfen, entdeckten auch die Sozialdemokraten im Rheinland-pfälzischen Landtag »einen Nebel unerwünschter Verquickungen«.

SPD-Fraktionschef Jockei Fuchs sprach von einer »seltsamen Verbindung von Geld, Meinungsforschung, Parteipolitik und unabhängiger Wissenschaft. Daß die der CDU nahestehende Elisabeth Noelle-Neumann wissenschaftliche Übungen vom Chefredakteur der CDU-nahen »Kölnischen Rundschau«, Rudolf Heizler, und dem konservativen Fernsehschaffenden Peter von Zahn (Studenten-Jargon: »Metaphern-Peterle") leiten ließ und letzthin den regierungsfeindlichen ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal zum Lehrbeauftragten machen wollte (SPIEGEL 30/1970), ist den Genossen Beweis genug für die »Einseitigkeit der Methode« (so SPD-Fraktionsgeschäftsführer Karl Thorwirth). Das Noelle-Institut scheint ihnen nur ein »Institut für parteipolitische Propaganda« zu sein.

Es war »eine der heftigsten Landtagsdebatten seit Monaten« ("Rhein-Zeitung") in der Provinzstadt Mainz, wo derzeit eher die Karnevalisten das große Wort führen. CDU-Landesvater Helmut Kohl, der die Demoskopin gelegentlich liebevoll »unsere heilige Elisabeth« nennt, verließ eigens die Regierungsbank, um seinen Kultusminister Bernhard Vogel vom Abgeordneten-Sitz aus herauszupauken.

In der Hand hielt Vogel eine Kostenrechnung der Institutschef in, in der sie detailliert nachweist, was Allensbach alles schon an Geldspenden (7000 Mark) und Sachleistungen (92 512,21 Mark) für das Institut aufgebracht hat. Vogel, der Vorwürfe und Rechtfertigungen zunächst noch prüfen will, verkündete schon vorab: »Die Unabhängigkeit des Mainzer Publizistik-Instituts ist nicht bedroht.«

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