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STAATSFÜHRUNG Pause ohne Ende

aus DER SPIEGEL 21/1962

Maria Schell ließ sich entschuldigen. Sie habe keinen Babysitter. Ruth Leuwerik sagte ab. Sie müsse »Die Rote« zu Ende drehen.

Eine vom schönen Irrenarzt Dr. Berthold Martin, 48, dem CDU-Vorsitzenden des Kulturpolitischen Bundestagsausschusses, und dem Maghrebinier Gregor von Rezzori arrangierte Konferenz unter dem schwarzen Kreuz des christdemokratischen Fraktionssaals im Bundeshaus, durch die Film- und Polit -Profis die Rettung der deutschen Kino -Kunst einleiten wollten, lief mit mangelhafter Besetzung ab.

Und doch war sie das Bonner Ereignis der letzten Woche.

Denn im herunter-gekommenen deutschen Film hat Bonn endlich einen artverwandten Gesprächspartner gefunden, nachdem die Mächtigen dieser Welt von Kennedy bis Nordhoff ihre Mißachtung für die Bundesregierung so offen bekundet hatten.

Noch nie, seit Bestehen der Bundesrepublik hat die Führung des neorealistischen Rheinbundes das, Prädikat »staatspolitisch wertlos« so ehrlich verdient wie im Frühjahr 1962.

Christdemokratische Staatspartei samt liberalem Anhängsel und sozialistische Bundesbeauftragte für Opposition wetteifern nach filmischem Vorbild um Bedeutungslosigkeit. Die einen können offenbar nicht mehr regieren; die andern wollen nicht mehr opponieren.

»Ich glaube wirklich, Adenauer hat in den letzten Tagen demonstriert, wie wünschenswert es ist, das Pensionsalter für Politiker auf höchstens achtzig Jahre festzusetzen«, höhnte der Labour -Abgeordnete Kenneth Robinson im englischen Rundfunk.

Und CDU-Ex-MdB Gerd Bucerius klagte in seiner »Zeit": »Der Fußtritt, den Kennedy dem deutschen Botschafter in Washington gab und den Adenauer, der einst große harte Mann, nur lächelnd quittierte, zeigt, was der Kanzler - und wir - heute in Washington noch gelten« (siehe Seite 16).

In der Tat waren des Kanzlers außenpolitische Bocksprünge in Cadenabbia, Berlin und Bonn ("New York Times«, »Ist es nur noch ein seniler alter Mann?") das bisher gravierendste Merkmal des Verfalls jeder Staatsautorität in der Bonner Republik.

Politische Weisheiten bezog Konrad Adenauer aus der Coca-Cola-Werbung. Der Kanzler zu den amerikanischsowjetischen Berlin-Verhandlungen: »Eine Pause ist nicht gleich mit Ende... Eine Pause ist für alle Beteiligten manchmal gut zur inneren Klärung und Beruhigung der Nerven.«

Sein mit Recht gerühmtes Geschick im Umgang mit der Wahrheit und der Macht ist durchsichtiger Seifenbläserei gewichen: Innerhalb von 24 Stunden baute er ein Radio in den VW ein und wieder aus und mußte dabei erstmals von seiner Fraktion Befehle entgegennehmen (siehe Seite 17). Dazu Eugen Gerstenmaler: »Ein historisches Ereignis.«

Ein historisches Ereignis hätte es jedoch nur sein können, wenn die ergreifende Hilflosigkeit des großen alten Mannes nicht ganz Bonn befallen hätte, so als ob die Stadt nur noch von Freien Demokraten bevölkert wäre:

- Des Kanzlers Vize und Thronfolger, Ludwig Erhard, hat in seinem aussichtslosen Streit mit dem VW-Imperator Nordhoff den ihm vom Kanzler gelassenen Rest an Prestige leichthin »verfumfeit«, wie einst der Bruder Lustig der Gebrüder Grimm seinen Abschieds-Sold.

- Außenminister Schröder gestand vor CDU-Journalisten in schonungsloser Selbsterkenntnis die Verfehlungen und Irrungen der deutschen Außenpolitik: »Wenn ich Amerikaner wäre und die Westdeutschen als Bundesgenossen hätte, denen würde ich was erzählen.«

- Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, einst die Hoffnung aller Anhänger einer Politik der Stärke, hat Atom- und Kanzler-Ambitionen im bayrischen Sumpf begraben. Seine Affären lassen ihm kaum Zeit, den entschwundenen politischen Endsiegen nachzutrauern, geschweige denn noch weiter nachzujagen.

Der einzige Erfolg, den Strauß in letzter Zelt verbuchen konnte, war Im Fall Barth (SPIEGEL 20/1962) ein Persilschein des Verteidigungsausschusses - mitunterzeichnet von einer Opposition, die sich ihrer eigentlichen Rolle zu schämen scheint.

Westdeutschlands Sozialdemokraten gebärden sich heute als 155prozentige Verfechter einer längst verbliebenen Adenauer-Politik des Jahres 1955 und suchen jede oppositionelle Regung zu verdrängen.

Statt angesichts des steuerlosen, in immer gefährlichere Strudel treibenden Staatsschiffes mit Mende-Beiboot auf eine klärende außenpolitische Debatte zu drängen, predigen die Sozialisten Vertrauen in USA, Nato, EWG und Wirtschaftswunder. Das ist ihr Beitrag zur allumfassenden Bonner Frühjahrsmüdigkeit.

Anzeichen von Frühjahrs-Erwachen zeigten die SPD-Staatsmänner (genau wie die Christdemokraten) nur, als ihnen das vom CDU-MdB Martin und Drehbuchautor Rezzori erdachte Treffen von Politikern mit Film-Stars zu Ohren kam. Da wollten sie dabei sein und die Kino-Not als überparteiliches Anliegen behandelt wissen.

So wurde aus dem Martinstag eine Parlaments-Aktion mit Staatsempfang beim Bundestagspräsidenten Gerstenmaier. Deutschlands Film ist zwar noch nicht gerettet. Doch Bonn hat endlich wieder eine angemessene Aufgabe gefunden.

Frankfurter Allgemeine

»Na - kann man doch jans genau sehen, ab wann ich die Züjel nich mehr schleifen ließ.«

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