Zur Ausgabe
Artikel 12 / 73
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PEN-CLUB Pegasus raus

aus DER SPIEGEL 52/1960

Ich, der Zweig, bin denen wohl nicht grün genug«, witzelte der Dichter Arnold Zweig über das Scheitern einer PEN*-Tagung, die kürzlich in Hamburg stattfinden sollte - mit »denen« meinte Zweig die hansestädtische Polizei, die den Literaten-Treff verhinderte.

Der 73jährige Zweig, Präsident des Deutschen PEN-Zentrums Ost und West, wollte aus Anlaß der zwölften Generalversammlung dieser gesamtdeutschen Vereinigung - ihr gehören außer 52 mitteldeutschen auch 30 westdeutsche Autoren an - in einer öffentlichen Veranstaltung im Hörsaal H der Hamburger Universität aus seinem neuen Roman »Rechts und links« das Kapitel »Mädchenfreundschaft« lesen.

Indes: Dem geplanten Maiden-Idyll wurde in der Freien und Hansestadt der Garaus gemacht, noch ehe der international renommierte Autor sein Buch aufschlagen konnte.

Dazu Hamburgs Polizeisenator Dr. Wilhelm Kröger (SPD): »Wir sind weder gegen Arnold Zweig noch gegen die anderen Herren aus der Sowjetzone vorgegangen - wir haben lediglich einem bedrängten Hotelier Hilfe geleistet.«

Bei dem von Ulbrichts Musensöhnen malträtierten Hamburger Hotelier handelte es sich um den Geschäftsführer des »Baseler Hospiz«, Kleinhuis: Bei ihm hatten sich die sowjetzonalen Plagegeister Arnold Zweig, Stephan Hermlin, Herbert Ihering, Willi Bredel, Peter Hacks, Ludwig Renn und andere

- allesamt Parade-Skripter der Sowjetzone - eingenistet. Und dieser kommunistischen Invasion wurde Kleinhuis, wiewohl gewohnt, ein großes Haus zu führen, nach Dr. Krögers Darstellung »allein nicht Herr«. Der Polizeisenator: »Wir mußten schnell eingreifen.«

In der Tat: Die von Arnold Zweig kommandierte Literatengarde, die in der Zuversicht anreiste, im Westen tun zu dürfen, was ihr im Osten seit je versagt geblieben ist, nämlich frei zu sprechen, wurde in Hamburg in Rekordzeit zum Verstummen gebracht.

Ursprünglich waren in Hamburg neben der nichtöffentlichen Generalversammlung (auf die verzichtet wurde, weil die Literatur-Funktionäre nach der unfreiwilligen Polizei-Bekanntschaft Hamburg nicht mehr als würdigen Tagungsort betrachteten) folgende öffentliche PEN-Veranstaltungen geplant gewesen:

- eine Podiumsdiskussion über Tolstoi

und Dichterlesungen mit Zweig, Hermlin, Bredel, Hacks, Anna Seghers, Ehm Welk, Peter Huchel und

- ein Abend mit Referaten über die

Bedeutung des PEN-Clubs (Redner: Zweig, Hermlin, Johannes Tralow und Professor Heinz Kamnitzer).

Mit der Hamburger Universität und dem Künstlerklub »die insel«, wo die Veranstaltungen stattfinden sollten, waren vorher ordnungsgemäß schriftliche Mietverträge abgeschlossen worden. Um so erstaunter waren die PEN -Letute, als ihnen wenige Stunden vor dem offiziellen Beginn des Treffens sowohl vom Rektor der Hamburger Universität, Professor Thielicke, als auch von der Leitung der »insel« die Räumlichkeiten verweigert wurden.

»Die Verantwortlichen (gemeint sind Vermieter) sind eben von sich aus zu der Erkenntnis gekommen, daß man so etwas heute im Westen nicht mehr machen kann«, erläutert Polizei-Kröger. Ohne jegliche Synchronschaltung behördlicherseits habe auch die Direktion des Hamburger First-class-Hotels »Vier Jahreszeiten« auf ein Aufnahme-Ansinnen abweisend reagiert, weiß Dr. Kröger zu berichten. Dazu Empfangsdirektor Krüger: »Daran stimmt nur, daß sich die Polizei nachdrücklich bei uns erkundigte, ob wir etwa die Leute beherbergen wollten.«

Nur Direktor Kleinhuis vom »Baseler Hospiz« hatte mit Unbill zu kämpfen: Auch er war - wie Kröger meint, »per Zufall« - zur gleichen Zeit wie die anderen Hamburger Saal- und Zimmervermieter zu der Überzeugung gelangt, daß Arnold Zweig und seine Feder-Krieger eine nicht geringe Gefahr für die westliche Welt darstellen, hatte aber zuvor doch - einer weltmännischen Regung seines Herzens folgend - die Dichter-Equipe bei sich aufgenommen, weil Hamburg, wie er bieder meinte, das »Tor zur Welt« sei, und die Gäste übrigens prompt bezahlten..

Das geistige Rüstzeug für die Gesamtaktion lieferte - Kröger: »Unabhängig von mir und den Vermietern« - das Redaktionsmitglied der Tageszeitung »Die Welt«, Walter Görlitz.

»Das PEN-Zentrum Ost und West«, so konstatierte »Welt«-Kulturpolitiker Görlitz, »hat mit dem internationalen PEN -Club nichts zu tun. Es ist eine kommunistisch gesteuerte Organisation.«

Um sich gegen diesen öffentlich erhobenen Vorwurf zu wehren, hatte der im »Baseler Hospiz« residierende PEN -Vorstand wenige Stunden nach Erscheinen des Görlitzschen Alarm-Artikels beschlossen, die Presse

in einer eilig einberufenen Konferenz aufzuklären. Den DDR-Schreibern mußte an einer solchen öffentlichen Unterrichtung gelegen sein, weil es ihnen um internationales Prestige geht, den West-Schreibern - mit Günther

Weisenborn, Hans Erich Nossack und Hans Georg Brenner an der Spitze -, weil sie nicht »mit den Ostleuten vermanscht werden« (Brenner) wollen.

Die Pressekonferenz war für elf Uhr angesetzt: 32 Journalisten rückten pünktlich mit Stenoblock und Bleistift an. Um 11.05 Uhr schlug dem Direktor Kleinhuis das bundesrepublikanische Gewissen: Er rief die Ordnungshüter, »wie eben ein Wirt die Polizei zu rufen pflegt« (Dr. Kröger).

Auf den Notruf des Kleinhuis traf nun freilich nicht das übliche Anti-Zechpreller-Kommando ein, sondern der kompetentere Kriminalrat Müller vom hamburgischen Landeskriminalamt. Rat Müller erklärte der Versammlungsleitung um 11.15 Uhr - der greise Arnold Zweig hatte gerade den Journalisten für ihr Kommen gedankt -, daß der Hotelier Kleinhuis von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen wünsche.

Müller sah keine dienstliche Veranlassung, zur Kenntnis zu nehmen, daß in der Zeit zwischen dem Anruf des Kleinhuis und dem Eintreffen der Staatsgewalt von dem Leipziger Professor Wieland Herzfelde ein Telegramm aus London verlesen wurde, in dem der Generalsekretär des internationalen PEN-Clubs feststellte: »Bestätige, deutsches PEN-Zentrum Ost und West ist Vollmitglied des internationalen PENClubs. David Carver.«

Dieser Bestätigung hätte es eigentlich nicht bedurft, weil außer Frage stand, daß 1951, als sich das nach dem Kriege mit Hilfe Thomas Manns von 20 namhaften deutschen Autoren wiederbegründete einheitliche deutsche PEN -Zentrum - in ein »Deutsches PEN-Zentrum der Bundesrepublik« (Präsident: Erich Kästner) und das »Deutsche PEN -Zentrum Ost und West« (Präsidenten: Johannes Tralow und Arnold Zweig) spaltete, beide Zentren in London anerkannt wurden - das Zentrum Ost und West zwangsläufig schon deshalb, weil damals eine große Anzahl von Gründungsmitgliedern sich für diese Gruppe entschied.

Dieser Tatbestand wurde in Hamburg souverän ignoriert und die Görlitzsche Sprachregelung, daß es sich bei dem Ost-West-Zentrum um eine kommunistische Tarnorganisation handele, bedenkenlos akzeptiert: Es stand in der »Welt«, und dabei blieb es.

Im Hamburger Rathaus wurde lediglich als Schönheitsfehler empfunden, daß die Legende von dem völlig selbständigen, ungelenkten Handeln der Gastgeber, die zunächst bereit waren, die PEN-Leute aufzunehmen, diesen »aus eigenem Antrieb« (Dr. Kröger) später freilich die Tür wiesen, keine Legende blieb. Plauderte Hotelier Kleinhuis: »Die Senatskanzlei legte mir telephonisch nahe, ich solle von meinem Hausrecht Gebrauch machen.« Um Mißlichkeiten zu vermeiden, die aus etwaiger Nichtbeachtung des Behörden-Winks entstehen konnten, überwachte Kriminaler Müller die gewissenhafte Ausübung des Hausrechts im »Baseler Hospiz«.

Besonders peinlich mußte wirken, daß ausgerechnet die amerikanische Nachrichten-Agentur AP die Hamburger Polizeitaktik gegenüber dem östlichen Poeten-Ansturm öffentlich preisgab:

Ein »Kriminalbeamter (machte) den Geschäftsführer des Hotels auf den kommunistischen Charakter der (PEN-) Organisation aufmerksam und wies darauf hin, daß die Versammlung verboten werden würde«.

Als dann auch noch der Hamburger Korrespondent der »Frankfurter Allgemeinen«, Klaus Wagner, zu lamentieren anhob, weil er »zum erstenmal in seinem Leben aus einem Hotel verwiesen worden ist«, und die FAZ die Kriminalpolizei belehrte - »Nicht jeder als Pegasus aufgezäumte Gaul, der sich vor politisch befrachtete Karren spannen läßt, ist ein trojanisches Pferd -, ergriff der CDU-Bundestagsabgeordnete

und Verleger der Wochenzeitschrift »Die Zeit«, Gerd Bucerius, die Chance, etwas für Hamburgs Ruf als einer weltoffenen Stadt zu unternehmen.

Polemisierte »Die Zeit« gegen den Polizeisenator Dr. Kröger: »Erließ er ... wenigstens ein polizeiliches Gebot? Wies er auf bestehende Gesetze hin, denen solche Veranstaltungen zuwider laufen? Appellierte er an den Rechts-Sinn der Hamburger Bürger? Ach, nein! Er appellierte an ihren Untertanen-Sinn. Er führte ein paar Telephongespräche.«

Weil in Hamburg, »wenn Dichter kommen, weder der Kultursenator ... noch der gesunde Menschenverstand, sondern der Polizeisenator (zuständig ist)«, beschloß CDU-Bucerius, sich durch eine publikumswirksame Papier-Deklamation von SPD-Kröger vorteilhaft abzuheben:

»Die Zeit« lud die Arnold-Zweig-Mannschaft ein, auf Kosten des Bucerius-Verlages noch einmal nach Hamburg zu kommen und hier in den Redaktionsräumen der Wochenschrift zu parlieren.

* PEN (Poets Essaysts Novelists): 1921 in London gegründete internationale Schriftsteller-Vereinigung mit 60 Zentren in 50 Ländern.

Kröger

PEN-Präsident Arnold Zweig Kripo vereitelte Maiden-Idyll

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 73
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel