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Briefe

Peinliche Bestürzung
aus DER SPIEGEL 27/1950

Peinliche Bestürzung

Es dürfte Sie im Zusammenhang mit dem Ascq-Prozeß interessieren, daß auch noch in anderen Siegerstaaten Prozesse abrollen, die mit einer gesunden Rechtsauffassung kaum noch in Einklang zu bringen sind. So wurde vor einem halben Jahr der frühere Polizeirat Georg Bernhard Haase von einem Groninger Sondergericht zum Tode verurteilt, weil er angeblich Kriegsverbrechen begangen haben soll. Ueber die Verhandlung schreibt die holländische Zeitung »Ons Noorden« wörtlich:

»Das Urteil, auf das die Groninger Kammer gerade gegen den Chef des SD der nördlichen Provinzen, Bernhard Georg Haase, erkannt hatte, durch das dieser Deutsche zum Tode verurteilt wird, ist von allen, die Haase näher gekannt haben, und auch von allen, die der öffentlichen Verhandlung seines Falles vor Gericht beigewohnt haben, mit einer peinlichen Bestürzung aufgenommen worden. Wir zögern dann auch nicht, dieses Urteil nicht nur völlig unbegreiflich, sondern auch einen Angriff auf das Rechtsgefühl zu nennen.«

An anderer Stelle heißt es: »Haase half den Niederländern, wo er konnte, und es gibt zahlreiche Illegale, die jetzt noch dankbar erklären, daß sie dem Eingreifen Haases ihr Leben zu verdanken haben.«

Wohlverstanden, das schreibt eine holländische Zeitung! Haase legte selbstverständlich Berufung ein. Dann kam es zu einer Verhandlung vor dem Kassationsgericht in Den Haag. Aber diese Instanz hatte nur über juristische Formfehler zu befinden, der »Tatbestand«, der in der Vorinstanz ermittelt worden war, wurde weder nochmals untersucht noch überhaupt erwähnt, die ausführliche Eingabe des Verteidigers blieb unberücksichtigt. Haase wurde wiederum zum Tode verurteilt! Nun bleibt nur noch der Gnadenweg offen. Aber man muß schon wundergläubig sein, wenn man sich hiervon einen Erfolg verspricht.

Hohenlimburg

WILLY MUHRMANN

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