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MINEN Per Hand

Auch weiterhin explodierten mysteriöse Minen im Roten Meer. Geortet wurde bis Ende voriger Woche keine. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Eine Art Internationale der Minensucher steuerte ins Seegebiet zwischen dem Golf von Suez im Norden und der Wasserstraße Bab el-Mandeb im Süden: Boote aus Ägypten, Saudi-Arabien, Nord-Jemen, Großbritannien und Frankreich; das amerikanische Transport-Dockschiff »Shreveport« mit vier

Spezialhubschraubern zur Minenjagd an Bord erreichte Ende letzter Woche das Rote Meer. Von Saudi-Arabien aus hatten drei aus den USA eingeflogene Hubschrauber bereits die Suche aufgenommen, und weitere US-Hilfe war unterwegs.

Italiens Außenminister Andreotti sagte Beistand zu, während die Türkei ein ägyptisches Hilfsersuchen noch prüfte - die größte internationale Minenjagd seit Kriegsende war angelaufen.

So zahlreich ist die Teilnahme an der Suche nach jenen Sprengkörpern mysteriösen Ursprungs, denen in fünf Wochen schon 18 Schiffe zum Opfer fielen, daß Ägyptens Präsident Mubarak weitere Helfer abwimmelte: Hollands Angebot, zwei niederländische Minensuchboote ebenfalls ins Krisengebiet zu schicken, wurde in Kairo abschlägig beschieden.

Beleidigt zeigte sich eine andere Navy, die deutsche Bundesmarine. Obschon sie »als die in der Minenjagd erfahrenste Natomarine« gilt (so ein deutscher Seeoffizier), weil sie jahrzehntelang in eigenen Hoheitsgewässern nach Weltkriegsminen fischen mußte, wurde sie nicht um Mithilfe gebeten.

Wehr-Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach brachte seine Männer schließlich selbst ins Gespräch - und holte sich beim Außenminister eine Abfuhr: Verfassungsrechtliche und politische Erwägungen schlössen aktive deutsche Mitwirkung bei der »internationalen Minenräumregatta« aus.

Solche Bedenken scheint eine andere, am Sucheinsatz in einer der befahrensten Wasserstraßen der Welt offenbar stark interessierte Nation kaum zu haben: Bereits Mitte voriger Woche meldete Moskau in Ankara, daß der Hubschrauberträger »Leningrad« nebst einem Hilfsschiff vom Schwarzen Meer durch den Bosporus ins Mittelmeer laufen werde. Passagerecht für beide Schiffe sowie für einen Minensucher der Mittelmeer-Eskadra wurde auch für den Suez-Kanal beantragt. Vier weitere Sowjet-Schiffe näherten sich derweil Bab el-Mandeb.

Die konzentrierte internationale Aufmerksamkeit galt Minen, deren Bauart und Herkunft noch bis zum Wochenende völlig ungeklärt waren. Nur daß sie funktionierten, war gesicherte Erkenntnis - und die verunsicherte die internationale Seefahrt immer stärker.

Neben den Schiffen aus mehr als einem Dutzend Ländern, die bislang mehr oder weniger schwere Schäden durch unerwartete Sprengkontakte erlitten hatten, droht vor allem den Ägyptern Gefahr: Sollten die Reedereien aus Sorge nun das Rote Meer und damit den Suez-Kanal meiden, stehen Kairo schwere Devisenverluste ins Haus - auf über eine Milliarde Dollar belaufen sich die jährlichen Kanaleinkünfte, Ägyptens drittgrößte Devisenquelle.

Schon überlegt der Londoner Schiffsversicherer Lloyd's, ob nicht - bei anhaltender Minengefahr - Sondertarife für Schäden an Schiffsrümpfen und Fracht fällig seien. Zwar sei die Frage nach Deckungsgrenzen für Schiffe im Krisengebiet derzeit noch nicht aktuell, hieß es in London, doch müßten bei fortdauerndem Risiko die Versicherungsprämien überprüft werden.

Die ägyptische Kanalverwaltung gab sich vergangene Woche noch zuversichtlich, als - wie bei Beginn der Explosionsserie am 9. Juli - wieder ein Sowjet-Schiff getroffen wurde: Die Durchfahrtrate von knapp 60 Schiffen täglich sei davon nur »sehr leicht beeinflußt«. Am vergangenen Donnerstag wurde gar ein erster Jagderfolg gemeldet - ein ägyptisches Minensuchboot habe, so hieß es, einen Sprengkörper vernichtet.

Damit war wenig gewonnen. Binnen fünf Wochen konnte keines der gefährlichen Objekte gesichtet werden. Nur eine geortete und geborgene Mine kann Experten Aufschluß geben, woher sie stammt, wie sie funktioniert und womit den Sprengkörpern beizukommen ist.

Zwar gibt es für die Masse der gebräuchlichen Seeminen ausgeklügelte Gegenmittel (siehe Graphik). Aber Minen, die nicht mit modernen akustischen, magnetischen oder Druck-Zündern ausgerüstet sind, müssen - nach alter Seekriegsart - nach wie vor einzeln aufgespürt und meist sogar von Tauchern per Hand gesprengt werden.

Entdecken die hochempfindlichen Minensonare des Suchboots einen verdächtigen Gegenstand, werden Taucher, bei der Bundesmarine auch schon ferngesteuerte TV-Kamera-bestückte Unterwasservehikel, losgeschickt, die den Fremdkörper identifizieren. Ist es eines der gesuchten Objekte, wird dicht daneben eine Ladung deponiert, die - ferngezündet - die Mine unschädlich macht. Dieses Verfahren ist ebenso zeitraubend wie unsicher - auf felsigen Böden sind Minen auf dem Sonarschirm praktisch nicht zu erkennen.

So rechneten Experten denn auch, daß die internationale Flotte »zwei Wochen bis zu zwei Monate, wenn nicht länger« suchen müsse. Aber auch danach, so fürchten Minenfachleute, kann selbst in minenfrei gemeldeten Regionen die Gefahr fortdauern: *___Zeitzünder könnten Sprengkörper erst nach Tagen, Wochen ____oder gar Monaten scharf werden lassen. *___Intervallschaltungen könnten die Gefährlichkeit der ____Minen (und damit die Empfindlichkeit für die meisten ____Gegenmittel) auf bestimmte, sich wiederholende ____Zeiträume begrenzen. *___Sprengkörper mit Zählzündern können so eingestellt ____werden, daß sie erst beim zweiten, fünften, zehnten ____oder beliebigen anderen Kontakt ansprechen.

Gefährdet sind somit auch jene Schiffe, die in den kommenden Wochen mehr als 200 000 Pilger zum Besuch der heiligen Stätten nach Saudi-Arabien bringen sollen.

Ein deutscher Flottenverband könnte gleichfalls in den Minenkampf geraten. Am vergangenen Mittwoch verließen die Zerstörer »Niedersachsen« und »Lübeck« Wilhelmshaven. Fahrtziel: Indischer Ozean, Fahrtroute: durch das Rote Meer.

[Grafiktext]

MINEN-RÄUMUNG AUS DER LUFT Ankertau-Minen Scherdrachen (steuern die beiden Seilenden auseinander) Grundminen mit Magnet- oder Geräuschzünder Räumung von Ankertau-Minen: Der Minensuch-Hubschrauber (a) zieht an einem Zugseil eine Kombination von Flößen (b), Senkgewichten (c) und Sprengladungen (d) durch das Minenfeld. Das Zugseil erfaßt das Ankertau der Mine, eine der mitgeführten Sprengladungen explodiert und kappt so das Ankertau. Die Mine treibt an die Oberfläche, wo sie durch Maschinengewehrfeuer zur Explosion gebracht wird. Räumung von Grundminen: Der Minensuch-Hubschrauber zieht einen Schlitten (e) über die verminten Gewässer. Ein vom Schlitten erzeugtes Magnetfeld (f) ähnelt dem eines Schiffsrumpfes und bringt Magnetminen zur Explosion. Der Schlitten zieht ein zweites Gerät (g), das Maschinengeräusche zum Meeresgrund sendet. Die Geräusche lassen akustische Minen explodieren.

[GrafiktextEnde]

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