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PER STRASSENBAHN ZUM STAATSSTREICH

aus DER SPIEGEL 5/1969

Zwischen 17 und 17.30 Uhr erhíelt Dr. Eugen Gerstenmaier, Thloge, Leiter des Ökumenischen Referats im Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche und in enger Verbindung sowohl mit den Verschwörern im Auswärtigen Amt als auch im Kreisauer Kreis, ín der Wohnung, die er in Berlin-Lichterfelde mit Graf Yorck teilte, dessen Anruf, er möge in die Bendlerstraße kommen, »die Sache sei gestiegen«. Ja, aber das Attentat doch mißlungen, wie man eben über den Rundfunk habe hören können? Nein, sagte Yorck, das sei eine unwahre Zweckmeldung. Gerstenmaier fuhr also los, mit der Straßenbahn, weil kein Auto verfügbar war, und erhielt in der Bendlerstraße von Generaloberst Hoepner seine Bestallung zum Militärbevollmächtigten fur Kultus- und Kirchenangelegenheiten.

Die Stimmung war schon etwas gedrückt, aber Stauffenberg war jetzt mit seinen Adjutanten unablässig am Telephon und suchte mit Energie den Staatsstreich in den Wehrkreisen voranzutreiben. Yorck und Schulenburg unterrichteten Gerstenmaier über die Lage: Anscheinend sei das Attentat mißglückt, aber der Umsturzplan werde ausgeführt, bis jetzt sei alles planmäßig verlaufen, Gerstenmaier fand zwar (auch Gisevius vertrat diese Auffassung), die Verschwörer gehen gegen die Gegner viel zu behutsam vor. Er selbst hatte außer der Bibel auch eine Pistole in der Tasche.

An einem solchen Tag und wenn man schon eine Revolution gegen Leute wie die Nationalsozialisten und dle SS mache, da müsse eben auch geschossen werden, meinte er, da könne Rücksicht nur den Erfolg und das Leben der Verschwörer unnötig aufs Spiel setzen. Aber die Verschwörer befanden sich im Dilemma; denn sie wollten ja eben aus Humanität und Rechtlichkeit das Regime beseitigen, welches jeden Rechtsweg mit Füßen trat. Ihre eigenen Grundsätze und Ziele hemmten nun ihr Handeln zur Erreichung ebendieser Ziele.

Aus dem im Frühjahr erscheinenden Buch von Peter Hoffmann: »Widerstand - Staatsstreich - Attentat«. Piper Verlag. München; 850 Seiten; 48 Mark.

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