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PROZESSE Perfekte Wende

Das erzbischöfliche Ordinariat von Kardinal Ratzinger in München ist in Prozesse um dubiose Grundstückstransaktionen verwickelt.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Karl-Heinz Bald, 52, ist ein erfolgsgewohnter Geschäftsmann. Er betreibt zwei Wohnbaugesellschaften, die »Isar-Süd-Bau GmbH« und die »Ribau-GmbH«, eine »Arctic-Exploration GmbH«, eine Charterflugfirma »Royal Palm Aviation« und eine »Vero Investor Service KG«, die per Datenfernübertragung Immobilienangebote aus den USA nach Europa transferieren soll.

Nicht minder eindrucksvoll als die wohltönenden Firmennamen war für viele Geschäftspartner die Visitenkarte von Bald, die ihn als Mitarbeiter der »erzbischöflichen Finanzkammer« und als »Bevollmächtigten der Stiftungsaufsichtsstelle bei der Erzdiözese München-Freising« auswies.

Im Frühjahr letzten Jahres schien sich das schöne geschäftliche Leben von Karl-Heinz Bald auch noch privat abzurunden. Die Witwe Helene von Bothmer, 72, erklärte vor dem Amtsgericht Überlingen, den vielseitigen Kaufmann adoptieren zu wollen. Bald gab seinerseits zu Protokoll, daß die Adlige für ihn »eine ideale Mutter« wäre und daß die Festigung »gemeinschaftlicher Ziele und Interessen« keineswegs »an ihrem Adelstitel scheitern« müsse.

Doch da kam ein Haftbefehl des Amtsgerichts München dazwischen. Am 21. März 1980 wurde der angehende Edelmann festgenommen -- zusammen mit seinem Geschäftspartner Armin Hary, 43, der einst als 100-Meter-Läufer und Olympiasieger bekannt geworden war.

Die Staatsanwaltschaft hatte nämlich diverse Geschäfte mit Kirchengrundstücken durchforstet und dabei merkwürdige Abwicklungsmodalitäten festgestellt.

Mal zahlte die Pfarrpfründestiftung St. Severin von Noricum in Garching für ein Grundstück außer dem Kaufpreis von 460 000 Mark auch noch 140 000 Mark an den Schwiegervater von Hary, Erich Bagusat.

Mal überwies die »Neue Heimat« für eine Baufläche der Pfarrpfründestiftung Gräfelfing zusätzlich zum Kaufpreis von 1 835 844 Mark auch noch 340 000 Mark auf das Privatkonto von Balds Ehefrau Inge.

Mal ließ sich Bald von der »Neuen Heimat« für ein Pfründe-Grundstück einen Extra-Scheck über eine Million Mark zustecken -- angeblich für eine (nicht auffindbare) griechische Firma »Urbania y Constructa«.

Die Staatsanwaltschaft sah in den Nebengeschäften schwere Vergehen des Betruges und der Untreue. Außer Bald und Hary wurden noch zwei weitere Helfer angeklagt, die nach den Ermittlungen in anderen kirchlichen Grundstücksgeschäften als Strohmänner eingesprungen waren.

In der ersten Prozeßrunde verteidigte Bald die hohen Provisionen damit, daß er Entschädigungsansprüche gegen die Kirche in Höhe von 3,5 Millionen Mark habe und daß er die Aufschläge im Einvernehmen mit dem erzbischöflichen Finanzdirektor kassiert habe.

Dieser aber, Domkapitular Johannes Strasser, wußte als Zeuge vor Gericht weder etwas von Balds Ansprüchen noch von erlaubten oder geduldeten Provisionen: »Ich hätte niemals einem Grundstücksgeschäft zugestimmt, bei dem zwar ein wertentsprechender Kaufpreis bezahlt worden ist, der Verkäufer aber bereit gewesen wäre, zu einem weitaus niedrigeren Kaufpreis zu verkaufen.«

Der Vorsitzende der Strafkammer beim Münchner Landgericht, Gerhard Henner, der den als Zeugen vernommenen Geschäftsführer Otto Loderbauer von der »Neuen Heimat« wegen dessen Millionen-Scheck heruntergeputzt hatte ("Ich würde Sie als Geschäftsführer entlassen") und auch vor einer Durchsuchung von Verteidigerbüros nicht zurückgeschreckt war, mußte im Dezember auf Antrag des Bald-Verteidigers Professor Bernd Schünemann auch das Ordinariat von Kardinal Ratzinger durchsuchen lassen.

Die Razzia bei Ratzinger durch zwei Staatsanwälte und zwei Polizisten förderte »eine unglaubliche Fülle Material« (Richter Henner) zutage. Die Dokumente gaben dem Prozeß eine »dramaturgisch perfekte Wende« ("Frankfurter Rundschau"). Denn angesichts der fülligen Beweise mußte der Domkapitular und erzbischöfliche Finanzdirektor einräumen, daß Bald wohl doch Entschädigungsansprüche gegen die Kirche hatte und auch die Erlaubnis, sich dicke Provisionen abzuschneiden.

Strasser: »Ja, wenn das vorliegt, muß ich mich korrigieren.« Schließlich verstummte der Finanzchef des Kardinals völlig, nachdem ihn der Gerichtsvorsitzende als möglicherweise Mitbelasteten auf sein Aussageverweigerungsrecht hingewiesen hatte. Strasser: »Ich würde darum bitten.«

Kronzeuge Strasser, der nebenher auch noch ein Zivilverfahren wegen S.58 Schadenersatzes in Millionenhöhe gegen Bald betreibt, ist so unversehens in den Verdacht der Komplizenschaft mit den Angeklagten gekommen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen auch gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue in vorerst mindestens zwei Fällen eingeleitet.

In der zweiten Prozeßrunde, die am Dienstag dieser Woche beginnt, könnte sich deshalb der erzbischöfliche Finanzverwalter in Prophezeiungen einbezogen sehen, die der Hauptangeklagte Bald seinem Mitangeklagten Hary bei früheren Streitigkeiten um die Teilung der Gewinne gemacht hatte.

Bald an Hary: »Ich werde ohne Rücksicht auf meine Person, meine Stellung und auch meine Familie meine Rechtsansprüche verfolgen, und sicher werden für einen solchen Fall die Konsequenzen für alle Beteiligten kaum einschätzbar sein.«

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