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Memoiren Persönliche Böswilligkeit

In seinen Erinnerungen benennt Ex-Kanzler Brandt die für seinen Rücktritt Verantwortlichen - darunter Genscher und Wehner.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Seit Anfang des Jahres steht in Willy Brandts Bibliothek ein Buch, das es weder im Osten noch im Westen zu kaufen gibt. Es heißt »Die Aussage« und ist als »Buchclubausgabe« im Militärverlag der DDR (ISBN 3-327-00670-9) erschienen. Verfasser ist ein ehemaliger Referent Brandts - Günter Guillaume, der Kanzlerspion.

Seit Mittwoch vergangener Woche wissen Welt- und Bild-Leser, wie das seltene Exemplar in den Besitz von Brandt gekommen ist.

Der SPD-Ehrenvorsitzende hatte im Dezember vergangenen Jahres im SPIEGEL (52/1988) Auszüge aus den Memoiren seines ehemaligen Mitarbeiters gelesen. »Ich ließ die DDR-Führung wissen, daß ich einigermaßen befremdet sei«, schreibt Brandt in seinen »Erinnerungen«, die als Vorabdruck in den Springer-Zeitungen und Anfang Oktober im Buchhandel erscheinen*. _____« Und siehe da, die Reaktion war prompt. Der » _____« Staatsratsvorsitzende bedauerte - die DDR-Führung sei » _____« ebenfalls befremdet - und teilte mit: Die zuständigen » _____« Stellen seien angewiesen, die wenigen verkauften » _____« Exemplare einzuziehen und die Gesamtauflage zu » _____« vernichten. Er tat ein übriges und ließ mir ein Exemplar » _____« zukommen - aus seinem persönlichen Besitz, wie es hieß. »

Schon vorher, so Brandt, hätten sich Honecker, aber auch der ehemalige sowjetische Generalsekretär, Leonid Breschnew, bei ihm entschuldigt, daß der Osten einen Spion an seiner Seite plaziert und so im Mai 1974 zu seinem Sturz als Kanzler beigetragen hatte. Breschnew habe versichert, »seine Seite« habe damit nichts zu tun. Honecker druckste Jahre später, er würde, wenn er davon gewußt hätte, die Warnung erteilt haben: »Weg mit dem Mann.«

Es bleibt bei dieser kleinen Indiskretion: Sehr viel Neues hat Brandt in seinen jüngsten Erinnerungen den Historikern nicht mitzuteilen; vieles war, leicht abgewandelt, schon 1974 in Brandts Buch »Über den Tag hinaus"** zu lesen oder in den Vernehmungen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der Guillaume-Affäre zu hören.

Nun hat Brandt, wenigstens manchmal, seine staatsmännische Milde abgelegt, die einst als Gütezeichen galt. Noch immer verärgert über seinen Rücktritt, glaubt er 15 Jahre nach seinem Sturz keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen; jetzt soll abgrechnet werden.

Scharf getadelt wird Brandts ehemaliger Kabinettskollege, Innenminister Hans-Dietrich Genscher, vor allem aber der ehemalige SDP-Fraktionschef Herbert Wehner, der inzwischen todkrank ist und zur Selbstverteidigung nicht fähig.

Im Untersuchungsausschuß, schreibt Brandt, habe es offensichtlich ein allseitiges Interesse gegeben, Hans-Dietrich Genscher zu schonen: _____« Die einen, zu denen ich, nun aber erst recht der neue » _____« Bundeskanzler (Helmut Schmidt, die Red.) zählte, wollten » _____« Genscher, den Koalitionspartner, nicht beschädigen, die » _____« anderen, an deren Spitze - neben Strauß - Helmut Kohl » _____« gerückt war, Genscher, den künftigen Bundesgenossen, » _____« nicht verprellen. »

Genscher hat 1973, das ist unbestritten, dem damaligen Kanzler tatsächlich geraten, den in Spionageverdacht geratenen Guillaume auf seinem Posten im Kanzleramt zu belassen und ihn gar mit in den Urlaub nach Norwegen zu nehmen - nach Rücksprache mit Günther Nollau, dem damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln, wie Genscher sagt.

Nollau erinnerte sich vor dem Untersuchungsausschuß und in seinem Buch »Das Amt"* anders: Er will von der Norwegen-Reise Brandts, bei der Guillaume Einblick in geheime Nato-Dokumente nehmen konnte, nichts gewußt haben, könne also auch keine Verantwortung dafür übernehmen.

Aufklären kann Brandt diesen Widerspruch verständlicherweise nicht; er flüchtet sich in Andeutungen: _____« Genscher, der die Dienstaufsicht über den » _____« Verfassungsschutz gehabt hatte, setzte alles daran, » _____« unbeschädigt zu bleiben. Wo ist die Verantwortung dafür » _____« festzumachen, wie der Fall G. gehandhabt wurde? Ich » _____« zweifle nicht, daß bei einigen der Beteiligten politisch » _____« und persönlich bedingte Böswilligkeit hineingespielt hat. » _____« Doch sie konnte erst hineinspielen, weil auf einem » _____« entscheidenden Gebiet der inneren Sicherheit Trägheit und » _____« Unfähigkeit einen folgenschweren Bund gestiftet hatten. »

Noch härter geht Brandt mit Herbert Wehner ins Gericht. Brandt hat in ihm immer den eigentlich Schuldigen für seinen Sturz gesehen - wohl nicht zu Unrecht. Brandts Demontage hatte schon im September 1973 begonnen, als Wehner - ausgerechnet in Moskau - über die »Nummer eins« lästerte: Brandt sei »abgeschlafft« und »entrückt«, er bade »gerne lau«. Auch Helmut Schmidt, sein »innerparteilicher Herausforderer«, wie Brandt schreibt, hatte den SPD-Kanzler wenige Monate später wegen Führungsschwäche heftig kritisiert.

Bislang aber hatte Brandt in der Öffentlichkeit Wehner gegen den Vorwurf in Schutz genommen, der SPD-Fraktionschef habe ihn aus dem Amt gedrängt; mit dieser Pietät ist es nun vorbei.

Verärgert schildert Brandt, wie die Sicherheitsbehörden - Nollau und der Chef des Bundeskriminalamtes, Horst Herold - nach der Festnahme Guillaumes in seinem Privatleben herumgeschnüffelt und »lüsterne Andeutungen« in die Presse lanciert hatten: _____« Beamte der vernehmenden Behörde machten . . . einen » _____« Ersatz-Kriegsschauplatz auf: Man nahm sich mein » _____« Privatleben vor und ließ es zur Karikatur werden. » _____« Überforderte Sicherheitsleute, darunter politische » _____« Widersacher und seltsame Tugendwächter, produzierten ein » _____« Machwerk, das sich verselbständigte und demgegenüber ich » _____« mich rat- und machtlos fühlte. »

Nollau gibt zu, Herbert Wehner am 3. Mai 1974 mit pikanten Einzelheiten über die - von Brandt bestrittenen - Amouren des Kanzlers in Wahlsonderzügen und Hotels versorgt zu haben. Wehners »sibyllinische« Reaktion laut Nollau: »Ich sehe ,ihn' morgen in Münstereifel. Da werde ich was tun.« Der zweite Satz dieses Zitats, in Nollaus Urmanuskript noch enthalten, wurde gestrichen; er ist im Buch nicht enthalten.

In Münstereifel, wo die SPD-Spitze - es war der Tag vor Brandts Rücktritt - über die Guillaume-Affäre und die möglichen Folgen für die bedrängte Regierung Brandt/Scheel sprach, machte Wehner von seinem Wissen Gebrauch, wie Brandt erstmals zugibt: _____« Als ich die Gerüchte kommentiere, spricht er von » _____« »einer besonders schmerzlichen Nachricht«, die er zu » _____« überbringen gehabt hätte, wäre ich nicht selbst auf die » _____« Sache zu sprechen gekommen. Er macht nebulöse Andeutungen » _____« über einen längeren Bericht, »Einzelheiten habe er sich » _____« nicht gemerkt«. »

Am 6. Mai 1974 schrieb Brandt sein Rücktrittsgesuch. Jetzt, 15 Jahre später, suggeriert er seinen Lesern, er sei Opfer einer großen Verschwörung geworden, an der - direkt oder indirekt - Nollau und Wehner, aber auch Genscher beteiligt gewesen seien:

Brandt beklagt, »wie leicht ein Verfassungsorgan fast komplottartig auszuhebeln war, wenn Sicherheitsintriganten mit dem Blick durchs Schlüsselloch spielten und hysterische Reaktionen auslösten«.

Seine Anklage kleidet Brandt in eine Bemerkung des jugoslawischen Staatspräsidenten Tito, der ihn wenige Tage nach seinem Rücktritt gefragt habe: »Was hat Wehner hiermit zu tun?«

Wehner gehöre, urteilt Brandt über seinen langjährigen Freund und Kampfgefährten, zu den »ewig Gekränkten und Enttäuschten": _____« Daß ihm der Weg an die Spitze versperrt war, konnte » _____« er nicht für gerecht halten. Er suchte Ersatz in dem » _____« Bestreben, die zu steuern, die an der Spitze standen. »

Und welche Lehren zieht der ehemalige Bundeskanzler nach seinem Sturz für sich selbst? _____« Später mache ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mit der » _____« Faust auf den Tisch geschlagen und verlangt habe, diesem » _____« Unfug sofort ein Ende zu bereiten. Ob es noch genutzt » _____« hätte? »

Wohl nicht. Kennzeichen seines Regierungsstils war ja gerade, daß er nicht auf den Tisch hauen konnte: Er ließ, im zweiten Jahr nach seinem grandiosen Wahlsieg 1972, die Dinge und die Koalitionspartner treiben und schleifen; der SPIEGEL hatte längst getitelt, das »Monument Brandt« bröckele.

»Auch 15 Jahre danach« will er nicht »denen kopfnickend helfen«, die schon damals behaupteten, selbst ohne die Guillaume-Affäre wäre Brandt »nicht mehr lange Regierungschef geblieben«.

Auch ohne Brandts Kopfnicken: So war es.

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