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Peter Erfurth

aus DER SPIEGEL 7/1990

war vier Jahre lang Leiter der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in Greifswald (Bezirk Rostock), bis das Amt am 4. Dezember 1989 von Bürgern besetzt wurde. Dem Oberstleutnant unterstanden zuletzt 58 Mitarbeiter und 500 »Inoffizielle Mitarbeiter«. Seitdem arbeitet Erfurth, 45 (verheiratet, zwei erwachsene Töchter), in seiner Vier-Zimmer-Neubauwohnung. Der Geheimdienstler, der sich nicht fotografieren ließ und der mit 2500 Mark-Ost und Zulagen mehr verdiente als der Oberbürgermeister der Stadt, ist jetzt damit beschäftigt, für seine ehemaligen Mitarbeiter Arbeitsplätze zu finden. Danach will er sich selbst auf Stellungsuche machen. *INTERVIEW *ÜBERSCHRIFT:

»Was ist Gesetzlichkeit?« *UNTERZEILE: SPIEGEL-Interview mit Peter Erfurth, dem bisherigen Stasi-Chef von Greifswald *

SPIEGEL: Wie lange waren Sie bei der Stasi?

ERFURTH: Seit 1968. Ich arbeitete in Rostock in der Deutschen Seereederei und wurde von dort aus ins Ministerium für Staatssicherheit delegiert.

SPIEGEL: Haben Sie sich selbst gemeldet?

ERFURTH: Ich wurde von Mitarbeitern angesprochen, die ich gar nicht kannte. Ich hatte damals keinerlei Vorstellungen vom Ministerium für Staatssicherheit.

SPIEGEL: Warum sind Sie zur Stasi gegangen?

ERFURTH: Vater Arbeiter, Mutter Arbeiterin, wenig Geld gehabt, Krieg durchgemacht, da wurde ich von der Familie und der Schule so erzogen, daß eben der Sozialismus die einzige Gesellschaftsordnung wäre, in der der Mensch frei leben könnte.

SPIEGEL: Waren Sie Mitglied der SED, als Sie angesprochen wurden?

ERFURTH: Ich war Mitglied der SED seit 1963, alle operativen Mitarbeiter waren es.

SPIEGEL: Sind Sie noch Genosse?

ERFURTH: Das kann ich Ihnen nicht so genau sagen. Ich bin bisher noch nicht ausgetreten, weil ich gar nicht weiß, wo ich austreten soll. Die Grundorganisation der Kreisdienststelle gehörte anleitungsmäßig zur Kreisleitung der SED. Seit Mitte November gibt es keinerlei Kontakte mehr.

SPIEGEL: Schämen Sie sich eigentlich, bei der Stasi gearbeitet zu haben?

ERFURTH: Aus der jetzigen Sicht kann ich nur sagen: Es tut mir leid. Aber ich muß auch sagen: Wir wurden von Beginn an und bis zur letzten Stunde dazu erzogen, alles zu tun zum Wohle des Volkes. Wir sollten - und so habe ich auch meine Mitarbeiter instruiert - ja nichts machen, was dem einfachen Menschen schadet.

SPIEGEL: Wenn Sie jeden Briefkontakt nach Westen kontrollieren, wenn Sie Bürger verhören, nur weil sie Westkontakte haben, dann hat sich der Apparat doch wohl gegen den Mann auf der Straße, den Arbeiter und Bauern gewendet.

ERFURTH: Das ist eine schlechte Sache gewesen. Das ist auch entstanden durch die falsche - man muß wohl teilweise sagen: verbrecherische - Sicherheitspolitik der ehemaligen Parteiführung. Wir merkten seit längerem, daß das nicht mehr im Sinne des Volkes ist, was wir gemacht haben.

SPIEGEL: Wie sahen denn die Verbindungen zwischen MfS und SED aus?

ERFURTH: Aufgabe der Staatssicherheit war es unter anderem, die Stimmung und Reaktion der Bevölkerung zu erfassen, die Partei darüber zu informieren und dann die Politik der Partei mit den spezifischen Mitteln durchzusetzen.

SPIEGEL: Irgendwie hat das ja wohl nicht geklappt. Hätten Sie vielleicht noch genauer aufpassen müssen?

ERFURTH: Nee. Vor dem 7. Oktober waren wir fest davon überzeugt, daß die Staats- und Parteiführung über die brisante Lage informiert sei. Ich weiß von vielen ehemaligen Mitarbeitern, daß sie sehr erschüttert darüber waren, daß - wie Egon Krenz berichtet hat - im Politbüro niemals die Problematik der Ausreisewilligen zur Sprache gekommen ist. Das war für uns eine Enttäuschung, weil wir schon 1988 darauf hingewiesen haben. Ich hatte mir persönlich einige Fälle angeschaut und war zur Überzeugung gekommen, daß sie keine andere Möglichkeit gesehen haben.

SPIEGEL: Aber diese Menschen wurden doch trotzdem überwacht.

ERFURTH: Nicht alle Antragsteller. Dazu hätte die Kraft des gesamten Ministeriums nicht ausgereicht, und das war auch nicht notwendig. Wir hatten zum Beispiel 1988 im Kreis etwa 300 Antragsteller. Bei etwa 20 Mitarbeitern der Kreisdienststelle, die nicht mit administrativen Dingen beschäftigt waren, wäre das gar nicht zu schaffen gewesen. Es wurden sogenannte Schwerpunktpersonen bearbeitet.

SPIEGEL: Wie sah das aus ?

ERFURTH: Das ging von einer zeitweiligen Informationsbeschaffung über sein Auftreten zum Beispiel am Arbeitsplatz, im Wohn- und Freizeitbereich bis zu Beobachtungen über einen bestimmten Zeitraum, wo der Verdacht bestand, daß eventuell eine Straftat bevorstand.

SPIEGEL: Sie meinen den Wunsch, die DDR zu verlassen.

ERFURTH: Ursache war leider auch hier die falsche Sicherheitspolitik, zu verhindern, daß solche Personen ungesetzlich die DDR verlassen.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich eigentlich von den damals Verantwortlichen verraten?

ERFURTH: Ja, das war unmöglich, wie sich diese Leute verhalten haben. Wir haben wirklich noch bis zum letzten Moment geglaubt, daß das alles ehrliche und zuverlässige Leute sind.

SPIEGEL: Glaubten Sie denn, daß jemand wie Honecker ein ehrlicher Sozialist war, jemand, der die Autobahn Rostock-Berlin sperren ließ, wenn er mit seinem Volvo unterwegs war?

ERFURTH: Das ist nicht in Ordnung gewesen. Aber andere Dinge haben mich noch viel mehr erschüttert. Wir hatten den Eindruck, einige Leute wußten gar nicht mehr: Was ist Gesetzlichkeit? Das mitzubekommen war fürchterlich. Vor allem, weil wir als Mitarbeiter dazu erzogen worden waren, ehrlich zu sein. Jeder Pfennig mußte abgerechnet werden, jeder Kilometer Sprit.

SPIEGEL: Wann hatten Sie das Gefühl, daß es mit der Stasi zu Ende ging?

ERFURTH: Das war am 13. November. Das Ministerium für Staatssicherheit war immer mehr in den Mittelpunkt der Kritik gekommen, und keiner bekannte sich öffentlich zum Ministerium. Dann kam der Auftritt des damaligen Ministers Mielke in der Volkskammer.

SPIEGEL: Als Mielke bekannte »Ich liebe doch alle« und die Abgeordneten ihn dafür auslachten.

ERFURTH: Mir wurde es fast übel, einige Mitarbeiter haben geweint. Da war es endgültig so, als hätte man uns den Boden unter den Füßen weggezogen.

SPIEGEL: Da wußten Sie, mit der Staatssicherheit wird es nie wieder was?

ERFURTH: Ja, ich wußte: Jetzt geht's zu Ende, nur daß das so schnell geht, habe ich mir nicht vorgestellt.

SPIEGEL: Aber der Zorn der Bevölkerung konnte doch nicht überraschen.

ERFURTH: Aus meinem jetzigen Kenntnisstand würde ich sagen, daß bestimmte Teilaufgaben und Teilbereiche des Ministeriums für Staatssicherheit verfassungsfeindlich gearbeitet haben. Insbesondere die breite Überwachung der eigenen Bevölkerung, die ständige Zunahme der Postüberwachung, auch der teilweisen Telefonüberwachung.

SPIEGEL: Da haben Sie aber auch mitgemacht.

ERFURTH: Wir im Kreis nicht, das machte der Bezirk, aber die Ergebnisse bekamen wir.

SPIEGEL: Es gibt immer wieder Gerüchte von einem möglichen Putsch der Staatssicherheit.

ERFURTH: Es gab mal Gespräche mit einzelnen, die besorgt waren und sagten: Warum handeln wir denn nicht dagegen? Aber ich glaube, kein Mitarbeiter des Ministeriums trägt sich jetzt noch mit Putschgedanken. Die haben alle viel zu viele persönliche Probleme, die müssen sich Arbeit suchen.

SPIEGEL: Sie und Ihre Mitarbeiter müssen ja auch auf einiges verzichten. Die Bezahlung wird nicht mehr so gut sein, die Privilegien fallen weg. Was hatten Sie denn für Privilegien?

ERFURTH: Jeden Tag, auch sonnabends und sonntags von früh um 8 meistens bis 21, 22 Uhr gearbeitet. Wenn ich den Kreis verlassen wollte, etwa am Wochenende, mußte ich mich abmelden.

SPIEGEL: Keine extra Einkaufsstellen, keine westlichen Lebensmittel?

ERFURTH: Die Kreisdienststelle hatte weder eine Kantine noch eine Sonderversorgung, das Essen bekamen wir jeden Tag im Kübel von der Volkspolizei.

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