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BUNDESWEHR / MASKOTTCHEN Peter und Petersilie

aus DER SPIEGEL 33/1969

Der stämmige Obergefreite Alfred Bär trat ins Offizierszelt, wo deutsche und französische Militärs das Ende des Manövers »Colibri« feierten, und griff sich das Bierglas aus der Hand des Generals Jacques Massu.

Der Vorfall blieb ohne disziplinarische Folgen. Denn der Obergefreite Alfred Bär ist ein indischer Lippenbär. Im Fallschirmjäger-Bataillon 262 hatte er eine lange, verdienstvolle Karriere als Maskottchen absolviert.

Hätscheltiere wie Alfred haben in der deutschen Militärgeschichte kaum Tradition. Derart außerplanmäßige Soldaten gab es bei Preußens nur im Infanterie-Regiment 43, wo die Bernhardiner-Hunde »Sultan« und »Pascha« einen 1866 in der Schlacht von Königgrätz erbeuteten österreichischen Paukenwagen zogen.

Die Bonner Streitmacht hingegen rekrutierte großzügig Kameraden in Fell und Federkleid -- nach dem Muster der Nato-Verbündeten, vor allem der Briten, bei denen skurrile Maskottchenverehrung regimentsüblich Ist.

In ihren Gründerjahren brachte es die Bundeswehr auf nahezu hundert offiziell gemeldete Tiere. Manche Kasernen hatten ihren eigenen Mini-Zoo wie etwa die Böblinger Fliegerhorst-Kaserne, wo 1959 neben rund 1000 Soldaten auch ein Kapuziner-Affe, zwei Schafe, zwei Rehe und ein Kolkrabe dienten.

Der Affe, Peter geheißen und im Schuhputzen ausgebildet, gebar unerwartet ein Affenbaby, was als wunderbar gelten mußte: Peter hatte in seinem Käfig fast ein Jahr enthaltsam gelebt. In der Kaserne kursierende Verdächtigungen wegen der Vaterschaft an »Petersilie« konnten selbst nach Jahren nicht geklärt werden: Die Tragezeit der Kapuzineräffchen dauert knapp sechs Monate. Die Affenkontaktstelle blieb geheim.

Verborgene Ostkontakte hingegen fürchtete eine Instandsetzungseinheit in Ludwigsburg, der immer wieder Dienstpläne vom Schwarzen Brett verschwanden. Spionenjäger des MAD überführten nach sorgfältiger Fahndung den Ziegenbock »Habakuk": Das Maskottchen schätzte Schreibmaschinenpapier als Lieblingsspeise.

Oft genug machten die Glücksbringer ihren Besitzern Arger, der meist nachträglich in Kasinoschnack umfunktioniert wurde,

So versäumte Bordhund »Whisky vom Schulschiff Gorch Fock« im New Yorker Hafen die rechtzeitige Rückkehr vom Landgang. Die Polizei fand die mit Mützenband und Exerzierkragen uniformierte Terrier-Dame beim Fraternisieren mit einem US-BUden in einer übel beleumundeten Matrosenspelunke. »Whisky« wurde festgenommen und unter Sirenengeheul zum Liegeplatz eskortiert, wo das Segelschulschiff gerade die Leinen loswarf.

Hochpolitisch war der Streit um den Mufflonbock »Kuno«, den einst die Stadt Bonn dem Wachbataillon zum Geschenk machte. In hitziger Redeschlacht warf die CDU-Fraktion des Kommunalparlaments der CDU-Stadtverwaltung vor, mit dem Kaufpreis für Bock und Zierdecke in Höhe von 574 Mark die hauptstädtischen Finanzen über Gebühr strapaziert zu haben.

Ebenfalls kommunalen Zündstoff lieferte der Esel »Fridolin«, 16 (Dienstgrad: »Oberseewebel«, Dienststellung: Maskottchen der Marine-Unteroffizierschule in Plön), als er an der Spitze eines Demonstrationszuges für den Bau von Bundeswehr-Wohnungen marschierte. Das kostete den damaligen Leiter der Standortverwaltung vorübergehend den Posten.

Die wachsende Zahl der Wiesel, Wildschweine, Bären, Raben, Ponys, Affen, Steinadler, Hunde, Katzen. Heidschnucken, Ziegen, Kaninchen und Enten unter der Bundesfahne veranlaßte alsbald das Verteidigungsministerium zum Einschreiten. Per Verordnung entfällt seitdem für Marine-Maskottchen jeglicher Landurlaub in ausländischen Häfen,

Der einstige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, besorgt um das Ansehen der Bundeswehr, verbot gar das Tragen von »Schabracken, Kopfbedeckungen und militärischen Rangabzeichen«. Auch Teilnahme an Manövern, Antreten beim Appell und Mitmarschieren in Reih und Glied befand Hassel als »nicht angebracht«.

Nachfolger Gerhard Schröder hat nichts gegen Viechereien. Nur: Maskottchen müssen von den Soldaten selbst gehalten und verpflegt werden. Steuergelder sind für Affen und Esel tabu.

Trotz des Wohlwollens, das Oberbefehlshaber Schröder seinen vierbeinigen Hilfstruppen entgegenbringt, hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Tiere in den Kasernen abgenommen. Nur robuste Naturen nämlich vermögen das Soldatenleben ohne Schäden an der Gesundheit zu überstehen. Manche der tierischen Hiwis haben sich an übermäßigen Biergenuß gewöhnt. Besonders Affen und Ziegen wurden nach dem Genuß allzu vieler Zigarettenkippen nikotinsüchtig.

Neben lasterhafter Lebensweise forderten auch Alter und Unfälle Tribut: Mufflon »Kuno' verschied an Altersschwäche, »Whisky« von der »Gorch Fock« ging über Bord und starb den Seehundstod. Nachfolger »Gogo« musterte alsbald wieder ab: Er war zu weich für harte Seemannschaft.

»Alfred«, Lippenbär der Oberbexbacher Fallschirmjäger, wurde nach achtjähriger Dienstzeit entlassen und verbringt seinen Lebensabend hinter Gittern im Karlsruher Zoo. Sein Nachfolger »Charlie«, wieder ein Bär, wird demnächst offiziell ins Bataillon eingestellt.

Von Charlie kann erwartet werden, daß er den Belastungen des Militärdienstes gewachsen sein wird. Das war hei der Eselstute »Aphrodite« nicht von vornherein klar. Ihr Einrücken in die Front der Lebacher Fallschirmjäger stellte hohe Anforderungen an Mann und Tier.

Während einer Nato-Übung im griechischen Dorf Rission gekauft, sollte sie in einem amerikanischen Militärflugzeug an die Saar spediert werden. Weil strenge Befehle den Tiertransport in US-Maschinen verbieten, wurde Aphrodite schon Tage vor dem Abflug in einen geschlossenen Fernmelde-Lkw (Funkerjargon: »Koffer") gesperrt. Bei ständigem Vor- und Zurücksetzen droschen eigens abgestellte Landser mit Knüppeln gegen die Fahrzeugwände. Übungszweck: Aphrodite sollte sich ohne Geschrei verladen lassen.

Als Funkwagen samt Inhalt dann tatsächlich in den Flugzeugbauch rollten, begann die Eselin trotz aller Probenarbeit lautstark zu trompeten. Selbst für diesen Fall war Vorsorge getroffen: Die bereits in der Maschine sitzenden Soldaten intonierten unverzüglich das Standard-Lied vom schönen Westerwald. 81 Fallschirmjäger und ihr Kommandeur überschrien Aphrodite mühelos.

Im Juni kehrten die Eselkäufer anläßlich der Nato-Übung »Olympic-Express« wieder in der Dorftaverne zu Rission ein. Bürgermeister Nicolaos Cantinos erkundigte sich prompt nach Aphrodites Wohlbefinden. Der Bescheid, sie sei inzwischen zur Obergefreitin avanciert und trinke täglich deutsches Bier, war Anlaß für ein Fest mit Retsina-Wein und Sirtaki-Reigen.

Während die deutschen Fallschirmjäger der Einladung zum Tanz höflich Folge leisteten, lehnten sie einen weiteren Esel entschieden ab. Die Landser: »Es dienen schon genug Esel in der Bundeswehr.«

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