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Pfad der Erleuchtung

Global Village: Esoteriker wollen den Nahen Osten ins Glück stürzen - indem sie den Frieden herbeimeditieren.
aus DER SPIEGEL 9/2007

Nada Haidar, 43, besitzt eine Wunderwaffe. Eine mächtige Technologie gegen Krieg und Terrorismus, Umweltverschmutzung, Verkehrstote, Krebs und Herzinfarkt. Ein Rezept für den Weltfrieden, wissenschaftlich erprobt, leicht erlernbar und ganz im Einklang mit der Natur. Das Produkt trägt den Namen: »Transzendentale Meditation« (TM). Wer davon Gebrauch mache, werde unbesiegbar, schwärmt die freundliche kleine Libanesin. »Damit hätte sogar der Krieg gegen Israel verhindert werden können!«

Haidar hat zu einem Werbevortrag ins »Maharishi-Zentrum für Gesundheitserziehung« geladen, ein unauffälliges Anwesen im Osten Beiruts. Gekommen sind Studenten und junge, hippe Pärchen. Es riecht nach Räucherstäbchen im Vorgarten. Im Flur hängen physikalische Gleichungen und ein Bild des legendären, in strahlendes Licht gehüllten Stifters, zu dem einst die Beatles in den indischen Aschram pilgerten: Maharishi Mahesh Yogi, genaues Alter unbekannt, spirituelles Oberhaupt der weltweit werbenden Meditationssekte. Offizielle Anrede: »Seine Heiligkeit«.

»Er lehrt uns, wie wir unser Bewusstsein reinigen, wie wir zu unserem innersten Selbst gelangen«, sagt Haidar und strahlt vor Freude. »Innere Kohärenz und Harmonie, herbeigeführt durch Meditation, erzeugen Gehirnwellen, die auch unsere Umwelt positiv beeinflussen.« Sie zeigt Diagramme, Kreise und Pfeile, schließlich gehe es bei der Transzendentalen Meditation streng wissenschaftlich zu, beruhe alles auf Psychologie und Quantenphysik. »Lernt euren eigenen Weltraum kennen!«, ruft sie: »So lassen sich alle negativen Energien in der Welt neutralisieren.«

New Age und Naher Osten, im multireligiösen, liberalen Libanon mit seinen 17 anerkannten Glaubensgemeinschaften halten sie es miteinander aus. An Orten der Erleuchtung mangelt es nicht in Beirut, einem Tummelplatz für wiedergeborene Christen, sunnitische Mystiker und schiitische Exorzisten. Aber auch neue Bewegungen können hier gut gedeihen, esoterische und fernöstliche Heilslehren, von denen sich vor allem junge Libanesen angezogen fühlen.

Fidaa Sein al-Din, 24, ein Druse, war lange Zeit auf Sinnsuche. Weil die tieferen Mysterien seiner eigenen Religion nur einem kleinen Zirkel weltabgewandter Weiser zugänglich waren, begann er mit dem Studium asiatischer Philosophen. Eines Tages wurde er zu einem Maharishi-Vortrag eingeladen und war sofort hin und weg. Er erforschte sein inneres Universum, fühlte, wie der tägliche Druck langsam an ihm abperlte. »Stress gibt es in diesem Teil der Welt im Überfluss. Ich kann dazu beitragen, die negativen Wellen zu glätten«, sagt er.

Vor dem jüngsten Gewaltausbruch in Nahost, vergangenen Sommer, soll der in Holland lebende Maharishi die Libanesen in einer Videobotschaft gewarnt haben. Sein Ratschlag: 400 fortgeschrittene TM-Jünger, die »yogischen Flieger«, die mit ihren Gedanken die Schwerkraft überwinden können, sollten gemeinsam einen gewaltigen Schutzschild herbeimeditieren. Das Land wäre unangreifbar gewesen. Ein Friedensplan, der überall anwendbar ist und auf einer einfachen Formel beruht: Man nehme pro Land mindestens so viele Harmoniekämpfer, wie sich aus der Wurzel aus einem Prozent der Bevölkerung ergeben. Doch leider, erzählt Haidar, habe man auf die Schnelle nur 120 flugkundige Yogis auftreiben können. Das Unternehmen musste abgeblasen werden.

Dabei gilt der Libanon mit seinen vier Meditationszentren als eine Hochburg der TM-Bewegung im Nahen Osten. Zum »Leuchtturm« der arabischen Welt hatte der Maharishi den Zedernstaat einst erklärt, dessen Strahlkraft die ganze Region erhellen solle.

Als sich der greise Guru im Oktober 2000 eine Herrschaftszone für seine Sekte erdachte - das »globale Land des Weltfriedens« -, da krönte er einen Libanesen zu deren Regenten: »Seine Majestät Raja Nader Raam«, einen Arzt aus Beirut, der sich mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen um die Sache verdient gemacht hatte - und fortan ein Kabinett mit 40 Ministern um sich scharen durfte, darunter ein Minis-ter für Erleuchtung und einer für Feierlichkeiten. Alles zum Wohle der Menschheit.

Nachwuchsprobleme

kennen die Maharishi-Anhänger im Libanon nicht, die Kurse seien gut besucht, erzählt Haidar. Rund 900 Teilnehmer habe man seit 1973 zu yogischen Fliegern ausbilden können. Dabei sind ihre Kurse nicht ganz billig, Neulinge bezahlen zunächst ein Monatsgehalt, später sollen sie kräftig spenden. Mittlerweile ist auch der politische Arm der Bewegung, die Naturgesetzpartei, im Land aktiv.

Nicht ganz so ungestört darf die Sekte allerdings in den arabischen Bruderländern um Mitglieder werben. In den Golfstaaten ist Yoga nur als Sportart erlaubt. In Ägypten erklärte der Großmufti die Lehre aus Fernost 2004 zur heidnischen Sünde: Yoga vollziehe Bewegungen, welche hinduistischen Fetischismus ausdrückten, verkündete eine Fatwa, ein religiöses Gutachten.

»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die arabischen Länder in ein goldenes, glückliches Zeitalter eintreten. Denn die Wissenschaft ist nicht aufzuhalten«, glaubt Nada Haidar, die zum Abschluss ihres Vortrags Broschüren und Jasminblüten verteilt. Ihre Zuhörer strömen hinaus in die Nacht. Nur Sein al-Din bleibt stehen und küsst seiner Lehrerin sanft die Stirn. DANIEL STEINVORTH

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