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CHINA Pfeil im Rücken

Im Pekinger Machtkampf versucht die Partei, die Armee wieder unter Kontrolle zu bekommen. Verteidigungsminister Lin Piao soll mit einem Putsch gegen Mao gescheitert sein.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Fünf Tage nach dem Sturz Nikita Chruschtschows, am 19. Oktober 1964, zerschellte am Berg Avala bei Belgrad eine sowjetische Turboprop mit sechs hohen Sowjet-Militärs an Bord, darunter Generalstabschef Birjusow, einem engen Freund Chruschtschows.

Ungeklärt blieb, ob das Flugzeug einem Unfall oder einem Attentat zum Opfer fiel, ob die Generale flüchten oder in Jugoslawien Hilfe holen wollten gegen Chruschtschows Feinde in Moskau.

Zwei Tage nach Beginn einer Sitzung des chinesischen Politbüros, am 13. September 1971 früh gegen zwei Uhr, zerschellte ein Düsen-Jet der chinesischen Luftwaffe auf fremdem Territorium, östlich der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Neun halbverkohlte Körper, Uniformreste, Waffen und Dokumente wurden gefunden.

Seither sind Chinas Generalstabschef Huang Jung-scheng, 65, und vier seiner zehn Stellvertreter, darunter Luftwaffenchef Wu Fa-hsien, 56, und Marine-Politkommissar Li Tso-peng, 55, überfällig.

Ungeklärt blieb, ob die Militärs vielleicht einem Unfall oder einem Attentat zum Opfer fielen, ob sie flüchten oder Hilfe suchen wollten gegen Feinde ihres Chefs, des Verteidigungsministers Lin Piao, 64, des designierten Mao-Nachfolgers.

An der Nachrichten-Börse Hongkong wurden Gerüchte notiert: Lin Piao sei

* Photographiert von Frau Mao.

an einer Krankheit gestorben ("Hongkong Times") oder habe Selbstmord begangen ("Kung Scheung Man Po").

Bereits am 15. Oktober meldete der Hongkonger »Daily Express": Im abgestürzten Flugzeug saß Lin Piao, auf der Flucht nach einem fehlgeschlagenen, für den 1. Oktober geplanten Putsch der Luftwaffe gegen Mao. Formosas »Free China Weekly« nahm das zwei Tage später auf; vorige Woche brachte das US-Magazin »Time« dieselbe Nachricht unter Berufung auf Geheimdienstquellen.

»Time«-Zutat: Schon dreimal habe Lin in den letzten anderthalb Jahren dem »großen Steuermann« nach dem Leben getrachtet, Lins Flucht sei von seiner Tochter Lin Tu-tu verraten worden, und außer seiner Frau und seinem Sohn sei auch Politbüro-Mitglied Ischen Po-ta im Flugzeug verbrannt.

Der Linksradikale Tschen Po-ta, 67, ist in der Tat einem Machtkampf zum Opfer gefallen, der zwischen verspäteten Kulturrevolutionären und Pragmatikern uni Premier Tschu En-lai ausgetragen wird (SPIEGEL 41/1971). Die Radikalen haben offenbar Lin Piao auf ihrer Seite. Wenn Ein gefallen ist, dann aus Gegnerschaft zu jenem gemäßigten Kurs Maos und Tschus, der sich außenpolitisch in der Annäherung an die USA manifestiert.

Sicher ist: Das Parteiorgan »Rote Fahne« berichtete von »kriminellen Verschwörungen, die von einer winzigen Clique sektiererischer Rädelsführer innerhalb der Partei geschürt wurden«. Sie müßten ausgebootet werden, »um Dinge zu verhindern, die nicht wiedergutzumachen sind«.

So winzig scheint die Opposition nicht zu sein, wenn Fehlen in der Öffentlichkeit politische Ausschaltung bedeutet: Von den 25 Mitgliedern und Kandidaten des erst vor zweieinhalb

* Photographiert von Frau Mao.

Jahren neu gewählten Politbüros sind 13, gerade die absolute Mehrheit, spätestens seit dem 12. September verschwunden -- und auch etwa ein Drittel der 168 Mitglieder des Zentralkomitees, dazu fast die Hälfte der (meist militärischen) Sekretäre von Parteikomitees in den Provinzen.

In ganz China müssen die Soldaten jetzt die »Hauptpunkte der Disziplin« (Autor: Mao) als Lied singen: Gehorche immer den Befehlen, bezahle, was du kaufst, gib zurück, was du dir ausleihst, sprich höflich

schlage und beschimpfe nicht.

Chinas Militärs sollen offenbar zurückgeben, was sie sich ausgeliehen hatten, als die Kulturrevolution aus dem Ruder lief: politischen Einfluß, den sie als Chefs von Revolutions- und Partei-Komitees in Behörden, Fabriken und Volkskommunen ausübten. »Die Partei kommandiert die Gewehre«, lehrte Mao, »und niemals darf zugelassen werden, daß die Gewehre die Partei kommandieren« (Rotes Buch, Seite 121).

Der lokale Sender von Schensi meldete offen einen Konflikt zwischen der Garnison »und der Parteiorganisation: »Einige Leute versuchten einige während der Kulturrevolution begangene Fehler einigen Genossen der Armee anzulasten.«

In der Provinz Anhuei werden Partei-Erziehungsgruppen ohne die übliche Teilnahme von Militärs organisiert, was, so Radio Hofei, zu »tiefer Furcht und bitterem Haß bei einer Handvoll Klassenfeinde geführt hat«. Auf Kommunen in Sinkiang haben Partei-Funktionäre die Führung der Miliz übernommen. In der Provinz Tschekiang und in Wuhan meldeten örtliche Radio-Stationen die Bereitschaft von Armee-Einheiten, sich der Partei zu unterstellen.

Armeeführer Lin, laut Parteistatut »enger Waffenkamerad und Nachfolger Mao Tse-tungs«, ist dies offensichtlich nicht mehr. Seit einem halben Jahr wurde er nicht mehr gesehen. Auch seine Bilder verschwinden aus der Öffentlichkeit, sein Name wurde in der chinesischen Presse seit dem 15. Oktober nicht mehr erwähnt und sogar bei der Wiedergabe eines Trinkspruchs des Peking-Besuchers Haile Selassie gestrichen; Äthiopiens Negus hatte auf Mao und Lin getrunken.

Peking stornierte die Parade zum Revolutionsfeiertag am 1. Oktober, bei der Lin Piao in den letzten Jahren stets die Begrußungsrede gehalten hatte. Zwar gratulierten Chinas Alliierte Albanien, Rumänien, Nordvietnam und Nordkorea noch zum 1. Oktober sowohl Mao als auch Vize Lin. Zur Uno-Aufnahme Chinas einen Monat später jedoch gratulierten die Bruderstaaten -- die es wissen müssen -- nur noch Mao.

Am 20. Oktober zitierte Radio Peking den von Mao geschätzten Dichter Lu Hsün mit einem Vers gegen »Schein-Marxisten":

Was mich am meisten schmerzte und enttäuschte, war der Pfeil, den mein Verbündeter mir in den Rücken schoß. das zufriedene Grinsen der Leute im eigenen Lager.

Der linke Schütze Lin Piao wurde zum letzten Mal (mit Ehefrau und Politbüro-Mitglied Jeh Tschün, 52) am 3. Juni gesehen, beim Besuch des rumänischen Parteichefs Ceausescu in Peking. Ceausescu gilt als Vermittler zur US-Regierung, deren Chef Nixon von Mao eingeladen wurde. Denkbar ist, daß Lin sich gegen diesen Kurs sträubte oder (etwa aus gesundheitlichen Gründen) zum Widerstand zu schwach war, was einen Kampf um die Nachfolge des Mao-Nachfolgers ausgelöst haben könnte.

Lin war 1939 für zwei Jahre in die Sowjet-Union gegangen, um eine Verwundung aus dem Krieg gegen die Japaner auszuheilen. 1945 kooperierte er mit den sowjetischen Interventions-Truppen in der Mandschurei, später wurde er Vize-Vorsitzender der Gesellschaft für sowjetisch-chinesische Freundschaft. 1950/51 kämpfte er in Korea gegen die Amerikaner. Dort holte er sich eine schwere Tuberkulose.

Lin Piao ist Autor der These vom Volkskrieg der »Weltdörfer« (der unterentwickelten Länder) gegen die »Weltstädte«, die Industriestaaten. Angesichts des erfolgreichen Volkskriegs in Vietnam muß vielen Lin-Piao-Anhängern das Arrangement mit den amerikanischen Erbfeinden schwerer fallen als die Alternative: eine Versöhnung mit den häretischen Sowjet-Genossen.

Den chinesischen Flugzeugabsturz hatte zuerst Moskau gemeldet -- gezielt am 1. Oktober, dem chinesischen Festtag. Wer in der Maschine saß, muß Eingeweihten schon vorher bekanntgeworden sein, vermutlich am 22. September: An diesem Tag strich Peking die geplante Parade. stellte Moskau für Wochen seine Polemik gegen Peking ein -- und Parteichef Breschnew besuchte demonstrativ den Unfallort der Chruschtschow-Generale am Berg Avala.

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