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»Pfeile gegen Rußland«

aus DER SPIEGEL 17/1995

SPIEGEL: Das russische Atomministerium behauptet nach wie vor, das in München beschlagnahmte Plutonium sei nicht einmal russischer Herkunft. Wieso sind Sie da so sicher?

Mikerin: Wir baten deutsche Behörden darum, uns Proben des in München sichergestellten Plutoniums für Analysen zu geben. Was wir jedoch bekamen, waren die Ergebnisse der in Jülich durchgeführten Untersuchungen. Doch auch die ließen eindeutig erkennen: Unsere Zusammensetzungen sind es nicht.

SPIEGEL: Woran kann man das erkennen?

Mikerin: An den Konzentrationswerten und am Mischungsverhältnis von Uran und Plutonium. Bei uns wurde solches Material nie verwendet, weder für friedliche noch für militärische Zwecke.

SPIEGEL: Verrät Ihnen die Münchner Zusammensetzung, wozu dieses Material dienen sollte?

Mikerin: Dem Plutonium wurde extra Uran beigemischt - wohl um den Eindruck zu erwecken, hier sei etwas Bedeutendes und sehr Gefährliches im Gange. Der Experte freilich sieht sofort, daß diese Phantasiemischung für gar keine praktische Verwendung taugt.

SPIEGEL: Wozu ein solches Täuschungsmanöver?

Mikerin: Eine Kette solcher Zwischenfälle sollte das verlorene Feindbild wieder aufleben lassen. München war das große Ding, die Bombe dieser Operation »Alle Pfeile gegen Rußland«. Als Obervolta mit Plutonium sollten wir dastehen. Jemand hatte Interesse daran, die Situation anzuheizen, aber das gelang eben nur für kurze Zeit.

SPIEGEL: Wer soll das denn gewesen sein?

Mikerin: Wir wissen es nicht. Wäre gegen alle Beteiligten ermittelt und rückhaltlose Aufklärung bei Ausführenden wie Hintermännern versucht worden, hätte diese Geschichte ganz, ganz lange Schatten geworfen. Aber so hörten die Zwischenfälle einfach auf, nachdem wir uns mit den deutschen Partnern über Zusammenarbeit verständigt hatten.

SPIEGEL: Sie bleiben dabei, daß Plutonium-Diebstahl in Rußland unmöglich ist?

Mikerin: Dazu müßte es eine sehr groß angelegte Verschwörung geben, vom System der Datenerfassung über alle Kontrollen des Zugangs zu Produktionsstätten bis zur Zollkontrolle. All das müßte jemand ausschalten. Rein theoretisch ist eine solche verbrecherische Kette von Produzenten bis zum Zollbeamten vorstellbar. Sorgfältige Studien von uns wie von den Sicherheitsorganen bestätigen aber: Bei uns fehlt kein Gramm Plutonium.

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