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MINISTERPRÄSIDENTEN Pferde stehlen

Laut SPD-»Vorwärts« gilt Ernst Albrecht unter Journalisten als »der unbeliebteste Ministerpräsident«. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Bei Ernst Albrecht häufen sich die schlechten Nachrichten. Drei Monate vor der Landtagswahl muß der niedersächsische Ministerpräsident, wie Berater wissen, zunehmend »ungünstigere Werte« für seine CDU registrieren - Folge der desolaten Lage, in die sich die Union durch Helmut Kohl bundesweit manövriert hat.

Noch kleben überall im Niedersächsischen die optimistischen Plakate: »Ja. Albrecht-Politik« und »Niedersachsen wählt das Glück«. Doch die Sprüche klingen allmählich wie von vorgestern.

»Ja auch gerade zur rechten Zeit«, wie Albrecht-Sprecher Hilmar von Poser vorwurfsvoll formuliert, wurde da zu allem Überfluß ein »Fragespiel« publik, das der sozialdemokratische »Vorwärts« Ende Januar mit Bonner Journalisten« veranstaltet hatte. Frage: »Welcher Länderchef ist am populärsten?« Antworten: »Albrecht ist das Schlußlicht«. Und: »Johannes Rau liegt ganz vorn.«

In der niedersächsischen Staatskanzlei tröstet sich Albrecht-Helfer von Poser mit dem Gedanken, daß bei einer »Vorwärts«-Aktion schlechterdings wohl nichts anderes herauskommen kann, »als daß Rau oben und Albrecht unten steht, und stempelt die Umfrage zu einersogenannten Umfrage«.

Das war sie aber nicht. Tatsächlich hatte der »Vorwärts« 400 Mitglieder der Bundes-Pressekonferenz in Bonn schriftlich gefragt, mit wem sie am liebsten »Pferde stehlen«, »Karten spielen«, »Bier/Wein trinken« oder »in Urlaub fahren« wollten.

»Natürlich«, so der »Vorwärts«, war das »nicht tierisch ernst gemeint«, doch war »der Rücklauf beträchtlich": Knapp hundert Kollegen schickten den Fragebogen ausgefüllt zurück. »Vorwärts«-Chef Gerhard Hirschfeld: »Zu Beginn konnten wir auch nicht wissen, wer erster und wer letzter wird.«

Das Ergebnis war wie bestellt, zu manipulieren gab es nichts. So trug Johannes Rau mit gleich drei ersten Plätzen abermals einen Wahl-Sieg davon und landete lediglich als wünschenswerter Gefährte bei Bier oder Wein erst an dritter Stelle der »Hit-Liste der Ministerpräsidenten« - in dieser Disziplin wurde er von Lothar Späth aus Stuttgart und Franz Josef Strauß aus Bayern, die in der Gesamtwertung als Zweiter und Dritter rangieren, glatt abgehängt.

Im Mittelfeld der Sympathie bewegen sich der Saarländer Oskar Lafontaine, der Hesse Holger Börner und der Berliner Eberhard Diepgen an vierter bis sechster Position. Dahinter wurden Klaus von Dohnanyi aus Hamburg. Uwe Barschel aus Kiel und, nur knapp vor dem Bremer Neuling Klaus Wedemeyer, Bernhard Vogel aus Mainz eingestuft.

Ausschließlich letzte Plätze aber belegte Ernst Albrecht aus Niedersachsen, der es derzeit am nötigsten hätte, Punkte zu sammeln. »Als Kumpel« wie »als Mensch«, so die »Vorwärts«-Kategorien, geriet der Ministerpräsident des von ihm so genannten »Aufsteigerlandes« auf den Absteigerplatz: »Der unbeliebteste Ministerpräsident.«

Entsprechend ihren Listenplätzen reagierten die Betroffenen, vorige Woche

um Kommentare gebeten, von wohlgemut bis ungehalten - von Franz Josef Strauß abgesehen: Der ließ über seinen CSU-Sprecher Godel Rosenberg wissen, er halte das alles für nichts als »einen Schmarrn«.

Johannes Rau jedenfalls, derzeit auf einer Nordsee-Insel, sieht sich durch den Spitzenplatz bestätigt: »Das stärkt meine Zuversicht« Lothar Späth schmunzelte schwäbisch und ließ seinen Staatssekretär Matthias Kleinert sagen, er betrachte es »immer als gut, wenn Späth vorne steht«.

»Oh, ein guter Mittelplatz«, freute sich Berlins Diepgen endlich wieder. Hessens Börner war's auch zufrieden und verstand nur seinen dritten Rang als Kartenpartner nicht: Der SPD-Regierungschef nämlich »mischt nur in der Politik« mit. Anders Barschel, der mit seinem achten Platz hadert, weil er »sehr wohl Karten spielen kann«.

Als einer, mit dem sich »Pferde stehlen« lohnt, gab Oskar Lafontaine, SPD-Sieger an der Saar, gleich die politische Richtung an »Das Niedersachsen-Roß« möchte er für den Genossen und Albrecht-Herausforderer Gerhard Schröder am liebsten von der Koppel holen.

Drittletzter Bernhard Vogel, CDU-Regierender in Mainz, bestätigte seine Plazierung. Vogel-Sprecher Hans Kaiser auf Journalisten-Anfrage: »Wenn etwas der Kommentierung wert ist, sagen wir euch was. In diesem Falle nicht.«

In Hannover gaben sich CDU-Strategen, trotz des schlechten Albrecht-Abschneidens, gewiß, daß »zwei Drittel der Bevölkerung weiterhin »unbedingt« wollen, daß Albrecht Ministerpräsident bleibt.

Das könnten unterdes ein paar weniger geworden sein: Vorletztes Wochenende ließ die SPD mehr als 400000 Werbe-Exemplare der »Vorwärts«-Ausgabe mit der Politiker-Tabelle in Niedersachsen unter die Wähler bringen.

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