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Pfiffikus gesucht

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 21/1995

Nur Masochisten können jetzt noch FDP wählen. Aber davon gibt es genug. So kann ich (der das Totenglöckchen schon einmal zur Unzeit geläutet hat) für möglich halten, daß die FDP 1998 wieder in den Bundestag einziehen wird.

Was den Vorsitzenden Klaus Kinkel anbelangt, der das künftig nicht mehr sein will, so kann man diese Entscheidung für falsch halten oder nicht, ich (in Unkenntnis der näheren Umstände) halte sie für falsch. Die angebliche »neue Chance« ist ja nur die übliche, die mehrmals vertane »alte Chance«.

Ein neuer Mann soll her, den gar niemand kennt und der als Mitglied des Bundestages nicht ein einziges Mal durch einen bemerkenswerten Beitrag aufgefallen ist, wenn er denn je gesprochen hat.

Aufgefallen ist er dann doch im vorigen Jahr mit seiner Rede auf dem Geraer Parteitag, während des Scherbengerichts über Kinkel; feurig hat er geredet, aber kein lobendes Wort auf Kinkel verschwendet. Und dieser Hesse soll nun - wieder einmal - »das Profil schärfen«?

Ob diese FDP-Leute nicht merken, wie absolut gleichgültig sie die Zeitungsleser und ihre Wähler mit solchem Stuß lassen? Profil hat man, oder man hat es nicht. »Profil schärfen« heißt doch hier weiter nichts, als potentiellen Wählern hinterherzulaufen, deren wahre Interessen man nicht kennt.

Kinkel, kein strahlender, ein polternder, aber ein passabler Bundesaußenminister, konnte das ohnehin nicht. Man muß Clausewitz lesen, um Kinkels sonderbare Formel zu verstehen, er habe das »Heft des Handelns«, später das »Gesetz des Handelns« in die eigenen Hände genommen.

So etwa stellt man sich das Handeln des österreichischen Generals Mack 1805 in Ulm vor ("Je suis le malheureux Mack"), als er die Stadt ohne Verteidigung samt 23 000 Mann vor Napoleon kapitulieren ließ. Ein eigener Entschluß? »Je suis le malheureux Kinkel«, hätte der abgehende FDP-Vorsitzende Mack kopieren können.

Kinkel handelte aus eigener Entscheidung, als er Außenminister wurde. Das ging auch gar nicht anders (Frau Schwaetzer war schon die personifizierte Quoten-Verlegenheit). Parteivorsitzender aber wurde er nicht aus eigenem Entschluß, dazu hat er sich drängen lassen. Warum? Kinkel ist ein gewissenhafter, aber kein genuiner Politiker je gewesen noch geworden.

Es macht keinen großen Sinn, Mittelstandspolitik zu proklamieren, aber nicht durchzusetzen. Wer ist denn nun daran schuld? Der Betreffende ist erkannt, bereits ausgemacht: Hermann Otto Solms, Vorsitzender der Bundestagsfraktion. Wieso, hat er denn die Fraktion nicht gut und straff geführt? Das eben ist der Vorwurf. Er habe sie strikt an der Seite der Union gehalten (Hamm-Brücher: »Rücktritt längst überfällig").

Wie Kinkel es war, so ist ja auch der 51jährige Wolfgang Gerhardt ein unbeschriebenes Blatt. Sein Vorteil: Er ist kein Beamter, sondern Politiker. Aber aus welchem Ärmel soll er die »programmatische Erneuerung« zaubern, mit der man der Union klarmachen kann, daß diese Unvernunft betreibt, wenn sie die »vernünftigen« Vorschläge der FDP nicht annimmt?

Das kann man ja wohl nicht dem Aufsteiger Guido Westerwelle, dem 33jährigen Generalsekretär, überlassen. Es genügt heute eben nicht mehr, als »Wirtschaftsliberaler« aufzutreten, das tun in der Koalition beinahe alle. Die FDP muß die Möglichkeit ins Auge fassen, keine Existenzberechtigung mehr zu haben.

Wer hat denn dann ein Rezept? Jörg Haider? Die taz tut so, als glaube sie das, wendet aber ein: »Die Frustrierten der modernen Gesellschaft lassen sich wohl leicht einsammeln, aber seriöse Politik ist schwer mit ihnen zu machen.«

Der Irrtum, an dem die FDP leide und vielleicht zugrunde gehe, trage nicht den Namen Kinkel, sondern andere Namen, meint die Frankfurter Allgemeine. Wer Johann Georg Reißmüller kennt, weiß, welche: Genscher und Lambsdorff.

Oder vielleicht Jürgen W. Möllemann? Nein, der nun nicht mehr. Er steht natürlich zur Verfügung, wenn die Partei ihn ruft: »Ein Pfiffikus an der Spitze« sei nun gefragt, ließ er vernehmen. Dann doch lieber nobel zugrunde gehen.

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