Zur Ausgabe
Artikel 15 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RAUSCHGIFT Pfundig abnehmen

Der Appetitzügler »X-112« ist als Suchtmittel groß in Mode: Fixern dient er als Ausweichdroge, Jugendlichen zum Einstieg in die Szene.
aus DER SPIEGEL 37/1980

Polizeibeamte, die den 22jährigen Werner S. bei einer Razzia in Singen musterten, bot sich der gewohnte Anblick: »Glasige Augen«, »stechender Blick«, wie bei einem Fixer. Doch ungewöhnlich war, wie der stadtbekannte Junkie auf den polizeilichen Zugriff reagierte. »Der quasselte dauernd«, schrie und schlug unvermittelt um sich; dann brach er zusammen.

Den Grund für das renitente Verhalten des sonst ruhigen Fixers ergab eine chemisch-toxikologische Analyse der Blut- und Harnproben. Werner S. hatte sich diesmal nicht Heroin gespritzt, sondern Tropfen des Appetitzüglers »X-112« injiziert.

Schlimme Folgen von X-112-Genuß registrierten Drogenexperten auch schon anderswo. In Berlin wurde ein Sechzehnjähriger nach einem Zusammenbruch auf der Intensivstation behandelt. Er hatte täglich bis zu einer halben Flasche der Pharma-Droge geschluckt.

In Ulm mußten zwei Mädchen tatenlos mitansehen, wie ihr Zimmer abbrannte. Sie waren nicht in der Lage, eine umgefallene Kerze zu löschen. Wochenlanger X-112-Konsum hatte sie in den Rausch versetzt, der brennende Raum sei eine blühende Wiese. In Solingen starb eine 17jährige nach einer Überdosis des Schlankheitsmittels.

In der bundesdeutschen Drogenszene haben Süchtige neuen Stoff entdeckt: X-112, seit fünfzehn Jahren in Tropfen- und Drageeform im Handel, gilt seit kurzem den Fixern als zusätzliches Stimulans -- Nachfolger von rauscherzeugenden Schmerz- und Aufputschmitteln, die aus dem Handel gezogen oder dem Betäubungsmittel-Gesetz unterstellt wurden.

Auf Schülerparties und bei Fixertreffs grassiert die »neue Modewelle«, so der Tübinger Gerichtsmediziner Hans Joachim Mallach. Vom Südwesten der Republik bis nach Hamburg und Berlin breitet sich der Mißbrauch des Medikaments, wie Kripo und Klinikärzte beobachten, übers Land: »Das geht schneller als das Trommeln im Busch« (Mallach).

Wenn auf der Szene der Heroinnachschub stockt oder wenn das Geld für den Stoff ausbleibt, dann ist »X-112 zwar nicht so gut wie ein guter Schuß«, bekennt ein Darmstädter Fixer, »aber auf jeden Fall besser als ein schlechter«. Der Ulmer Drogenfahnder Fried Mandera meint gar, X-112 sei für Heroinabhängige »das Ausweichmittel schlechthin«.

Inzwischen gelten die Schlankheitstropfen aber auch, wie Rauschgiftfahnder feststellen mußten, Jugendlichen als Einstieg zur Sucht. 14- bis 17jährige mischen bis zu 25 Milliliter, ein halbes Fläschchen des Medikaments, in Cola und fühlen sich dann, wie es eine Konstanzer Gymnasiastin beschreibt, »erst mal ganz anders": optimistisch, vergnügt, erregt.

Effektiver, aber auch gefährlicher als solche Mixtur ist freilich das Fixen. Die Wirkung setzt sofort nach der Spritze ein und hält Stunden an. »X-112 wirkt«, weiß der Darmstädter Mediziner Christian Piper, »wie eine Droge« -- wer's nimmt, wird erst high und dann abhängig.

Oft genug auch krank. Nicht selten sind Herzanfälle, Leberschäden, und bisweilen wird der Hemmer auch zum Hammer: Von regelrechten »Angstpsychosen« bis hin zu »dramatischen Zusammenbrüchen« berichtet Piper.

Daß der Schlankmacher aus Flasche und Kapsel (Hersteller-Anzeige: »Pfundig abnehmen") nicht nur Gewichtsprobleme löst, weiß das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin schon seit Jahren. Doch bis Juli war das Präparat frei im Handel und beim BGA ohne Hinweis auf Nebenwirkungen registriert. S.56 Erst nachdem Polizei und Mediziner Alarm geschlagen hatten, handelten die Berliner.

Unter Rezeptpflicht gestellt wurden allerdings nur die X-112-Tropfen, Dragees dürfen Apotheker weiterhin frei abgeben. »Ein Schildbürgerstreich«, schimpft Mallach, denn bei den Dragees müsse man nur die Deckschicht abkratzen und das Zeugs auflösen -»dann rein in die Pumpe und drücken«.

An die begehrten Tropfen gelangen, trotz Rezeptpflicht, X-112-Abhängige ohnedies auch weiterhin. Wer nur ein bißchen dick ist, dem verschreiben Ärzte, oft auch aus Unkenntnis, das Antiadipositum anstandslos und »selbst in rauhen Mengen«, wie ein Frankfurter Apotheker wissen will.

So kommt das Mittel meist über den ordnungsgemäßen Weg in die Szene: Vom Arzt verschrieben, beim Apotheker eingelöst, wird das X-112-Rezept zum legalen Fahrschein für den Trip. Erwerb, Konsum und Weitergabe sind straffrei, und auch gegen die »medizinisch äußerst bedenkliche intravenöse Injektion« (Mallach) der zum Einnehmen bestimmten Tropfen können Polizei und Staatsanwaltschaften nichts unternehmen.

Schlimmer noch, daß sich X-112-Konsumenten einreden, sie seien »clean« und könnten von dem synthetischen Suchtmittel lassen. Opiatexperten, wie der Tübinger Drogenarzt Knut-Ingomar Pedal, haben oft mit ansehen müssen, daß der Schlankmacher schon nach ein paar Wochen »körperlich als Suchtmittel erlebt wird«.

Als die Polizei in Dornstadt, einer kleinen Landgemeinde im Schwäbischen, eine Gruppe vermeintlich Heroinsüchtiger aufspürte, waren es Jugendliche, die sich an dem Appetithemmer berauschten, neun Mädchen und Jungen zwischen 14 und 18 Jahre alt.

Dem Bundesgesundheitsamt ist das noch nicht genug. »Um X-112 auf den Index zu setzen«, bedauert Peter Schönhöfer vom BGA, »fehlen uns Daten des Mißbrauchs.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 15 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.