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Kriminalistik Pfusch am Code

Eine Panne beweist: Der genetische Fingerabdruck, als Wunderwaffe gegen Verbrecher gepriesen, bringt auch Unschuldige in Haft.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Die Polizisten kamen kurz nach der Frühstückspause in den Sanitärbetrieb und nahmen Rainer Gutschmidt gleich mit auf die Wache. Dem Berliner Vorarbeiter blieb nicht einmal Zeit, sich von seinen Kollegen zu verabschieden.

Die Beamten glaubten, einen Schwerverbrecher gefaßt zu haben. Die nächsten sechs Monate verbrachte Gutschmidt, 28, in Untersuchungshaft.

Er sei dringend verdächtig, so hielten ihm die Ermittler vor, die Ost-Berlinerin Gisela Braun, 47, in ihrer Wohnung vergewaltigt, stranguliert und erstochen zu haben. Genetische Analysen hätten ergeben, daß in der Toten gefundenes Sperma nur von Gutschmidt stammen könne.

Was den Mann ins Gefängnis brachte, gilt unter Ermittlern als Superwaffe im Kampf gegen Verbrecher. Fast immer, wenn Speichel, Blut oder Sperma geflossen sind, schalten heute die Fahnder ihre Genetik-Spezialisten ein. Bis zu »300 000mal mehr Beweiskraft« als bisher übliche Blut- oder Gewebeuntersuchungen, so schwärmte der Züricher Gerichtsmediziner Walter Bär, habe die DNA-Analyse, die Untersuchung des Erbmaterials in Körperzellen.

Doch der Arbeiter Gutschmidt kam unschuldig in Haft. Sein Fall bringt das revolutionäre Verfahren, den sogenannten genetischen Fingerabdruck, nun ins Zwielicht: Die hochempfindliche Methode ist pannenanfällig, die Qualität der Gutachten nur schwer überprüfbar, die Beweiskraft der Expertisen wird überschätzt. Gutschmidt, so stellte sich heraus, hatte seine Freiheit durch einen Laborfehler verloren.

Der Fehlgriff der Fahnder ist der bisher schwerstwiegende Zwischenfall beim Einsatz des genetischen Fingerabdrucks in Deutschland. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Gerichtsmediziner, die für das falsche Gutachten verantwortlich sind.

Dennoch haben die Behörden den Mißgriff verschwiegen, obwohl möglicherweise durch ähnliche Pannen weitere Unschuldige ins Gefängnis gewandert sind. Fehler beim DNA-Abgleich können jeden treffen, oft fahndet die Polizei bereits mit einem genetischen Schleppnetz.

Vor zwei Jahren wurden nach einem Feuerwehrball im niedersächsischen Dorf Hänigsen alle Festgäste unter 70 Jahren zur Blutprobe gebeten, insgesamt 138 Männer. Tatsächlich gelang es, den Mann herauszufinden, der nach der Feier eine 19 Jahre alte Schülerin vergewaltigt und ermordet hatte.

Immer häufiger führt das charakteristische Balkenmuster der Erbsubstanz DNA, durch komplizierte chemische und biologische Verfahren sichtbar gemacht, die Fahnder zum Täter. Auch die Ermittler in Berlin glaubten sich am Ziel, als sie den Vorarbeiter Gutschmidt abführten.

Passiert war die Panne im November 1990. Mit den herkömmlichen Ermittlungsmethoden war die Polizei bei der Fahndung nach dem Mörder von Gisela Braun nicht weitergekommen. Die Beamten baten Gutschmidt deshalb um eine Blutprobe. Er war in Verdacht geraten, weil er zwei Tage vor dem Mord mit Gisela Braun die Nacht durchzecht hatte. Später hatte er die Frau tot in ihrer Wohnung gefunden und sofort die Polizei gerufen.

Die Ermittler beauftragten das Institut für Gerichtliche Medizin an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Gutschmidts Blut und das in der Leiche gefundene Sperma per DNA-Test miteinander zu vergleichen. Die Ost-Berliner Laboranten arbeiteten bereits seit mehreren Jahren mit der erst 1985 von dem englischen Genetiker Alec Jeffreys erfundenen Methode. Sie galten als führendes ostdeutsches Labor, in Erfahrung und Ausstattung lagen sie auf West-Niveau.

Dennoch machten die Gerichtsmediziner einen folgenschweren Fehler. Damit der typische Strichcode sichtbar wird, muß die in den menschlichen Zellen enthaltene DNA-Kette, die Trägerin der Erbinformationen, zerstückelt und in einem elektrischen Feld sortiert werden (siehe Grafik).

Beim Einfüllen der Proben in das Sortiergerät vermischten die Laboranten aber offenbar winzige Mengen Erbmaterial aus dem Blut Gutschmidts mit Zellen aus der Spermaspur. Durch die Panscherei stimmten die Strichcodes von Blut und Spermaspur plötzlich überein.

Der Pfusch am Code blieb unerkannt. Das bei Gutschmidt ausgemachte DNA-Profil, so schrieben die Gerichtsmediziner in ihr Gutachten, komme unter 18 Millionen Menschen nur einmal vor. Eine Verwechslung sei somit ausgeschlossen, das Sperma stamme »zweifelsfrei« von dem Arbeiter.

Aufgedeckt wurde der Fehler erst durch ein zweites Gutachten, das der ermittelnde Staatsanwalt auf Drängen des Verteidigers Monate später in Auftrag gab. »Schon an der ungewöhnlichen Struktur des Balkenmusters hätte ein geübter Gutachter feststellen müssen, daß mit der Probe etwas nicht in Ordnung ist«, sagt der Bochumer Humangenetiker Jörg Epplen, der das Gegengutachten erstellte: »Dies war nicht nur eine Laborpanne, sondern ein schwerer Interpretationsfehler.«

Epplens Analyse hatte ergeben, daß die sichergestellte Spermaprobe nicht von dem Inhaftierten stammen könne. Gutschmidt wurde sofort freigelassen. »Ich möchte Ihnen persönlich mein großes Bedauern darüber aussprechen, daß Sie . . . unschuldig Untersuchungshaft zu erleiden hatten«, entschuldigte sich der Staatsanwalt per Brief bei Gutschmidt, »und wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.«

Zwar halten Gutachter Pannen wie in Ost-Berlin für selten. Zudem nutzen die Gerichtsmediziner mittlerweile neue Verfahren, bei denen die Strichcodes einfacher und sicherer zu interpretieren sind. Dennoch warnen führende Spezialisten davor, daß die molekularbiologische Kriminalistik trotz aller Fortschritte bis heute nicht unfehlbar ist. »Es gibt Dinge, die passieren eben«, sagt Gunther Geserick, Direktor der Ost-Berliner Gerichtsmedizin, »so wie ein Lokführer ein rotes Signal überfährt.«

Gerade die Verfeinerung der Technik macht die Methode anfälliger für Schlamperei.

Immer geringere Mengen an Spurenmaterial reichen den Genetikern, um ein unverwechselbares DNA-Profil zu gewinnen: Schon kleine Hautfetzen des Mörders, im Todeskampf abgekratzt und unter den Fingernägeln des Opfers sichergestellt, bringen Kriminaltechniker auf die Spur. Aus der Spucke unter der Briefmarke des Erpresserbriefes, den Wurzeln ausgerissener Haare und stecknadelkopfgroßen Blutstropfen entwerfen sie einen einzigartigen mikrobiologischen Steckbrief des mutmaßlichen Täters.

Ein einziges Haar half kürzlich, den österreichischen Frauenmörder Jack Unterweger zu überführen. Das amerikanische FBI arbeitet an einer Methode, bei der schon wenige Zellen den sicheren Hinweis auf den Täter liefern: Eine Hautschuppe oder winzige Schweißtropfen gäben den Ermittlern dann ebenso viele Informationen wie ein am Tatort vergessener Personalausweis.

Zu »sokratischer Selbstkritik« fordert Richard Dirnhofer, Direktor des Instituts für Gerichtsmedizin an der Uni Bern, deshalb seine Kollegen auf. Schon mikroskopisch kleine Verunreinigungen der Proben könnten zu falschen Ergebnissen führen. Zudem würden die Labors derzeit mit Aufträgen überflutet; die Gefahr steige, daß in dem Massenbetrieb Proben verwechselt würden.

Ständig bieten neue Institute Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Dienste an, obwohl den Verantwortlichen, so warnen Gutachter, zuweilen die nötige Erfahrung fehle. »Ein Gerichtsmediziner sollte Hunderte oder besser Tausende von Proben analysiert haben«, mahnt der Bochumer Humangenetiker Epplen, »bevor er sich an einen Ernstfall herantraut.«

Während die Genforscher ihre Analysetechnik immer weiter ausfeilen, vernachlässigen viele prinzipielle Sicherheitsstandards bei den Untersuchungen: Noch immer existiert keine verbindliche Richtlinie für die mikrobiologische Feinarbeit.

In Großbritannien werden den Labors von einer zentralen kriminaltechnischen Forschungsstelle immer wieder Testaufträge untergeschoben, Pannen wird nachgegangen. In Deutschland dagegen gibt es keine Pflichtkontrolle. Die Gen-Institute können ihre Arbeit in freiwilligen Ringversuchen prüfen lassen. Wann der Mediziner-TÜV ihnen auf die Finger schaut, wissen die Laboranten dann vorher. Um sicherzugehen, beauftragen einige Staatsanwälte, etwa in Berlin, inzwischen stets zwei unabhängige Institute mit der DNA-Analyse einer Spur, sofern genügend Material vorhanden ist.

Problematisch sind Pannen vor allem deshalb, weil kaum einer anderen Methode höhere Beweiskraft zugeschrieben wird. Nicht selten geben Gutachter die Sicherheit einer DNA-Analyse mit eins zu mehreren Milliarden an.

Zwar hat der Bundesgerichtshof vor zwei Jahren bereits entschieden, daß kein Angeklagter allein aufgrund eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Dennoch gelten die DNA-Gutachten im Prozeß zumeist als wichtigstes Indiz. »Oft urteilen Richter nach dem Grundsatz: DNA - alles klar«, sagt der Berliner Anwalt Andreas Schulz.

»Kaum ein Anwalt oder Richter«, so Schulz, »ist noch in der Lage, die Mediziner zu kontrollieren.« Wenn seine Kollegen die Qualität der Analysen nachprüfen wollen, schimpft auch der Frankfurter Anwalt Rainer Hamm, würden »Hürden aufgerichtet, die kaum zu überwinden sind«. Einen Anspruch auf eine Kontrollanalyse durch ein zweites Labor haben Angeklagte vor Gericht nicht, oft wird ihnen sogar der Einblick in Unterlagen des Labors verwehrt.

Dennoch erwägt das Bundeskriminalamt bereits den nächsten Schritt. Nach einer Gesetzesänderung wollen die Wiesbadener Kriminalisten amerikanische Fahndungsmethoden auch in Deutschland einführen: In nahezu zwei Dutzend US-Bundesstaaten nutzt die Polizei bereits Datenbanken, in denen die DNA-Profile nicht nur von Gewaltverbrechern gespeichert sind, sondern auch von Steuerhinterziehern, Einbrechern oder Kleinbetrügern. In Großbritannien arbeitet Scotland Yard am Aufbau einer ähnlichen Datei.

Angelsächsische Kriminalisten diskutieren gar schon über eine Super-Datensammlung, in der das DNA-Profil jedes Neugeborenen gespeichert werden soll. Wo immer Polizisten am Tatort Haare, Haut oder Blut sichern könnten, wäre der Fall praktisch gelöst: Den Mörder könnte der Computer liefern, per Tastendruck und in wenigen Sekunden. Y

»Oft urteilen Richter nach dem Grundsatz ,DNA - alles klar'«

[Grafiktext]

__43_ Die Technik des genetischen Fingerabdrucks

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